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Von der Suche nach dem fehlenden Ticket

Der Junge schaut aus dem Fenster. Draußen rauschen die kleinen Häuschen einer Schrebergartenkolonie vorbei. Über ihnen hängt eine graue Wolkenschicht. In der S-Bahn ist das monotone Rattern der Räder zu hören. Der Junge mit den aschblonden, kurzen Haaren verzieht keine Miene, scheint an nichts zu denken. Er starrt nur aus dem Fenster – fast so, als sei er gar nicht anwesend. „Guten Tag, einmal die Fahrscheine bitte“, erklingt plötzlich eine freundliche Männerstimme.

veröffentlicht am 06.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 14.12.2009 um 13:30 Uhr

Dagmar Erdmann und Elmar Pütter reisen mit gültigem Ticket.

Autor:

Julia henke

Der Junge sitzt auf einem der blauen Vierersitze der S-Bahn Linie 5 von Hannover nach Hameln. Er holt ein Portemonnaie aus der Hosentasche seiner blauen Jeans und hält dem Kontrolleur ein Ticket hin. Der Kontrolleur betrachtet den Fahrschein mit prüfendem Blick. Er schaut kurz hoch und gleich wieder runter auf das Ticket. Er überlegt kurz, dann sagt er: „Das ist eine abgelaufene Fahrkarte von Hameln nach Hannover.“ Die S 5 fährt aber zu diesem Zeitpunkt in entgegengesetzter Richtung. Er gibt dem Jungen die Fahrkarte zurück. Der sagt nichts, fängt nur an, in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke herumzuwühlen. Das, was er sucht, scheint er nicht zu finden. Und so tastet er seine Hosentaschen ab, guckt nochmal in sein Portemonnaie, in seinen Rucksack – nichts.

Dieses Suchen ist dem Kontrolleur Matthias Japke bekannt, wenn er eine Person ohne gültigen Fahrschein erwischt. Als könnten sie das fehlende Ticket doch noch irgendwo finden, „suchen manche auch schon mal etwas länger“, sagt Japke. Andere wiederum geben ihm gleich den Personalausweis – ohne großes Herumreden. Während seiner Arbeitszeit fährt der 31-Jährige mit den kurzen, hellbraunen Haaren im gesamten S-Bahn-Netz des Großraumverkehrs Hannover (GVH) umher. Um 16 Uhr beginnt die Abendschicht, „da sind die Züge fest vorgegeben“, sagt Japke. Tagsüber kann er sich aussuchen, auf welchen Strecken er mitfährt. An diesem Morgen kontrolliert er in der S 5. Wie viele Fahrgäste täglich in den S-Bahn-Linien schwarzfahren, weiß Japke nicht: „Darüber gibt es keine Statistik.“ Auch für sich selbst kann er keinen Durchschnitt ermitteln. „An manchen Tagen fahre ich in zehn Zügen hin und her und es passiert nichts. An anderen Tagen haben gleich mehrere Leute keinen gültigen Fahrschein.“

Ein Ticket nachzulösen ist in den Bahnen des GVH-Verbundes nicht möglich – anders als zum Beispiel in Fernverkehrszügen. „Im ICE kann man einen Fahrschein zum Bordpreis kaufen. Dort fährt auch immer ein Kontrolleur mit“, erklärt Japke. In den S-Bahnen des GVH wird hingegen nur sporadisch kontrolliert.

Noch keine Viertelstunde ist es her, dass Japke am Hauptbahnhof Hannover in den Zug mit der Nummer 9539 einstieg. Als der Zug losfuhr, stellte Japke seine Prüfzange und sein mobiles Terminal ein. Nun kommt der Minicomputer bei dem Jungen ohne gültigen Fahrschein zum Einsatz. Mit leiser Stimme sagt der Teenager: „Eigentlich habe ich eine Fahrkarte gekauft, aber die habe ich wohl im Automaten liegen lassen.“ Dann holt er unaufgefordert seinen Personalausweis aus seiner schwarzen Geldbörse. Derweil tönt aus den Lautsprechern eine Frauenstimme vom Band: „Nächster Halt Weetzen. Sie haben Anschluss in Richtung Bad Nenndorf, Haste. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.“

Der Junge starrt weiter aus dem Fenster, Japke setzt sich zu ihm. Ruhig und freundlich ist der Kontrolleur, tippt Namen, Adresse, Geburtsdatum und Personalausweisnummer des Teenagers in seinen Mini-Computer. „Wenn man die Sache ruhig angeht, übernimmt auch der Reisende die Ruhe“, sagt Japke. Nur selten reagiere ein Schwarzfahrer aggressiv, wenn er erwischt werde. Auf solche Situationen werden die Kontrolleure in speziellen Schulungen vorbereitet. Hilft gutes Zureden nicht weiter, holen sie die Polizei zu Hilfe, die sofort zur nächsten Station kommt.

