weather-image
Nachrichtenübermittlung im Schaumburger Land begann vor 425 Jahren

Von Boten, Reitern und Kutschen

Ein Klick auf Computer- oder Handy-Taste – und schon ist die „Mail“ beim Empfänger. Nur in ganz wenigen Lebensbereichen unseres Alltags wird der technische Fortschritt so deutlich wie beim Nachrichtentransfer. Kaum vorstellbar, dass Informationen bis zur Erfindung von Eisenbahn und Auto zu Fuß, zu Pferde oder mit Pferd und Wagen überbracht werden mussten.

veröffentlicht am 28.12.2013 um 00:00 Uhr

270_008_6819428_fe_Postreiter_im_Schneesturm_Gemaelde_um.jpg

Autor:

von wilhelm gerntrup

Allerdings war der Bedarf an Übermittlung schriftlicher Botschaften bis Ende des Mittelalters – im Gegensatz zu heute – noch äußerst gering. Zu Papyrus und Federkiel griffen allenfalls weltliche und geistliche Würdenträger, studierte Klosterinsassen, Großhandelskaufleute und gelehrte Dichter und Denker. Die große Masse der kleinen Leute konnte weder lesen noch schreiben. Kontakte über den eigenen engen Wohn- und Lebensbereich hinaus waren selten. Wenn nötig, ließ man die Nachrichten von einem durchziehenden Kaufmann oder Pilger ausrichten.

Die Verhältnisse änderten sich, als im Zeitalter der Renaissance das Interesse an Kultur und Geistesleben aufzublühen begann. Die Nachfrage nach Wissens- und Informationsaustausch stieg rapide an. Zu den Ersten, die die sich daraus ergebenden Verdienstmöglichkeiten erkannten, gehörte die in Regensburg ansässige, schon seit geraumer Zeit vom Kaiser mit Kurierdiensten betraute Adelsfamilie von Taxis. Es war der Start eines blühenden Geschäftsimperiums. Das von Bayern aus geknüpfte Netz regelmäßig verkehrender Postlinien wurde zielstrebig ausgebaut. Je nach Bedarf und Straßenbeschaffenheit brachte man die Briefe durch „fußläufige“ Boten, Kurierreiter oder – bei Auflieferung größerer Pakete – mit Pferd und Wagen zum Empfänger. Schon bald fuhr in den holprig-unbequemen „Kutschen“ auch menschliche Fracht mit.

Im Schaumburger Land brach das neue Kommunikationszeitalter vor 425 Jahren an. Jedenfalls tauchten 1588 zum ersten Mal Turn- und Taxis-Kurierreiter in der hiesigen Region auf. Ihr Job war die Bedienung der neu eingerichtete Linie Frankfurt-Bremen. Die führte auf dem Weg von Höxter in Richtung Nienburg durch Rinteln und Bückeburg. Ob während der Tour durchs heimische Territorium auch Briefe angenommen oder ausliefert wurden, liegt noch im Dunkeln. Auch von Postkutschen ist in den frühen Überlieferungen noch keine Rede. Das ist kein Wunder. Überlandtransporte mittels Pferd und Wagen waren damals hierzulande nur begrenzt möglich. Weser und Weserberge galten bis ins 17. Jahrhundert hinein als kaum zu überwindende Hindernisse. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass eine 1616 in Betrieb genommene Fernverbindung Köln-Hamburg das Schaumburger Land zunächst „rechts liegen“ ließ. Die Linie führte bei der Passage des Mittelwesergebirgsraums anfangs durch die Porta Westfalica.

270_008_6819426_fe_Postamt_Ri_Klosterstr_28_Pk_um_1910.jpg
  • Heute erinnert nur noch wenig an die herrschaftlichen Postmonopolzeiten: hier das ehemals kaiserliche Postamt in Rinteln.
270_008_6819424_fe_Fuerstlich_Hessische_Post_1793.jpg
270_008_6819425_fe_Postamt_Bbg_Bf_Str_Pk_1890.jpg

Eine solche „postalische Missachtung“ seines Territoriums mochte der seit 1601 amtierende Graf und spätere Fürst Ernst nicht hinnehmen. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit ging er daran, seine neue Residenz Bückeburg und die von ihm zur Universitätsstadt gekürte Wesermetropole Rinteln an die große weite Welt anzubinden. 1621 war es so weit. Die Köln-Hamburg-Linie wurde „umgelenkt“. Die auf der Strecke einmal pro Woche hin- und her reitenden Kuriere machten in Rinteln und Bückeburg Station, und der bis dato in Hausberge vollzogene Personal- und Pferdewechsel ging jetzt in der noch jungen Landeshauptstadt über die Bühne.

