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Von der Jugendherberge zum Familienhotel

Seit 1979 arbeitet Wolfgang Schmidt (61) im Deutschen Jugendherbergswerk, ist seit 1980 Herbergsvater und leitet seit 1984 in dieser Eigenschaft die Rintelner Jugendherberge. Der wohl signifikanteste Unterschied zwischen damals und heute liege in der Verweildauer der Gäste, erklärt Schmidt, der die Wandlung der Jugendherbergen hautnah erlebt hat: „Früher waren die Schulklassen in der Regel von montags bis freitags zu Gast, am Wochenende haben wir die Zimmer wieder hergerichtet und am nächsten Montag kamen dann die nächsten Schulklassen.“ Die Ferien wurden vornehmlich von Gruppen und Sportvereinen genutzt, in der Regel seien diese Gruppen für heutige Maßstäbe unvorstellbare drei Wochen zu Gast gewesen. Heute liege die durchschnittliche Verweildauer der Gäste bei bestenfalls drei Tagen und das sei schon ein guter Wert, wie die Herbergsväter in Bodenwerder Dominik Wallat (32) und sein Hamelner Kollege Michael Bischoff (40) bestätigen. Dieser Umstand habe im Laufe der Jahre auch dafür gesorgt, dass Jugendherbergen ihre Kunden nicht nur im Umfeld von Schulen und Vereinen gefunden hätten, sondern die freien Kapazitäten zunehmend von Familien und Einzelgästen in Anspruch genommen worden seien. In den drei Jugendherbergen der Region sind es dennoch weiterhin die Schulen, deren Anteil bei den Übernachtungen zwischen 50 und 60 Prozent variiert, die für die meisten Übernachtungen sorgen. Noch macht sich der 61-jährige Schmidt keine ernsthaften Gedanken in Rente zu gehen, wenn er aber aufgefordert wird, in die Zukunft zu schauen dann hegt er einen Wunsch: „Wenn ich mal aufhöre, dann wünsche ich meinem Nachfolger, dass das Haus von Grund auf saniert wird.“ Immerhin sei das Gebäude mittlerweile über 50 Jahre alt und genüge schon längst nicht mehr den gängigen Standards. Genau das aber sei vor allem für Familien und Einzelgäste ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Zwar erwarteten nur die wenigsten Gäste einen hotelähnlichen Luxus, aber der Hauch der 1960er Jahre, der durch die Jugendherbergen weht, sei alles andere als zeitgemäß.

veröffentlicht am 20.07.2011 um 00:00 Uhr

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Insgesamt hätte sich mit der verändernden Kundschaft auch eine generell andere Erwartungshaltung bei den Gästen eingestellt, konstatiert Schmidt. „Gerade bei der Generation 50+, die sich bei uns einbucht, kommt es hin und wieder zu Irritationen, beispielsweise über die Gemeinschaftsduschen oder auch die bescheidene Auswahlmöglichkeit bei Frühstücksjoghurts.“ Zwar seien diese von einer Jugendherberge nicht zu leistenden Ansprüche nur Ausnahmen, dennoch hätten sie Spuren bei dem langjährigen Herbergsvater hinterlassen. Sein Job macht ihm nach immerhin 33 Jahren immer noch Spaß, aber die Diskussionen darüber, warum es in seiner Jugendherberge nur ein einziges Zimmer mit Dusche gebe oder warum die Anmeldung nicht rund um die Uhr besetzt sei, raubten ihm diesen Spaß, den er aber angesichts der Vielzahl an höchst zufriedenen Gästen nie wirklich ganz verliere. Zu diesen Gästen zählen auch Familien, die entweder allein für wenige Tage auf der Durchreise in einer Jugendherberge Station machen oder sich gemeinsam mit anderen Familien in einer Jugendherberge zu einem gemeinsamen Urlaub im Weserbergland treffen. Gerade diese Gruppe sei für die Jugendherbergen besonders interessant, meint Wallat, der darauf hinweist, dass er als Herbergsvater ständig darum bemüht sei, ein attraktives Programm für die Gäste bereitzuhalten. „Wir haben hier zum Beispiel regelmäßig eine Gruppe Schüler aus Kasachstan zu Besuch, die von hier aus durch ganz Europa reisen. Deren Programm wird meistens bereits im Vorfeld von den Betreuern zusammengestellt.“ Auf der anderen Seite gebe es aber eben auch die Gästegruppen, die sich anhand der Angebotspalette einer Jugendherberge ein ganz individuelles Programm vom Personal zusammenstellen ließen. Bischoff, der aus den Gesprächen mit den Gästen weiß, dass die zentrale Lage der Hamelner Jugendherberge ein Vorteil ist, sieht den wohl größten Vorzug für Familien hingegen in der kinderfreundlichen Konzeption einer Jugendherberge. „Auf der einen Seite haben die Mehrbettzimmer gerade für die Kinder immer ein wenig etwas von Abenteuer, auf der anderen Seite sind Familien mit Kindern vor allem auch deswegen gerne zu Gast in einer Jugendherberge, weil dort die Bedürfnisse der Kinder im Vordergrund stehen.“ Das gemeinsame Frühstück von Schulklassen, Familien und Einzelpersonen in einem großen Saal einer Jugendherberge beispielsweise biete eine wohl einzigartige Atmosphäre, die vor allem den Kindern zugutekomme. Auch Wallat sieht darin einen wichtigen Entscheidungsgrund für Familien: „In einer Jugendherberge wundert sich keiner über umkippende Getränke oder herunterfallendes Besteck, geschweige denn stört das einen Gast.“ Er kenne sogar Einzelgäste, die bis ins hohe Alter genau diese Atmosphäre suchen und sich wohlfühlen, wenn das Frühstück lebhaft genossen wird.

