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Wüstungen in Schaumburg – häufig verursacht durch Intoleranz, Macht- und Geldgier

Von der Landkarte verschwunden

Hilfe wir schrumpfen“, „Angst vor verödeten Landstrichen“ oder „Gibt es eine Zukunft für unsere Dörfer?“ – mit zum Teil dramatisch klingenden Schlagzeilen wird die Gefahr der Vergreisung des deutschen Volkskörpers beschworen. Der „demografische Wandel“ werde vor allem die ländlichen Gebiete treffen, ist zu lesen. Experten warnen vor Panik. „Demografie ist eine Wissenschaft für Menschen, die sich gern ein bisschen gruseln“, wurde kürzlich der Volkswirtschaftler und Journalist Felix Berth zitiert. Bangemacherei sei schon immer ein Beleg für mangelnden Durchblick gewesen.

veröffentlicht am 02.03.2013 um 00:00 Uhr

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Wie dem auch sei – rein historisch betrachtet gehört das Verschwinden von (und das Entstehen neuer) Siedlungen zum normalen Auf und Ab der Menschheitsgeschichte. Standortverluste hat es zu allen Zeiten gegeben. Besonders bewegt ging es auch im Schaumburgischen zu. Den Historikern sind mehr als hundert so genannter „Wüstungen“ bekannt (siehe Quellenhinweis). Den Beweis, dass es sich einst um menschliche Lebensräume handelte, liefern althergebrachte Urkunden und Steuerlisten. Oft ist darin nur der Name vermerkt. Das macht eine Standortbestimmung zuweilen etwas schwieriger.

Im günstigsten Fall findet man die Bezeichnung auf einer historischen Flurkarte wieder. So hat das vor etwa 500 Jahren „wüst gefallene“ Dorf Heppendorf als Gemarkungsbegriff „Auf dem Hebbendorfe“ (gut vier Kilometer südöstlich von Möllenbeck) „überlebt“. Die Ex-Siedlung Stidern darf auf dem heutigen „Stierbusch“-Areal (1,5 Kilometer nordöstlich von Rinteln) vermutet werden. Und die althergebrachten Flurnamen „Auf dem Engels Raede“ bei Stadthagen (im 12. Jahrhundert als „Engelingerot“ belegt), „Vor dem Gellendorfe“ südwestlich von Hessisch Oldendorf (früher „Gellendorf“), „Im Bollerhüser Feld“ bei Barsinghausen („Balwardingehusen“) oder die Anhöhe „Ützenburg“ südöstlich von Fischbeck (vormals „Utzenburch“) weisen eindeutig auf die einst an dieser Stelle existierenden Ortschaften hin.

In anderen Fällen lässt sich der ursprüngliche Standort zumindest ungefähr anhand der in den Steuerlisten vermerkten Grundherrschaften zuordnen. Danach hatten die Leute aus den im 15. Jahrhundert erwähnten Siedlungen Dudenhusen (1463) und Edissen (1465) Abgaben an das Kloster Möllenbeck zu leisten.

Die Einwohner des bereits im ersten Jahrtausend nach Christus existierenden Ortes Vendressa mussten die Stiftsdamen in Fischbeck beliefern. Und die Bewohner des nordwestlich von Wiedensahl gelegenen Ortes Emmingehusen waren zu Frondiensten für das Kloster Loccum verpflichtet.

Die meisten Informationen liegen über einstmals herrschaftliche Anwesen vor. Ein Beispiel ist das bei Bückeburg gelegene „Arnheim“. Die auch als „Hus Aren“ bekannte Niederlassung ist – nicht zuletzt wegen seiner adligen Besitzer – schon vergleichsweise früh und sorgfältig erforscht worden. Darüber hinaus hat es mehrere archäologische Grabungen gegeben.

Ähnlich gut dokumentiert ist auch das Schicksal der im frühen 13. Jahrhundert in der Nähe von Stadthagen entstandenen Klostersiedlung Bischoperode – eine Einrichtung, die später nach Rinteln umgesiedelt, der neu gegründeten Universität zugeordnet und mit der Aufhebung der akademischen Lehranstalt im Jahre 1810 von der Bildfläche verschwand.

Bei den meisten anderen Ex-Siedlungen liegen Zeitpunkt und Ursachen des Untergangs noch weitgehend im Dunkeln. Archäologische Untersuchungen gab es – bis auf ganz wenige Ausnahmen – bislang nicht. Da die meisten Hinweise auf die Ex-Orte aus dem 13. und 15. Jahrhundert stammen, werden unterschiedliche Gründe für das „Wüstfallen“ vermutet. Den geringsten Schaden richteten offenbar Natur und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und/oder Veränderungen des Weserlaufs an. Das Gros der Verluste geht – damals wie heute – auf menschliche Intoleranz sowie Macht- und Geldgier zurück.

Die erste größere heimische „Wüstungsperiode“ ist nach Meinung der Fachleute vor knapp 800 Jahren über die Bühne gegangen. Auslöser war der Wunsch der Schaumburger Grafen, ihr Territorium durch Gründung von Stadtfestungen (Rinteln 1239, Hessisch Oldendorf um 1250 und Stadthagen 1344) zu stabilisieren. Das löste eine regelrechte „Landflucht“ aus. Einige Dörfer wurden sogar zwangsevakuiert.

Als weiterer wichtiger Grund für den mittelalterlichen Siedlungsschwund gelten die Seuchenepidemien. Das hierzulande Mitte des 14. Jahrhunderts einsetzende „Große Sterben“ entvölkerte ganze Landstriche. Wer überlebte, bekam die Auswirkungen der endlos-brutalen Glaubensauseinandersetzungen zu spüren.

Am wüstesten ging es laut Darstellung der Historiker während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1649) zu. Städte, Dörfer und Einzelgehöfte wurden in Schutt und Asche gelegt, und die Einwohner vertrieben und/oder verschleppt.

Quellenhinweis: Wer tiefer einsteigen will dem sei der Aufsatz „Die Wüstungen im Gebiet der alten Grafschaft Schaumburg“ des Archivars Heinrich Lathwesen (Band 21/1971 der Schaumburg-Lippischen Mitteilungen) empfohlen. Weitere Informationen s. unter anderem in den Bänden 5/1964 und 68/2008 der Schaumburger Studien („Dörfer und Fluren des Rintelner Beckens“ von Walter Maack und „Geschichtliches Ortsverzeichnis für Schaumburg“ von Gudrun Husmeier).



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