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Zum 50. Todestag des einstigen KPD-Spitzenfunktionärs Ernst Torgler

Von der Anklagebank ins Rathaus

Er war ein hagerer, sehr freundlich und intelligent wirkender Mann“, erinnert sich Helmut Kaule. Die Beschreibung des 90-jährigen Bückeburgers gilt seinem Ex-Kollegen Ernst Torgler. Beide hatten nach dem Zweiten Weltkrieg im Rathaus der Ex-Residenz miteinander zu tun – Kaule als angehender stellvertretender Stadtdirektor und Torgler als prominenter Neuzugang aus dem Osten. „Natürlich wussten wir alle, wen wir da vor uns hatten“, so Kaule. Einige Kollegen hätten sich gewundert, „dass es den überhaupt noch gibt“.

veröffentlicht am 09.03.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

In der Tat war und ist Ernst Torgler einer der prominentesten und umstrittensten Überlebenden des Hitler-Regimes. Torgler war 1893 in Berlin geboren worden. Er stammte aus einfachen Verhältnissen. Schon als Schüler musste er als Laufbursche Geld hinzuverdienen. Später schlug er sich als Verkäufer, Handlungsreisender und Buchhalter durch. Den Ersten Weltkrieg machte er als Infanterist und Fliegerfunker mit.

Mit 18 trat er in die SPD ein. Durch den Zusammenschluss der Parteilinken (USPD) mit den Kommunisten kam er zur KPD. Von 1924 an saß er im Reichstag, während der letzten vier Jahre als Fraktionsvorsitzender. Seine Reden und Zwischenrufe waren gefürchtet. Anders als bei vielen seiner Parlamentarierkollegen ging es dabei nicht nur lautstark, sondern auch inhaltlich und intellektuell hart zur Sache. Zusammen mit dem altgedienten Kaderfunktionär Wilhelm Pieck hatte er entscheidenden Anteil daran, dass es die Partei bei der letzten freien Reichstagswahl 1932 auf 13 Prozent Stimmenanteil brachte. Die KPD stellte mit 77 Abgeordneten die drittstärkste Fraktion.

International bekannt wurde Torgler als einer der Hauptangeklagten im „Reichstagsbrandprozess“. Das Feuer in der Nacht des 27. Februar 1933 war von den NS-Ideologen zu einer beispiellosen Hetzpropaganda gegen „hochverräterische bolschewistische Umtriebe“ und zu einer gnadenlosen Jagd auf die KPD-Funktionäre genutzt worden. Auf der Liste ganz oben stand Torgler. Er hatte sich am Tag zuvor noch spätabends im Parlamentsgebäude aufgehalten. Seine Parteifreunde beschworen ihn, unterzutauchen. Doch Torgler entschied sich zur „Flucht nach vorn“. In der Hoffnung, die Sache aufklären zu können, ging er zur Polizei. Er wurde festgenommen.

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Zeitgenössisches Foto vom Reichstagsbrand 1933.

Eine Überprüfung seiner Darstellung und die Klärung des (bis heute umstrittenen) Tathergangs waren nicht mehr gefragt. Mit der unmittelbar nach dem Brand erlassenen Notverordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ hatte das Hitler-Kabinett das Rechtssystem ausgehebelt. In den Arrestzellen wurde gnadenlos gefoltert.

Im September 1933 kam es zu einem spektakulären Prozess. Neben Torgler saßen der holländische Anarchist Marinus van der Lubbe sowie der spätere bulgarische Ministerpräsident Dimitrow (KPD) und dessen ebenfalls zum kommunistischen Führungskader zählende Landsleute Taneff und Popoff auf der Anklagebank. Torgler und die drei Bulgaren wurden, für viele überraschend, freigesprochen. Als Alleinschuldiger blieb der während der Verhandlung weitgehend apathisch und zeitweise verwirrt wirkende van der Lubbe übrig. Er wurde kurz nach der Urteilsverkündung hingerichtet.

Torgler blieb trotz des Freispruchs in Haft. Drei Jahre später ließ man ihn laufen. Dass er, im Gegensatz zu den meisten anderen festgenommenen KPD-Funktionären, überlebt hatte, führten politische Beobachter auf das große öffentliche Interesse zurück, dass der Prozess und die Person Torglers überall auf der Welt ausgelöst hatten. Bei seinen im Untergrund lebenden politischen Freunden jedoch kam Misstrauen auf. Die Anzeichen mehrten sich, dass sich Torgler auf eine Zusammenarbeit mit den Nazis eingelassen hatte. Das Exil-Zentralkomitee schloss ihn als Parteimitglied aus.

Während des Krieges arbeitete Torgler als Angestellter der „Treuhandstelle Ost“. Die im Wartheland angesiedelte Behörde kümmerte sich um die Verwaltung der polnischen Vermögenswerte. Kurz vor Kriegsende kamen die Reste der Dienststelle nach Bückeburg. Sie bezogen Räume im Schloss. Im Zuge der Wiederbelebung und des Wiederaufbaus der örtlichen Kommunalverwaltung wurde Torgler im Mai 1945 von der Stadt übernommen. Zu seinen Hauptaufgaben gehörten die Flüchtlingsbetreuung, die Rückführung der Evakuierten und die Erteilung von Zuzugsgenehmigungen. Darüber hinaus engagierte er sich in der heimischen Gewerkschaftsbewegung. 1946 wurde er zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt.

Während Torgler bei seinen Arbeitskollegen und Nachbarn immer mehr an Ansehen und Einfluss gewann, wollten seine einstigen politischen Weggefährten nichts mehr von ihm wissen. „Wir hätten ihn gut gebrauchen können“, berichtete später der Stadthäger Landrat Ernst Meier – Nummer eins der hiesigen Nachkriegs-KPD. „Schließlich war er ein hochintelligenter und fähiger Mann“. Doch Meier und seine politischen Freunde hierzulande durften nicht. „Jedem kleinen Genossen und Funktionär gestatte ich, daß er versucht, sich zu helfen, aber so etwas macht kein leitender Genosse, wie das, was Ernst Torgler gemacht hat“, heißt es in einem Brief Wilhelm Piecks aus der neuen Berliner ZK-Zentrale.

Was damit gemeint war, bekamen die Nachkriegsdeutschen kurz darauf im „Spiegel“ zu lesen. Torgler wurde von Insidern des Ex-NS-Machtapparats der Kollaboration mit der Gestapo und des Verrats an Parteifreunden bezichtigt. Torgler kämpfte verzweifelt um seinen Ruf. Ende 1948 schied er auf eigenen Wunsch aus dem Dienst der Stadt Bückeburg aus. Er wurde Mitglied der SPD und trat eine Stelle als ÖTV-Gewerkschaftssekretär in Hannover an. Der Versuch, Verwaltungschef des am 1.4.1948 neu gebildeten Kreises Schaumburg-Lippe zu werden, hatte keinen Erfolg. 1950 siedelte er nach Hannover über. Die letzten Jahre verbrachte er, teilweise gelähmt und schwer krank, im Alterspflegeheim „Feierabend“ in Langenhagen. Dort starb im Januar 1963 ein Mann, dessen Leben in besonderer Weise von den Ereignissen und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts geprägt und beeinflusst worden war.

Die Angeklagten im Reichstagsbrandprozess (jeweils v.l.): Marinus van der Lubbe (oben), Wassil K. Tanew und Blagoi S. Popow (Mitte), Georgi Dimitroff und Ernst Torgler (unten).



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