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Blaues Sofa: Kabarett mit Kneipennostalgie von "Ludchen", "Schwan" und Bahnhofslokal bis zum "Fuchsbau"

Von Frikadellen mit Made und Dröppelbier im "Stern"

Rinteln (cok). Der zuständige "Mann am Klavier" Herbert Lux sah mit Cowboyhemd und -hut sehr schnieke aus und auch Ulrich Reineking als amüsanter Protagonist des Abends zeigte stolz seine von der Frau des Landrats höchstpersönlich gebatikte Krawatte - die beiden hatten sich fein gemacht, bevor es losging zu einem rhetorischen Spaziergang durch Rintelns Kneipenszene.

veröffentlicht am 05.10.2006 um 00:00 Uhr

Herbert Lux mit Cowboyhut eröffnete als schlagfertiger Plauderga

Dabei freuten sich besonders die etwasälteren Besucher des "Blauen-Sofa"-Kabaretts im Foyer der Volkshochschule, denn es ging nur am Rande um "Bodega" und "Marktwirtschaft", "Sloppy Joe" oder den "Altstadtkeller", nein, Ulrich Reineking verwandelte sich in den lebenshungrigen Oberschüler, der er vor 40 Jahren war, und erinnerte an urtümliche Örtlichkeiten, gegen die alles, was Rinteln heute zu bieten hat, offensichtlich vollkommen harmlos ist. Wo heute ein Drogeriemarkt ist, gab's damals die "Taverne", einen Nachtclub, dessen Wirtin die Schüler backstage versteckte, damit sie die Show sehen konnten, ohne dabei von gewissen Lehrern erwischt zu werden, die dort häufig zu Gast waren, natürlich ausschließlich zur Schülerkontrolle (Reinekings bestgehasster Sportlehrer war allerdings nicht unter der Kundschaft, denn "der hatte mit Liebe noch nicht mal in ihrer käuflichen Form was zu tun!"). Der "Weiße Schwan" bot hausgemachte Frikadellen an und Gerüchten zufolge manchmal die Made gleich dazu, und wenn's von den Toiletten her schon mal würzig herüber stank, sprach der Wirt gelassen: "Ich bin nun mal für Natürlichkeit...". Im "Fuchsbau" fanden sich lockere Mädchen, die in der diskreten Abgeschiedenheit des Flipperraumes auch noch andere Spiele als das Flippern liebten, und während Kellner Ass in der Bahnhofsgaststätte brennende Aschenbecher lässig mit einem Tablett voller Pils löschte, holte man sich im "Goldenen Stern" am Markt zum Abschied mit etwas Pennälerglück noch ein "Dröppelbier" umsonst. All diese Geschichten waren natürlich durchsetzt von Gegenwartsbezügen, sei es zum Beispiel mit der Empörung darüber, dass am selben Ort, wo der legendäre Wirt Ludchen Beißner so unglücklich in einer Pfütze aus Wasser und Bier ertrank, nun noch "mehrwertsteuerpflichtige Barfußtherapeuten" im "Samadhi" ihre Meditationskurse anbieten - sei es in der beiläufigen Bemerkung, auch Ratsherren in einer lustigen Nacht beim Sammeln von Pfandflaschen gesehen zu haben, während ein anderer Vertreter "dieser Sorte Mäuse" beim mitternächtlichen Verteilen von Schmähschriften gegen den Bürgermeister erwischt wurde, "ohne dass dies irgendwelche Folgen für den einen oder den anderen gehabt hat". Bei all' diesen kleinen Gemeinheiten aber war der "Blaue-Sofa"-Abend trotzdem ausgesprochen sentimental geprägt. Herbert Lux, versierter Alleinunterhalter, spielte auf seinem Keyboard allerschönste Schlager, bei denen Ulrich Reineking so herzlich mitsang, dass auch das Publikum mitgerissen und zum Singen animiert wurde. "Ja, so ist das!", sagte Herbert Lux, der diesmal auch als Plaudergast auf dem blauen Sofa saß. "Die Lieder, die vor 30 Jahren out waren, sind heute wieder echte Renner auf den Partys." Der kleine Musiker erwies sich rhetorisch als groß: Gefragt, ob er bei Betriebsfeiern oder Familienfesten auch mal ans Büfett geladen wird, meinte er zum Vergnügen der Zuhörer, das wäre gar nicht nötig, der Keyboardkoffer sei auswaschbar ("lebensmittelecht"), da könnte er jede Menge Leckereien verstauen. "Merkt doch keiner, wenn ich beim Weggehen das Keyboard unterm Arm trage...!" Fast zwei Stunden dauerte das Programm, in dem es noch tausend andere Späße gab, darunter eine Reihe rein mathematische Witze, zu erzählen, wenn der Papst oder radikale Moslems zu Besuch sind: "Sagt die Null zur Acht: "Boa, wo kriegt man solche geilen Gürtel her?" Das nächste "Blaue Sofa" gibt es am 6. November.

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