Vom Grundstück der Jugendherberge in Bodenwerder habe man einen atemberaubenden Blick auf die Weser, den Gäste immer wieder ausdrücklich loben. Hameln punktet vor allem mit dem Rattenfänger und der zentralen Lage, die unter anderem zahlreiche Asiaten, vornehmlich Japaner, aber auch viele europäische Gäste, wie Engländer, Holländer, Spanier und Norweger in die Stadt locken. Für Schmidt ist es in erster Linie die üppige Vielfalt der Freizeitangebote, mit denen Rinteln auf sich aufmerksam macht: „Steinzeichen Steinbergen, die Schillat-Höhle, das Bergwerkmuseum und vieles mehr sind einzelne Module, die hier gebucht werden.“ Das Haupteinzugsgebiet der heimischen Jugendherbergen erstreckt sich über einen rund 200 Kilometer umfassenden Radius, in dem die Schulen beheimatet sind, die im Weserbergland ihre Freizeit verbringen. Weserrad- und Pilgerweg spülten den einen oder anderen Einzelgast in die Herbergen. Während der Hochsaison – die drei Herbergsväter nennen den Monat September – seien in der Regel alle verfügbaren Zimmer und Betten belegt. 96 in Rinteln, 106 in Hameln und 124 in Bodenwerder.

Schmidt erklärt, dass sich sowohl Lehrkräfte als auch Familien, bevor sie sich für eine bestimmte Jugendherberge entscheiden, ausgiebig informieren. „In der Regel rufen Gäste in mehreren Jugendherbergen an und erkundigen sich als Erstes nach verfügbaren Betten für das gewünschte Zeitfenster, danach fragen sie nach dem Preis und dann nach den Angeboten.“ Dabei, das stellt der Herbergsleiter fest, sei vor allem das Internet und die einheitliche Internetpräsenz aller Jugendherbergen eine wichtige Entscheidungshilfe. Unter der Schirmherrschaft der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan spendieren die 26 Jugendherbergen Niedersachsens jeweils einer benachteiligten Familie einen einwöchigen Aufenthalt mit Vollpension. Finanziert werden diese Aufenthalte durch den Sonderfonds „Dabeisein“ des Landesverbandes Hannover des Deutschen Jugendherbergswerks. Bei der Auswahl der Familien, für die einheitliche Kriterien erarbeitet wurden, steht die Stiftung „Familien in Not“ den Organisationen zur Seite. Die Deutsche Bahn finanziert die An- und Abreise der Familien. „Sozial schwache Familien sollen sich nicht am Rand der Gesellschaft wiederfinden, sondern durch unsere Aktion zusammen mit anderen Familien in unserer Jugendherberge Gemeinschaft erleben“, so Schmidt.

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Wolfgang Schmidt in seinem „Revier“: „Morgens ab halb sieben stehe ich hier in der Küche und bereite die Speisen zu.“

Mit ihrem ganz speziellen Charme sind Jugendherbergen seit Jahrzehnten Gastgeber für junge Menschen. Genutzt werden sie vor allem von Schulen und Sportvereinen. Doch im Laufe der Jahre hat sich der Kundenkreis verändert und erweitert.



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