Zeitgenössischen Berichten zufolge war die Ankunft der Postreiter jedes Mal ein großes Ereignis. Die wie Musketiere gekleideten und auftretenden Männer genossen eine Art Heldenstatus. Ihr Job war extrem anstrengend und gefährlich. Sie mussten tiefgründige Hohlwege, steile Felshänge und hochwassergefährdete Flussfurten meistern und sich nicht selten mit Räubern und Wegelagerern herumschlagen.

Die Freude über ihr Auftreten in den 1620er Jahren währte nur kurz. Schon wenige Monate nach Eröffnung der Route Köln-Hamburg machte der Dreißigjährige Krieg dem Überland-Verkehr ein Ende. Nach dem Friedensschluss 1648 wurden die Karten neu gemischt. Neben dem bisherigen Monopolbetreiber Thurn und Taxis stiegen Landesfürsten und reichsfreie Städte ins Geschäft ein. Bis zur Gründung einer Einheitspost im Zuge der Reichsgründung 1870/71 herrschte ein Gewirr höchst unterschiedlicher Unternehmen. Besonders bunt ging es in der verkehrstechnisch zentral gelegenen und nach Ende des Krieges zwischen den umliegenden Großmächten aufgeteilten „alten“ Grafschaft Schaumburg zu.

Es gab eine Gräflich-Schaumburg-Lippische, eine Kurfürstlich-Hessische, eine Königlich-Großbritannisch-Hannoversche, eine Kurfürstlich-Braunschweig-Lüneburgische und eine Königlich-Preußische Landespost. Eine Zeit lang waren auch noch die nach Kriegsende in Minden ausharrenden Schweden unterwegs. Doch das war noch nicht alles. Neben den unter herrschaftlichen Flaggen fahrenden Betreibern boten auch etliche Privatbotengänger und Fuhrwerksbesitzer („Fuhriere“) ihre Dienste an. Über das allgemeine Durcheinander und die großen und kleinen Ereignisses und Begebenheiten jener Zeit waren noch zur Zeit unserer Großväter und Urgroßmütter zahllose Geschichten und Histörchen in Umlauf.

Danach dürfte der bislang fleißigste heimische Postbote ein gewisser Friedrich Müller gewesen sein. Der Anfang des 18. Jahrhunderts lebende Ex-Musketier ging Jahrzehnte lang jeden Tag zu Fuß von Bückeburg nach Stadthagen, von dort weiter nach Rinteln, und kehrte anschließend wieder auf Schusters Rappen in die Residenz zurück. Dabei schob er – für unterwegs anfallende Pakete – stets eine Schubkarre vor sich her. Als Müller 1814 wegen starker körperlicher Beschwerden plötzlich aussetzen musste, schilderte sein Vorgesetzter den unerwartet aus dem Verkehr gezogenen Botengänger so: „Müller ist von jeher als ein übertriebener Arbeiter bekannt gewesen, welches ihn dann zu früh alt und besonders stockreif gemacht hat. In der Regel ging er von morgens 3 bis 7 Uhr in Arbeit und leistete den Botengang. Selten ging er hin und zurück ohne Schiebkarre, die er bei sich führte, er mogte dafür etwas zu transportieren haben oder nicht, doch konnte er nie eine zu große Last bekommen.“

Über Jahrzehnte hinweg waren im Schaumburger Land mehrere herrschaftliche Postunternehmen unterwegs, hier (links) Beamte der Fürstlich-Hessischen Post auf einer Abbildung aus dem Jahre 1793. Rechts: das Postamt in Bückeburg um 1890.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt