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177 Tonnen gebrauchte Kleidung kommt pro Jahr in Schaumburg zusammen – nur ein kleiner Teil wird wieder aufgetragen

Von der alten Strickjacke zum Putzlappen

Werner Scholz hat einen Auftrag. Er parkt seinen Wagen vor dem DRK-„Ladenlokal“ in Enzen und zieht einen dunkelgrauen Müllsack aus dem Kofferraum. Darin ist das Ergebnis der „Inventur“, die seine Frau in der Kommode und dem Kleiderschrank vorgenommen hatte. Wie er wollen auch Inge und Uwe Wilharm überschüssige Blusen, Strickjacken, Hosen und andere Altkleider loswerden – aber nicht wegwerfen. Das Ehepaar trägt einen Korb in den Verkaufsraum, weil der Tochter die Sachen zu groß geworden sind. Aber die Kleidung erscheint ihnen eigentlich zu schade für die Mülltonne.

veröffentlicht am 16.10.2009 um 23:00 Uhr

Kleidersammlung in Deutschland: Die Kleidung, die nicht weiterve

Autor:

Carolin Becker

„Die sind teilweise noch ganz neu und sogar Markenartikel“, lässt Inge Wilharm die Umstehenden wissen und wartet vor dem Tresen darauf, dass jemand kommt und die aussortierte Ware in Empfang nimmt.

Bisher streckt ihr dort nur eine weiße Schaufensterpuppe die Hand entgegen, gekleidet in ausgemusterten Herrenkleidern. Im Hintergrund wühlen zwei Kundinnen an Regalen in rosafarbenen Babystramplern. Dann kommt eine Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes um die Ecke und nimmt dem Mann den Kleiderkorb ab. Mehrmals bedankt sie sich. Dann verschwindet sie wieder eilig in einer fensterlosen Kammer. Martina Marino-Gruson ist Koordinatorin des Bekleidungs-Abholdienstes, eine hochgewachsene Frau mit rötlichen Haaren und auffälligem Lippenstift. „Neue Räumlichkeiten wären super“, seufzt sie und stellt die Altkleider auf den abgewetzten Fußboden, „aber die Mieten sind sehr hoch“.

Das Ladenlokal ist in Enzen etwas außerhalb in einem unscheinbaren Industriegebäude untergebracht. Das Licht der Neonröhren fällt auf die dicht aneinandergedrängten Ständer in der Verkaufshalle, wo ein weißes Kommunionskleid mit Rüschen neben den bunten Kindersachen zuerst ins Auge fällt. Zur Rechten reihen sich etwa drei Meter Männeranzüge unterschiedlicher Farben, davor baumeln die zugehörigen Hemden, in der Mitte Pullover, T-Shirts und Hosen. Hinten in der Ecke befinden sich zwei Umkleidekabinen, vor denen eine Mutter und ihre jugendliche Tochter einen Kleiderständer durchsehen. Weiter vorne in der Abstellkammer greift sich auch Marino-Gruson eine dunkelrote Bluse aus dem abgegebenen Wäschekorb, faltet sie vor sich auseinander und begutachtet den Stoff kritisch. „So kommen die Sachen wenigstens jemandem zugute, der sie gebrauchen kann“, hört man das Ehepaar sagen.

Koordinatorin Martina Marino-Gruson sorgt dafür, dass nur die gu
  • Koordinatorin Martina Marino-Gruson sorgt dafür, dass nur die gut erhaltenen Stücke noch einmal in den DRK-Kleiderkammern zum Verkauf angeboten werden.
Prokurist Wolfgang Fritsch wacht bei der Textilverwertung East-W
  • Prokurist Wolfgang Fritsch wacht bei der Textilverwertung East-West über die gewinnbringende Vermarktung der gebrauchten Kleidung.

Eine Aussage, die bei Wolfgang Fritsch nicht so stehen bleiben würde. „Die karitativen Organisationen, die tun sich doch im Grunde schwer, den Leuten reinen Wein einzuschenken. Die sollten aufhören zu suggerieren: Gebt uns eure Altkleider und wir verteilen sie an Bedürftige.“ Der 54-Jährige hat einen der ältesten Berufe der Welt, sagt er, obwohl seine Frau das nicht gerne höre.

70 Prozent werden weiterverwendet

„Ich sage immer, ich bin Lumpensammler – den gab es schon in vorbiblischen Zeiten“, verrät er spitzbübisch. In der Halle seines Arbeitgebers, der „East-West Kursun GmbH“, riecht es leicht nach dem Motorenöl der vielen Kraftwagen, die Altkleider aus ganz Deutschland in gelben Containern zum Textilrecycling herankarren. Sie stammen aus etwa 300 000 Behältern, die das Unternehmen selbst bewirtschaftet oder Hilfsorganisationen wie dem DRK zur Verfügung stellt.

In seitlich aufgestellten Metallkästen lagert nun, was vom Konsumwahn übrig geblieben ist: hellblaue Jeans neben Männerschuhen und neonfarbenen Sportjacken. Frauen in langer Reihe stehen an einem Förderband und sortieren die Stoffe nach Qualität. Wie große Legosteine stapeln sich nur wenige Meter weiter in durchsichtige Folie gepresste Kleider bis zur Decke.

