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Amelungsburg: Fundstücke verweisen auf Menschenhandel zwischen Weserbergland und dem Süden

Von den Kelten als Sklaven verschleppt?

Langenfeld (doro). Die Kelten kommen: Eilig raffen die Siedler unterhalb der Amelungsburg ihr Hab und Gut zusammen und ziehen sich in die Befestigungsanlage auf dem Amelungsberg zurück. Das Vieh lassen sie zurück. Aber die Hoffnung, bald zurückkehren zu können, wird von den Kelten zunichte gemacht. Die Angreifer machen die zwischen Wesergebirge und Süntel gelegene Burg ausfindig. Trotz der Klippen mit bis zu 40 Meter tief abfallenden Felswänden am Nordwest- und Südostrand und mühsam zu bezwingenden Steilhängen im Nordosten und Süden.

veröffentlicht am 09.05.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.05.2010 um 11:23 Uhr

Die roten Punkte markieren den Amelungsberg und Manching, das zu

Von Dorothee Balzereit

Langenfeld. Die Kelten kommen: Eilig raffen die Siedler unterhalb der Amelungsburg ihr Hab und Gut zusammen und ziehen sich in die Befestigungsanlage auf dem Amelungsberg zurück. Das Vieh lassen sie zurück. Aber die Hoffnung, bald zurückkehren zu können, wird von den Kelten zunichte gemacht. Die Angreifer machen die zwischen Wesergebirge und Süntel gelegene Burg ausfindig. Trotz der Klippen mit bis zu 40 Meter tief abfallenden Felswänden am Nordwest- und Südostrand und mühsam zu bezwingenden Steilhängen im Nordosten und Süden. Die Feinde erklimmen die Wälle am Westende und an der Nordost- und Ostseite, dort ist auch der Durchgang. Es kommt zur Belagerung. Eilig vergraben die Handwerker ihr Werkzeug, Rohmaterial und Waren, bevor die Kelten eindringen und es ihnen abpressen. Einer Frau, die ihren bronzenen Halsschmuck nicht versteckt hat, wird das Geschmeide vom Hals gerissen. Die Menschen haben große Angst, doch die Angreifer töten die Siedler nicht. Stattdessen werden sie gefangen genommen, in Ketten gelegt und später als Sklaven verschleppt.

Kann das wahr sein? Die Vorfahren der Barksener als Sklaven verschleppt? Nach Bayern? Über die Alpen? Oder gar nach Frankreich? Diesen Schluss lassen die Geschehnisse auf dem Amelungsberg aus wissenschaftlicher Sicht durchaus zu. So könnte es in der Jüngeren Eisenzeit auf dem Amelungsberg zugegangen sein, meint Erhard Cosack. Von 2001 bis 2005 hat der Bezirksarchäologe Burganlagen im Regierungsbezirk Hannover systematisch mit dem Metalldetektor untersucht und dabei umfangreiche Funde gemacht. Anlass für die Untersuchungen waren Raubgräber, besonders betroffen war die Barenburg bei Eldagsen. Dort wurden Hunderte von eisenzeitlichen Metallobjekten geräubert, auch im Negenborner Burgwall bei Einbeck kam es zu Plünderungen.

Um den Plünderern auf dem Amelungsberg zuvorzukommen, wurde auch die Fluchtburg untersucht. Die Ergebnisse hat Erhard Cosack in den Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte zusammengefasst, die 2008 veröffentlicht wurden. Die Grabungen auf dem Plateau der Amelungsburg förderten Funde zutage, mit denen die Archäologen gut arbeiten konnten. „Das Fundmaterial setzt sich aus etwa 300 Einzelstücken zusammen“, erläutert der Hamelner Archäologe Joachim Schween. „In den bewusst angelegten Depots haben sich sowohl Einzel- als auch Mehrstückhorte befunden.“ Die Gruben seien so angelegt worden, dass sich keine verräterischen Verfärbungen im Boden abzeichneten, die Dritte auf die verborgenen Gegenstände aufmerksam gemacht hätte.

