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Senioren werfen einen Blick zurück – und ziehen eine vorläufige Bilanz ihres Lebens

Von fabelhaften Zeiten und fehlender Zeit

80 Jahre manchmal nur 54 Jahre – wie viel Lebenszeit einem vergönnt ist, weiß niemand. Im Alter stellt sich oft die Frage: War die Zeit gut genutzt, habe ich getan, was ich tun wollte, wann waren es gute, wann schlechte Zeiten? Ein geflügeltes Wort heißt da: „Auf dem Sterbebett hat sich wohl noch niemand gewünscht, mehr Zeit im Büro verbracht zu haben.“ Wir haben Senioren aus dem Landkreis nach ihrem persönlichen Rückblick gefragt:

veröffentlicht am 01.03.2011 um 19:00 Uhr

Lieselotte Mehler

Autor:

Annette Hensel

Lieselotte Mehler (81): „Die schönste Zeit war wirtschaftlich die schwerste: meine Kinder- und Jungmädchenzeit.“ Nie vergesse sie den Zusammenhalt, die Hilfsbereitschaft, die Freude, wenn am Weihnachtsabend ihre Puppe unterm Baum lag – mit neuem Kleid oder repariertem Kopf. „Lange Arbeitstage, toller Posten“, beschreibt sie eine Arbeit in Hameln. Um mehr Zeit für die Mutter zu haben, wechselte die Lohnbuchhalterin nach Hessisch Oldendorf. Was fehlt ist gelebte Zeit mit Kindern; beide Ehen bleiben kinderlos. „Gerne hätte ich auch Sprachreisen ins Ausland gemacht“, sagt sie. Nun „liegen die Fahrten nach Hameln wie ein Berg vor mir“. Trotz „etwas Angst vor der verbleibenden Zeit“ freut sie sich darauf, lesen und bei Wind und Wetter spazieren gehen zu können.

Lore Gahl (70): „Alles hat seine Zeit“, diese Bibelworte kommen ihr in den Sinn, wenn sie zurückblickt. „Rundum zufrieden und dankbar“ sei sie, über 40 Jahre verheiratet zu sein und gesunde Kinder zu haben. Erfüllt sei ihr Berufsleben als Lehrerin gewesen, kostbar die Zeit, als die Eltern im letzten Lebensabschnitt unter ihrem Dach wohnten. „Ich habe mich immer auf neue Lebensumstände einstellen können und für das Zeit gefunden, was mir wichtig war“, sagt die Heßlingerin. „Ich bin mobil, nehme an kulturellen Veranstaltungen teil, bin sportlich aktiv, reise innerhalb Deutschlands, lese und schreibe Briefe“, zählt die 70-Jährige ihre zahlreichen Freizeitbeschäftigungen auf. Ihr Wunsch: „Möglichst lange eigenständig mit meinem Mann zusammenleben.“

Erich Mettin (73): „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, witzelt er, als er auf sein Leben angesprochen wird. „Am schönsten waren die Jahre von 1959, als ich meine Frau in Berchtesgaden im Urlaub kennenlernte, bis 1961, als wir heirateten und 1964, dem Geburtsjahr unseres Sohnes Thomas.“ Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, würde er alles noch einmal so machen, sagt er, aber: „Für ausgedehnten Urlaub haben wir uns nicht viel Zeit genommen, meine Frau hat 40 Jahre, ich habe 48 Jahre lang gearbeitet.“ Heute rase die Zeit wie verrückt. Rätsellösen, Bingospielen sind seine Hobbys, und seit Jahrzehnten ist er begeisterter Chor-Sänger. Was er sich für die Zukunft wünscht? „Wir hoffen, dass wir noch lange zusammen und möglichst lange beweglich bleiben.“

Lore Gahl
  • Lore Gahl
Erich Mettin
  • Erich Mettin
Gertrud Seidel
  • Gertrud Seidel
Fritz Heinrich
  • Fritz Heinrich
Hans-Ludwig Heise
  • Hans-Ludwig Heise
Ursula Hartmann
  • Ursula Hartmann
Erwin Ruhe
  • Erwin Ruhe
Lore Gahl
Erich Mettin
Gertrud Seidel
Fritz Heinrich
Hans-Ludwig Heise
Ursula Hartmann
Erwin Ruhe