Doch meistens verhalten sich die Schwarzfahrer friedlich. Viele versuchen aber, sich aus ihrer Lage herauszureden. „Manche lassen sich dabei richtig was einfallen“, sagt Japke und denkt dabei an ein Paar, das gerade vom Flughafen kam. Die beiden hatten ihre Tickets nicht entwertet. Von Japke darauf angesprochen, taten sie so, als könnten sie ihn nicht verstehen und sprachen ein gebrochenes Englisch. Japke fragte nach ihren Ausweisen, die sie angeblich nicht dabei hatten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde der Kontrolleur stutzig. „Jeder, der vom Flughafen kommt, hat Papiere dabei.“ Und so flogen die angeblichen Ausländer auf. Sie holten ihre deutschen Pässe aus der Tasche und Japke stellte fest, dass sie ganz in der Nähe des Flughafens wohnten – peinlich.

Doch nicht in allen Fällen ist die Sachlage so eindeutig. Am häufigsten hört Japke den Grund: „Der Automat oder Entwerter hat nicht funktioniert.“ Beliebt sei auch die Aussage: „Ich habe meine Monatskarte vergessen.“ Ob ein Fahrgast lügt oder die Wahrheit sagt, kann und möchte Japke nicht selbst beurteilen. Er notiert nur die Angaben, die anschließend von der Bahn überprüft werden und nimmt die Personalien auf – wie bei dem Jungen mit den aschblonden Haaren.

Der verzieht weiterhin keine Miene, sitzt mit leicht hängenden Schultern auf seinem Platz und hält seinen Blick nach links gerichtet – aus dem Fenster. An seinen Augen ziehen grüne und braune Ackerflächen vorbei und hohe Windräder mit großen Flügeln. Japke hält noch immer das mobile Terminal in der Hand. Langsam druckt das Gerät das Formular über die Fahrpreisnacherhebung aus und Japke erklärt dem Teenager, dass er innerhalb von zwei Wochen Widerspruch gegen den erhöhten Fahrpreis von 40 Euro einlegen kann. Schweigend nimmt der Teenager den Ausdruck entgegen. Japke steht auf und steckt den Mini-Computer zurück in die blaue Tasche, die an seiner rechten Schulter hängt. Noch ein Abteil, dann hat er alle rund 100 Fahrgäste im ersten Zugteil kontrolliert.

„Guten Tag, die Fahrscheine bitte“, sagt Japke und nimmt das Ticket einer Frau mit blauer Jacke entgegen. Ein prüfender Blick, dann schiebt er die Fahrkarte zwischen seine Zange. Ein Klick und das Ticket ist entwertet. „Eine gute Fahrt noch“, sagt Japke und steht auch gleich schon vor dem nächsten Fahrgast. Der hat vor seinem Gesicht eine Tageszeitung ausgebreitet. Langsam legt er sie auf seinen Knien ab und sucht in der Jackentasche nach seinem Fahrschein. Gefunden. Japke kontrolliert, ob alles in Ordnung ist und stempelt das Ticket ab.

Eine junge Frau Anfang 20 zeigt Japke ihr Portemonnaie. Unter einem Gitternetz steckt ihr Semesterticket, mit dem sie kostenlos fahren darf. Sie macht einen fröhlichen Eindruck und fragt: „Reicht ihnen das oder soll ich es rausfriemeln?“ Die Frage kommt Japke gleich ein bisschen komisch vor. „Wenn jemand fragt, ob er den Fahrschein rausholen soll, sage ich grundsätzlich ja.“ Ánsehen könne er es aber niemandem, der ohne gültigen Fahrschein fahre.

Die junge Frau mit den blonden Haaren und der schwarzen Brille zieht ihr Semesterticket hervor. „März 2009? Das ist ja schon eine Weile her“, meint Japke. Die Frau erwidert: „Oh, das ist das alte.“ Ihre Mundwinkel verziehen sich nach unten. Glücklich sieht sie jetzt nicht mehr aus. Während Japke schon dabei ist, ihre Daten in sein Terminal einzugeben, versucht sie ihm mit einem anderen Formular zu beweisen, dass sie Studentin ist und ihr neues Semesterticket nur vergessen hat.

Doch Japke hält sich an den Grundsatz, alle Fahrgäste gleich zu behandeln. „Wenn ich feststelle, der Fahrschein ist nicht gültig, dann muss ich eine Fahrpreisnacherhebung ausstellen“, sagt er. Aber die Studentin muss lediglich mit sieben Euro Bearbeitungsgebühr rechnen, wenn sie ihr gültiges Semesterticket in den nächsten 14 Tagen an einem beliebigen Schalter der Deutschen Bahn vorzeigt.

Kann ein Fahrgast keinen plausiblen Grund für seinen ungültigen Fahrschein nachweisen und wird er zudem noch dreimal innerhalb von drei Monaten erwischt, muss er mit einem Strafantrag wegen des Erschleichens von Leistungen rechnen. Und aus einem Strafantrag werden gleich drei. Denn rückwirkend werden die Anträge auch für die ersten zwei Schwarzfahrten gestellt.

In Hameln angekommen, steigt Japke in die nächste S-Bahn ein, die ihn zurück nach Hannover fährt. Auf dieser Fahrt haben alle Fahrgäste ein gültiges Ticket. Japke ist froh. Er findet es schöner, niemanden mit ungültigem Fahrschein zu erwischen. Er sagt: „Ich bin ja nicht auf der Jagd.“

Wenn Matthias Japke einen Fahrgast beim Schwarzfahren erwischt, nimmt er dessen Personalien auf und trägt sie in seinen Mini-Computer ein.

Fotos: jhe



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