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Regelrechte Werkstattinventare von Holz- und Metallhandwerkern wurden ausgemacht, die jedoch gesplittet deponiert wurden, um den Zugriff zu erschweren. Gefunden wurden Werkzeuge, Rohmaterial und Gebrauchsgeräte, darunter Schürschaufeln, Ambosse, Hämmer, schwertförmige Barren, Bronzeschrott und halb fertige Produkte von Metallhandwerkern. Von Holzhandwerkern wurden beispielsweise Tüllenbeitel zur Durchführung von Holzarbeiten gefunden. Trachtenbestandteile und Waffen ständen bei den Funden im Hintergrund, ebenso kultische Deponierungen. „Nach den Untersuchungen von Herrn Cosack wären die eher in Spalten, Klüften, und Höhlen vorgenommen worden“, erklärt Joachim Schween. Dass die Burg aus der jüngeren Eisenzeit stammt, beweisen als Speiseabfälle interpretierte Tierknochen vom Sohlenbereich des Walles, die mit der Radiocarbon (C14)-Methode auf das Jahr 406 vor Christus datiert wurden. Nach Cosack dürfte dies die Erbauungszeit der Amelungsburg gewesen sein, die somit zweifelsfrei ein Bauwerk der sogenannten Latènezeit ist. Neben den absichtlich verborgenen Funden gibt es Gegenstände, die offensichtlich verloren gingen. Bemerkenswert ist ein bronzener Halsring (Typ Waltershausen) mit breiten Schmuckplatten und einer Zierplatte, die ursprünglich mit Knocheneinlagen versehen und mit Pech eingeklebt wurde. Gefunden wurde der Halsring, datiert in die Zeitperiode 250-130 vor Christi, in geringer Tiefe. Alte Beschädigungen zeigen, dass der zweiteilig gearbeitete Ring gewaltsam auseinander gerissen wurde. Die Art der Beschädigung lasse nur den Schluss zu, dass man der Frau, die den Schmuck um den Hals trug, den Ring abgerissen hat. Zusammen mit dem Ring wurden Bestandteile eines Schmuckgürtels vom Typ Amelungsburg ausgegraben, der ebenfalls abgerissen wurde: kreuzförmige Ösenringe, Klapperbleche und weitere Beschläge. Besonders interessant sei, dass der Gürtel fast genauso gearbeitet ist wie ein Gürtel, der in der keltischen Stadt (Oppidum) Manching in Bayern gefunden wurde. Nach Cosack könnte er in derselben Werkstatt gefertigt worden sein – ein Hinweis auf den keltischen Sklavenhandel, der am ehesten über die Oppida abgewickelt worden sei. „Es könnte sich bei dem Charakter des Manchinger Fundes als Metallhort sogar um Beutestücke von der Barenburg beziehungsweise der Amelungsburg handeln“, mutmaßt Cosack in seinem Forschungsbericht. „Die Beute Mensch dürfte bei der Durchführung solcher ,keltischen‘ Raubzüge im germanischen Siedlungsgebiet eine nicht ganz unwesentliche Zielsetzung gewesen sein.“ Die Tatsache, dass die ehemaligen Besitzer später keine Gelegenheit mehr hatten, ihre verborgenen Objekte zu bergen, sowie der Fund einer fast fertiggestellten eisernen Fußfessel ist für Cosack nicht nur ein weiterer Hinweis darauf, dass die Menschen auf der Amelungsburg versklavt wurden, sondern der einzig plausible Grund. Einen Hinweis auf ein Massaker gebe es indes nicht. Eine Entdeckung am Rande: Der sogenannte „Vorwall hat mit der Amelungsburg nichts zu tun. Das beweist die Scherbe eines Tongefäßes, die sich in die zweite des 8. Jahrhunderts n. Christus datiert wird. Cosack interpretiert den Wall, der bisher immer als zeitgleich angesehen wurde, als Wegsperre, die Karl der Große möglicherweise gegen vordringende fränkische Verbände errichten lassen hat.

Ein Bild aus dem März 2010: Archäologe Joachim Schween zeigt auf einen Wall der alten Fluchtburg, der ohne Laub und Grün besonders gut zu erkennen ist.

Foto: doro

Fundteile vom Amelungsberg: Ein Scheibenhalsring mit zerstörtem Nackenteil und Schmuckplatte mit Rekonstruktion der Einlagen.



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