Gertrud Seidel (97): Als älteste Einwohnerin Fuhlens erhält sie alljährlich Besuch von den Kirmesburschen. Bislang hat die 97-Jährige nicht nur ihren Haushalt, sondern auch den Gemüse- und Blumengarten eigenständig versorgt. „Es geht nur alles nicht mehr so schnell“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie mit zunehmendem Alter auch mehr Hilfe benötige. Heute vergehe die Zeit viel schneller, fährt sie fort. Am liebsten sitzt sie nach getaner Arbeit im Sessel, liest und strickt; Langeweile kennt sie nicht. „Ich war immer zufrieden und blicke auf ein ereignisreiches Leben zurück.“ Schön wäre es gewesen, wenn ihr Ehemann sie 1946 mit der gemeinsamen Tochter von Schlesien nach Fuhlen begleitet hätte; er kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Die sorglose, behütete Jungmädchenzeit sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen.

Fritz Heinrich (81): „Die schönste Zeit habe ich von 1960 bis 1970 erlebt, als ich mit meiner Familie auf Gut Stau lebte und dort als Melkermeister arbeitete.“ Unvergesslich sei die Erinnerung an die Sommerzeit, wenn die Tiere in der Natur weideten. „Ich habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben …“, obwohl er gern noch Koch gelernt hätte, wenn er mehr Zeit gehabt hätte. Posaunen- und Kirchenchor, Fische und Hühner, damit beschäftigt Heinrich sich seit Jahrzehnten. „Tiere werde ich lieben, bis ich sterbe! Solange ich kann, möchte ich mich um meine 30 Hühner und die Fische im Teich kümmern und im Kirchenchor mitsingen.“ Was dem am weltpolitischen Geschehen interessierten Senioren Sorge bereitet: „Die Politiker haben nichts aus den Fehlern von früher gelernt.“

Hans-Ludwig Heise (68): „Zeit im Alter zu erleben, ist richtig schön“, findet er. Mit Ehefrau Anni nimmt er sich Zeit für Reisen im Wohnmobil oder Spieleabende. „Die Zeit läuft, wie der Sand einer Eieruhr wird sie weniger; entsprechend sollte man sein Leben so gestalten, dass man es im Alter genießen kann“, rät er. Und ergänzt: „Wir nehmen uns heute Zeit für das, wofür wir früher keine Zeit hatten.“ Auf das Älterwerden habe er sich vorbereitet, mit 60 noch eine Segler-Ausbildung gemacht; wochenlang sei er dann immer unterwegs gewesen. Als intensivste und schönste Zeitspanne nennt Heise die Jahre ab 1971. „Da zogen wir mit unseren vier Kindern nach Reinsdorf in unser altes Bauernhaus und genossen viele Freiheiten.“ Er gesteht: „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich wieder dorthin zurückziehen.“

Ursula Hartmann (70): „Manchmal weiß ich gar nicht, wo die Zeit bleibt“, sagt sie. Tagsüber hege und pflege sie ihren Haushalt, um die Zeit herumzukriegen, abends lege sie sich früh zu Bett, wenn die Zeit zu lang werde. Gerne geht die gebürtige Berlinerin spazieren, zum Friedhof oder mal ins Café. „Ich habe weder Angst vor dem letzten Lebensabschnitt noch vor dem Tod.“ Sie habe viel darüber nachgedacht und alles Notwendige geregelt. „Der schönste Zeit meines Lebens – den Geburtsjahren meiner drei Kinder 1961 bis 1968 – folgte eine schwere Zeit an der Seite meines ersten Ehemannes“, erinnert sie sich. Aber: „Mit meinem zweiten Mann erlebte ich das Gegenteil, nämlich eine Superzeit. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich die erste Ehe rückgängig machen.“

Erwin Ruhe (79): „Ich nichts missen“, sagt Ruhe, der „gar keine schlechten Zeiten“ erlebt hat. Besonders schön seien die Jahre 1955/56 gewesen: der Besuch der Malerschule in Lemgo mit Meisterprüfung und seine Heirat. 1957 machte sich der Großenwiedener selbstständig. „Gerne hätte ich mehr Zeit mit unseren drei Kindern zugebracht – ich hatte eben viel Arbeit und wenig Freizeit, erst später gönnten wir uns Urlaubszeiten.“ Heute gehe die Zeit viel schneller vorüber, findet Ruhe, der sich über die verbleibende Zeit so seine Gedanken macht. Früher hat er Fußball gespielt, heute fährt er viel Fahrrad, „um fit zu sein, aber auch zum Zeitvertreib“. „2010 waren es 2800 Kilometer.“ Seit 65 Jahren ist er im Posaunenchor und noch immer aktiv im Spielmannszug.



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