„Die bunten gehen nach Afrika“, erklärt Prokurist Fritsch in der Halle und weist auf eine Wand voller T-Shirt-Logos. Für ihn eine sinnvolle Entwicklungshilfe: „In den afrikanischen Ländern sind die Frauen für die Versorgung der Familie zuständig. So eine ‚business woman’ kauft dann die Ballen und ernährt mit dem Erlös ihre zwölfköpfige Familie. Sie kann mindestens die Hälfte ihrer Kinder zur Schule schicken, den Arzt bezahlen, und es bleibt noch genug Geld für neue Ballen übrig.“

Rund 1000 Tonnen Altkleider verarbeitet die East-West Kursun GmbH im Monat, doch nur 30 Prozent werden überhaupt noch einmal in ihrer ursprünglichen Form am Körper getragen. In Deutschland sei spätestens seit den Sechzigern niemand mehr auf die jährlich etwa 600 000 Tonnen gesammelter Textilien angewiesen, meint Fritsch.

„Secondhand ist ein anderer Markt. Aber wir reden hier über die Massen“, stellt er klar. Und die Massen werden später von East-West weiterverkauft, um als industrielle Putzlappen genutzt oder als Recyclingfaden neu verwendet zu werden. Alles andere geht in die „thermische Verwertung“ und wird auf der Müllhalde verbrannt.

Fritsch ist sich deshalb sicher: Für die karitativen Organisationen, die gebrauchte Kleidung an den Textilrecycler zur Weitervermarktung abgeben, ist das Altkleidergeschäft ein „reines Finanzierungsinstrument“.

Dem DRK Schaumburg bescheren allein die Kleiderkammern wohl keine prallen Konten. Im Enzer Ladenlokal gibt es keine festen Preise, nur freiwillige Spenden. „Die Kunden wollen keine Almosen, das ist also mehr als psychologischer Effekt gedacht“, erklärt Marino-Gruson.

Den ganzen Morgen war die Koordinatorin des Bekleidungs-Abhol-Dienstes mit zwei Männern unterwegs, um Altkleiderspenden aus Containern einzusammeln oder von Privatleuten abzuholen. Im vergangenen Jahr sind so rund 177 Tonnen gebrauchte Kleidung im Landkreis Schaumburg zusammengekommen.

Auch die Koordinatorin stöbert gerne in den gebrauchten Sachen. „Gerade bei Haushaltsauflösungen ist das schon spannend“, erzählt sie und legt eine Strickjacke auf einen Stoffhaufen. In der Kleiderkammer landen nur die gut erhaltenen Stücke.

In Erinnerung geblieben ist Marino-Gruson vor allem die Garderobe einer verstorbenen Bad Nenndorferin. Kleider aus den sechziger Jahren seien das gewesen, sogar ein Brautkleid war dabei.

Selbst skurrile Sachen kämen aus den Säcken zum Vorschein: „Lack und Leder hatten wir schon, schwarze hohe Stiefel.“ Die seien nicht mehr in der Kleiderkammer gelandet, sagt sie lachend. „Die haben wir dann entsorgt.“ Ob es die Stücke noch einmal an einen Bügel schaffen, entscheiden der Zustand der Ware und der Geschmack der Sortiererinnen.

Verkaufserlös unterstützt DRK

Zehn Arbeitskräfte beschäftigt das DRK im Bekleidungs-Abhol-Dienst als soziale Maßnahme für einen begrenzten Zeitraum, dazu kommen noch ehrenamtliche Mitarbeiter. Etwas mehr als einen Tag werden die sechs Helfer der fest angestellten Marino-Gruson in Enzen brauchen, um die Altkleider aus den gesammelten Säcken zu ziehen und zu bestimmen, was den Kunden noch angeboten wird. Die rote Bluse des älteren Ehepaares wird nicht mehr in einem Schrank hängen.

„Das ist nichts mehr“, bewertet die Koordinatorin Stoff und Schnitt. Nur zehn Prozent der eingesammelten Altkleider landen am Ende noch einmal im Verkaufsraum, den Rest erhält die Textilverwertung. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Kleidung an den Recyclingbetrieb wird dann das DRK indirekt unterstützt, wie Marino-Gruson erklärt.

Eine Ansicht, die auch „Lumpensammler“ Wolfgang Fritsch, der selbst seit seinem 15. Lebensjahr Mitglied des DRK ist, wohl nur teilen kann. Sein Arbeitgeber bezahle je nach Qualität etwa 150 bis 450 Euro pro Tonne gebrauchter Kleidung.

Schaumburgs Sammlung liegt im Mittelfeld

„Sagen wir mal so“, sagt Fritsch, „Stadthagen bringt mich nicht zum Entzücken und bringt auch nicht die Massen.“ Die Ware des Schaumburger DRK liege im Mittelfeld. Hamburg sei da schon etwas anderes.

Für den Prokuristen sind die Altkleider vor allem ein Rohstoff, um dessen Erfassung viele verschiedene Unternehmen und Einrichtungen bemüht sind. Seiner Meinung nach sollten die karitativen Organisationen den Menschen endlich klar machen, dass an sie abgegebene Kleiderspenden durch den Verkauf an Sortierbetriebe in eine Geldspende umgewandelt werden.

Erst mit der Vermarktung der Altkleider hätten Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz die Möglichkeit, Dinge zu finanzieren, für die sonst gar kein Geld da wäre. „Altkleider haben im Grunde genommen“, sagt Fritsch, in einem dicken Ordner vor sich die mit Zahlen gefüllten Seiten genau im Blick, „mit Karitativität nichts zu tun.“



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