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Rinderhirten in der Prärie: Auch heute noch leben die Gauchos im argentinischen Bergland

Von Bola, Mate-Tee und Gürteltieren

Noch funkeln die Sterne am Firmament, aber im Osten kündigt schon ein grauer Streifen die Morgendämmerung an. Wir haben unter ein paar hüfthohen Büschen genächtigt, bloß ein paar Schafsfelle auf den Boden geworfen.

veröffentlicht am 06.02.2009 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 17.03.2009 um 11:21 Uhr

Ein Gaucho – unterwegs im bergigen Gelände der südlichen M

Von Jan Witte

Noch funkeln die Sterne am Firmament, aber im Osten kündigt schon ein grauer Streifen die Morgendämmerung an. Wir haben unter ein paar hüfthohen Büschen genächtigt, bloß ein paar Schafsfelle auf den Boden geworfen. Santiago erklärt: „So schlafen wir Gauchos oft. Meist regnet es ja nicht. Und selbst wenn, dann stört uns das nicht.“ Schon von Kindheit an sind die meisten von ihnen daran gewöhnt, bei Wind und Wetter im Freien zu übernachten. Überhaupt haben sie ein besonderes Verhältnis zur Natur und eine spezielle Gabe, sich im Freien zurechtzufinden. Das merke ich besonders, als mir Santiago erklärt, wie sie Spuren lesen und daran erkennen können, wie viele Pferde oder Stück Wild vor wie vielen Tagen hier vorbeigekommen sind. Besonders beeindruckt mich ihre Gabe, selbst in unübersichtlichem Terrain schon aus ein, zwei Kilometern jemanden von fern kommen zu sehen.

Wenn der „Viento Blanco“

den Schnee aufwirbelt

Aber auch die Gauchos sind nicht immer unfehlbar, trotz Wetter- und Ortskenntnis. Im vergangenen Winter hat Santiago hier in den Bergen oberhalb seines Dorfes einen guten Freund verloren. Selten genug kommt es vor, dass sich der „Viento Blanco“ erhebt, der weiße Wind, ein tückischer Schneesturm mit besonders heftigem Temperatursturz, der viel Schnee aufwirbelt. Hier oben in der über 2000 Meter hohen Sierra de los Pajaritos herrschen dann 20 Grad Celsius unter Null. Während dieses Sturmes war sein Freund hier oben unterwegs. Im Frühjahr haben sie ihn gefunden. Er war nicht einmal vom Weg abgekommen, hatte nur leicht die Orientierung verloren.

Die Tradition der heutigen Gauchos geht auf die berittenen Rinderhirten der Prärien Argentiniens und Uruguays des 18. und 19. Jahrhundert zurück. Bei ihnen handelte es sich meist um Mestizen (europäisch-indianische Mischlinge), die sich als äußerst geschickte Reiter ihren Lebensunterhalt auf den Farmen der Viehzüchter verdienten. Nahe der Grenze zu Brasilien besserten einige ihren Lohn mit illegalem Pferdehandel auf. Andere boten sich als fahrende Musikanten dar. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann dann der Niedergang der Gauchokultur: Die Viehbetriebe modernisierten sich immer stärker, und bald gab es keine Verwendung mehr für die Fähigkeiten der Gauchos. Allerdings hält sich bis in unsere Zeit ihre Tradition durch Märkte, Folklore-Festivals und in der Literatur. Sogar heutzutage gibt es noch immer die typischen Gauchos in Argentinien und den Nachbarländern, die meist in ärmlichen Verhältnissen leben.

Das Nationalgetränk

der Argentinier

Kaum ist der Tag angebrochen, entfacht Santiago ein kleines Feuer, um heißes Wasser für den Mate-Tee zuzubereiten, das Nationalgetränk der Argentinier. Man stellt ihn aus verschiedenen Pflanzenteilen der Stechpalme her. Nach dem Trocknen und Mahlen wird er in der Calabaza, einem faustgroßen getrockneten Kürbis, mit heißem Wasser aufgegossen und durch die „Bombilla“, einen Metallstrohhalm, getrunken. Ungebrochener Beliebtheit erfreut sich der Mate nicht nur unter Gauchos, sondern in allen Teilen der Bevölkerung: Allenthalben sieht man Büroangestellte, Polizisten auf der Straße und sogar Linienpiloten im Cockpit mateschlürfend mit der „Calabaza“ in der Hand.

Santiago erklärt mir die typische Tracht der Gauchos und ihre Ausrüstung, den breitkrempigen Sombrero, weite bequeme Reithosen, „Bombacha de campo“ genannt, also wörtlich Feld-Unterhosen, ein langes, scharfes Messer am Gürtel für alle möglichen Zwecke. Je nach Klima oder Jahreszeit wird ein Halstuch getragen und über allem ein wollener Poncho. In neuerer Zeit sieht man immer öfter auch Hemden.

Und natürlich darf die „Boleadora“ oder kurz „Bola“ nicht fehlen. Diese klassische Schleuderwaffe besteht meist aus drei faustgroßen kugelförmigen Steinen, die einzeln in derbes Rindsleder gewickelt und mit drei geflochtenen Lederseilen aneinander befestigt werden. Oft im vollen Galopp wird sie dann in kreisenden Bewegungen über dem Kopf geschwungen, bis sie auf die Beute geschleudert wird. Das erfordert äußerste Geschicklichkeit und Präzision. „Dabei muss man auf die Beine zielen! Dann wickeln sich die Lederstränge um die Beine der Beute und bringen sie zu Fall“, erläutert Santiago. „So erlegen wir Wildstrauße oder auch Wildkamele.“ Ihre Pferde reiten die Gauchos stets nur mit einer Hand, denn die andere muss für alle möglichen Tätigkeiten frei sein. In schwierigem Gelände reiten die Gauchos oft lieber Maultiere, die trittsicherer sind und auch – gerade an Hängen oder Abgründen – ein besseres Gespür haben für gefährliche Stellen.

Nach der Arbeit des Tages haben ein wir ein abendliches Lagerfeuer entfacht, um Rindfleisch zu rösten. Jetzt im zeitigen Frühjahr sind die Nächte hier in der südlichen und bergigen Mendoza-Provinz noch empfindlich kalt. Zum Glück strahlt das Feuer ein bisschen Wärme aus.

„Das schmeckt besser

als Gürteltier“

Nach einer Weile schneidet Santiago mit scharfer Klinge einen goldbraunen Streifen von dem zischend-heißen Fleisch ab. „Das hier ist besser als Gürteltier, was wir auch hin und wieder essen.“ Und er gerät ins Erzählen: „Schon bald bricht der Sommer an. Dann werde ich meine kleine Ziegenherde in die Berge führen. Dort oben finden sie saftigeres Gras. Und wenn meine Herde ordentlich wächst, kann ich vielleicht im nächsten Jahr ein paar Zicklein verkaufen und mir einige Centavos dazu verdienen.“

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