weather-image
×

Ein Streifzug durch die Geschichte der heimischen Psychiatrie

Von Brechkuren und Sturzbädern

Dass es nicht nur Beinbrüche und Zahnschmerzen, sondern auch Erkrankungen und Verletzungen der Seelen und Sinne gab, konnte sich Bürgermeister Bruns beim besten Willen nicht vorstellen. Für den Vorsteher der damals noch politisch selbstständigen Gemeinde Tallensen-Echtorf war klar, dass Christine Lindemeier eingesperrt werden musste. Sorgen bereitete ihm nur die Finanzierung. Am 24. September 1893 machte sich Bruns auf den Weg nach Bückeburg. Er bitte „unterthänigst festzustellen, wie hoch sich die Tagessätze für die Unterbringung in einer Irrenanstalt belaufen“, trug er sein Anliegen im Landratsamt vor.

veröffentlicht am 24.05.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Landrat Deppe nahm die Sache zu Protokoll und reichte den Vorgang an die Fürstliche Landesregierung weiter. Aus der heute im Staatsarchiv Bückeburg aufbewahrten Akte lassen sich, wenn auch nur ansatzweise, Hintergrund und Vorgeschichte des Falles herauslesen. Danach war Christine Lindemeier „ca. 22 Jahre alt“ und „in Folge ihrer am 10. d. Mts. erfolgten Niederkunft geisteskrank geworden“. Ein Hinweis darauf, was und wie sich das konkret abgespielt hatte, findet sich nicht. Und auch über Vorgeschichte und mögliche Ursachen der Erkrankung geben die Unterlagen wenig her. Nach Aussage von Bruns hatte „besagte Lindemeier“ bislang bei ihrer verwitweten Mutter in Altseggebruch (heute Samtgemeinde Nienstädt) gelebt und verfügte über „keinerlei eigenes Einkommen“. Auch die Mutter sei bettelarm und habe, „wie Fürstl. Landratsamt bekannt sein wird, schon des Öfteren aus Gemeindemitteln unterstützt“ werden müssen. Im Dorf werde erzählt, dass Tochter Christine „von einem verwahrlosten Bergmann aus Kirchhorsten namens Sölke unter der Vorspiegelung, daß er unverheiratet sei und aus Helpsen komme“, verführt und geschwängert worden sei. „Man sagt, daß sie aus Gram hierüber ihren Verstand verloren hat“.

Die Folgen für die junge Frau waren aus heutiger Sicht katastrophal. Noch aus dem Kindbett heraus wurde sie auf Beschluss des Gemeinderates ins „hiesige Pflegehaus“ gebracht. Damit war der heute als Altersheim genutzte Gebäudekomplex Wallstraße 41 in Bückeburg gemeint. Damals sah es dort anders aus. Eine Hälfte des Gemäuers diente als „Zucht- und Arbeitshaus“, in der anderen wurden Bettler, Gauner, Arbeitsunwillige, Prostituierte und Geisteskranke verwahrt. Für diese so genannten „Vagabonden“ standen sechs Zellen zur Verfügung. Eine getrennte Unterbringung nach Geschlecht und/oder Grund der Einweisung gab es nicht.

Von Bückeburg aus wurde Christine Lindemeier einige Zeit später in die Provinzial-Irrenanstalt Hildesheim verlegt. Über ihr weiteres Schicksal und das ihres Kindes geben die Akten nichts her.

3 Bilder

Was heute undenkbar erscheint, war damals gang und gäbe. Die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Unterlagen sind voll von skandalös-tragischen Einzelfallbeschreibungen. Grund: Bis in die Neuzeit hinein galt „nicht normal sein“ als gottgewollt-schicksalhafte Fügung. Leichte Fälle von angeborener Idiotie und Blödheit wurden in der Familie mit „durchgeschleppt“. Wer gefährlich war oder die Zeitgenossen durch sein Aussehen oder Verhalten verschreckte, wurde weggesperrt. Eine wissenschaftliche Betrachtung des Themas gab es nicht. Nicht selten wurden unter dem Deckmantel „unheilbarer Wahnsinn“ auch unliebsame Verwandte „entsorgt“.

