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VfL-Fußball-Geschichte(n): Intermezzo im Kicker-Oberhaus, Absturz und erfolgreiche Neuausrichtung

Von der Soldatenelf zum Vorbild für Jugendarbeit

Bückeburg. Die Stadt ist eine Perle der Baukunst. Die ehemalige Residenzstadt der Grafen und Fürsten von Schaumburg-Lippe wird bisweilen als "Klein-Versailles" bezeichnet und erfreut sich eines beachtlichen touristischen Zulaufes. Der ortsansässige Verein für Leibesübungen indes kümmert sich um profanere Dinge - er ist berühmt für seine Jugendarbeit, die ihm 1988 die niedersächsische B-Jugendmeisterschaft beschert hat.

veröffentlicht am 08.04.2006 um 00:00 Uhr

Autor:

E. Schwarze

Die "Senioren" der Grün-Weißen profitierten in erheblichem Maße davon und kicken seit 1992 kontinuierlich in der 5. Liga, wobei man 2002/03 eine Mannschaft aufbieten konnte, deren Durchschnittsalter gerade einmal 22 Jahre betrug. Das erfolgreiche Jugendkonzept ist Resultat einer turbulenten Entwicklung, in der der VfL mehrfach vor dem "Aus" stand. Zuletzt war dies Mitte der siebziger Jahre der Fall, als nach vielen Spielzeiten voller Mühen und Investitionen endlich der Aufstieg in die Bezirksklasse gelungen war, man dort aber scheiterte, weil dem zusammengestoppelten "Legionärsteam" die Identifikation fehlte. Seitdem setzt der VfL auf Jugend und will vom bezahlten Leistungsfußball nichts mehr wissen. Bückeburgs eigentliche Fußballlegende ist im Übrigen der Militärsportverein "Jäger 7". Die Soldatenelf des örtlichen Jägerbataillons war 1935 mit Wiedereinführung der Wehrpflicht ins Leben gerufen worden und hatte die Ligaleiter anschließend im Sauseschritt erklommen. Als "Bückeburger Jäger" war man rasch zu einem festen Begriff in Norddeutschland geworden, hatte sogar den ruhmreichen FC Schalke 04 in einem Freundschaftsspiel bezwungen (4:2) und die Gauligaaufstiegsrunde 1938 gegen Sparta Nordhorn und Göttingen 05 verlustpunktfrei durchlaufen. Im Oberhaus wirbeltendie Soldaten freilich nur einen Sommer - als Deutschland 1939 in den Krieg zog, wurden die Jäger in alle Himmelsrichtungen verstreut und die Elf zurückgezogen. Die einzige Bückeburger Erstligaspielzeit nimmt nicht zu Unrecht einen Ehrenplatz in den örtlichen Fußballannalen ein, denn die Verve und Leidenschaft, mit der die Elf um Nationalspieler Heinz Ditgens und dessen Bruder Hermann, Peter Meulenberg, Leo Nolden sowie Ernst Indefry seinerzeit auftrat und Gegner wie Werder Bremen (6:2) oder die Braunschweiger Eintracht (2:1) bezwang, ist bis heute legendär und steht zudem für die erfolgreiche Epoche des Bückeburger Fußballs. Nach Kriegsende tat man sich in der Residenzstadt schwer, an alte Erfolgstage anzuknüpfen. Fünf Monate nach der Kapitulation entstand der TS Bückeburg, aus dem 1947 der VfL wurde und der unter anderem das Erbe des 1912 gegründeten und Mitte der dreißiger Jahre aufgelösten Ballspielverein fortsetzte. Die Grün-Weißen avancierten zwar zu einem aufstrebenden Großverein, in dem aber der Leistungsfußball einen schweren Stand hatte. 1949/50 zählte man immerhin zu den Gründungsmitgliedern der Amateurliga 3, in der 1952/53 nach zwei Vizemeisterschaften erstmals der Staffelsieg gelang. Als am 14. Juni 1953 mit einem 2:1-Aufstiegsrundensieg über Union Salzgitter überraschend der Sprung in die Amateur-Oberliga West perfekt gemacht wurde, grassierte in Bückeburg sogar noch einmal wie einst zu Zeiten der Jäger-Elf das Fußballfieber. Doch die 2. Liga mit Gegnern wie VfB Oldenburg und Eintracht Nordhorn war eine Nummer zu groß für den Kleinstadtclub: Regelmäßig mussten Leistungsträger abgegeben werden, und als der Abstieg 1957nicht mehr zu vermeiden war, ging es im freien Fall bis hinunter in die 1. Kreisklasse. Jene konnte der VfL erst 1972 nach einem dramatischen Duell mit Nachbar FC Hevesen wieder verlassen. Es folgten das erwähnte sportliche Fiasko mit der Legionärs elf und die Umorientierung auf die Jugendarbeit, die sich rasch auszahlte, dem VfL allerdings auch ein neues Problem bescherte: 1980 war die Fußballabteilung nämlich derart angewachsen, dass der einzige zur Verfügung stehende Platz (das alte Jahnstadion) für die insgesamt 14 Mannschaften hinten und vorne nicht mehr ausreichte. Die Lösung hieß Kunstrasen, was dem VfL bei den Gegnern einen gefürchteten Ruf einbrachte: Niemand mochte gerne auf dem Plastikuntergrund im Jahnstadion antreten. Der "jugendliche" VfL setzte derweil zu einem neuerlichen sportlichen Höhenflug an. 1986 wurde die Landesliga nur knapp verpasst, drei Jahre später bejubelte man den Gewinn des Niedersachsenpokals. In der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals kam der Zweitligatabellenführer Eintracht Braunschweig, lockte 6000 Fans ins - der Kunstrasen - benachbarte Obernkirchen und gewann mühevoll mit 2:0. Mit dem Sprung in die Landesliga erreichte der Bückeburger Aufschwung 1992 einen neuen Höhepunkt. Zugleich wurde das Jahnstadion von seinem Kunstbelag befreit und sah Hausherr VfL in der Spielzeit 1999/00 erstmals aussichtsreich an den Aufstiegsrängen zur Oberliga schnuppern - natürlich mit einem Kader, in dessen Reihen fast ausschließlich Akteure aus der eigenen Jugend standen.

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