Ein erstes Umdenken setzte Anfang des 19. Jahrhunderts ein. Auslöser waren die Veränderungen im Gefolge der Aufklärung und den reichsweit aufkommenden Befreiungsbestrebungen. Mindestens genauso groß war der Wunsch bürgerlicher Kreise, den Anblick von „Irrsinnigen“ vor ihrer Haustür loszuwerden. Zu den reichsweiten Vorreitern des medizinischen Fortschritts gehörte Preußen. Es empfehle sich, „für solche unglücklichen Wahnsinnigen, die von der übrigen menschlichen Gesellschaft abgesondert werden müssen, (besondere)Anstalten zu bauen“, heißt es in einer 1810 abgefassten Entschluss-Vorlage der königlichen Provinzialverwaltung Hannover. Die Anregung wurde schrittweise verwirklicht. Die erste Irrenanstalt ging 1827 in Hildesheim in Betrieb. Im amtlichen Sprachgebrauch war schon bald darauf von (Irren-) „Heilanstalten“ die Rede. In der Wirklichkeit war es mit dem „Heilen“ nicht weit her. Das einzig Neue war die Aufbewahrung ohne ständiges Angekettetsein. Nach wie vor wurden regelmäßig Stockschläge und Kaltwasser-Sturzbäder verabreicht.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach gesonderter Anstaltsunterbringung auch in der heimischen Region immer lauter. Einer der ersten Befürworter war der Physikus (Amtsarzt) der damaligen kurhessischen Provinzmetropole Rinteln. Die wiederholten Anträge des „Herrn Medicinalraths Wilhelmi“ könnten aus finanziellen Gründen vorerst nicht verwirklicht werden, wimmelte das Kasselaner Innenministerium dessen Eingaben im Jahre 1856 genervt ab. Stattdessen regte man an, die unterbringungsbedürftigen Fälle der Grafschaft Schaumburg im örtlichen Landeskrankenhaus aufzubewahren. Der Magistrat war entrüstet. Das Haus sei schon jetzt völlig überfüllt, schrieb man zurück. Von den insgesamt 13 Zimmern würden bereits jetzt zwei „für Irrsinnige“ benötigt. Weitere zwei Räume brauche man für „zu separierende virnoyische und medizinische Kranke“, einen für „Krätzige“, einen für Schwangere und einen für „Syphilitische“, so dass unter dem Strich gerade einmal sechs Einheiten für „normale“ Fälle übrig blieben.

Zu einer spürbaren Verbesserung der Verhältnisse kam es erst, als in den 1860er Jahren im Schaumburger Land preußisches Regelwerk zur Anwendung kam. Für die Grafschaft Schaumburg war nach der Annexion Hessens im Jahre 1866 die preußische Provinzialverwaltung Kassel zuständig. Im benachbarten Fürstentum Schaumburg-Lippe schloss man sich – mangels eigener Möglichkeiten – den gesundheitspolitischen Vorgaben der preußischen Provinzialverwaltung Hannover an. Von da an wurde das Gros der irrsinnigen heimischen Erwachsenen in den Heil- und Pflegeanstalten Hildesheim, Göttingen und Osnabrück untergebracht. Geistesschwache Kinder („Idioten“), die bis dato vorzugsweise in der nahen lippischen „Blödenan-stalt“ Eben-Ezer bei Lemgo gelandet waren, kamen jetzt in der Erziehungs- und Pflegeeinrichtung Langenhagen unter. Das letzte Wort in Sachen Einweisung hatte weiterhin die Obrigkeit.

Eltern, Vormünder und – soweit vorhanden – auch Ärzte, konnten, mussten aber vorher nicht angehört werden.

Mit zunehmendem Sachverstand begannen sich auch die Standards in Sachen Betreuung und Unterbringung zu bessern. Neben Isolierzellen und Zwangsjacken kam Beschäftigungstherapie in Mode. Statt Aderlässen, Brechkuren und Sturzbädern versuchte man es mit Elektrokrampftherapien und Dämmerschlafbehandlungen. Und wenn die Insassen Glück hatten, hatten sie es eines Tages nicht mehr mit „Wärtern“, sondern mit Pflegern und Diakonissen zu tun.

Einen schrecklichen Tiefpunkt gab es während der NS-Zeit. Mit Unterstützung skrupelloser Ärzte und Verwaltungsbeamten der Heil- und Pflegeanstalten wurden unter wohlklingenden Decknamen wie „Euthanasie“ und „Gnadentod“ an die 150 000 Menschen umgebracht. In internen Anweisungen war von „menschlichen Hüllen“ und „unwertem Leben“ die Rede.

Nach jahrzehntelanger Schockstarre hat sich die Branche wieder erholt. Mehr noch: Rund um die Untersuchung, Behandlung und Betreuung der von den alten Griechen „Psyche“ getauften menschlichen Wesensbestandteile (gemeint waren unter anderem Seele, Bewusstsein, Gemüt und/oder Trieb) ist ein riesiges, schier unübersichtliches Angebot entstanden – für Chistine Lindemeier und zigtausende ihrer Leidensgenossen/-innen zu spät.

Wie und wo kommen Schädigungen der Seelen und Sinne zustande? Zur Klärung dieser seit jeher heftig diskutierten Frage versuchte der deutsche Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz, die gedanken- und gefühlsmäßigen Vorgänge eines Menschengehirns zeichnerisch darzustellen. Das Ergebnis war in seinem 1894 erschienenen Werk „Das neue Naturheilverfahren“. Bei der „Ruhigstellung“ von Irrsinnigen war man bis in die jüngste Vergangenheit nicht zimperlich. Seit den 1820er Jahren soll unter anderem diese Konstruktion zum Einsatz gekommen sein.Repros gp

Das Thema „Psychiatrie“ hat zu allen Zeiten auch die Fantasie und Kreativität der Künstler angeregt: So stellte sich der berühmte spanische Maler Francisco de Goya um 1815 die Zustände in einer „Casa de locos“ (Irrenhaus) vor. Rechts: Bis Ende des 19. Jahrhunderts landete das Gros der geistig behinderten Schaumburger Kinder in der lippischen „Blödenanstalt“ Eben-Ezer bei Lemgo.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt