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Vor Gericht: Chance auf Bewährung für 38-Jährigen nach "Streifzug durch das ganze Strafgesetzbuch"

Vom wilden Mann zum treusorgenden Vater

Stadthagen (men). "Angst vor der Gerichtsverhandlung" hat ein Angeklagter zum Auftakt seines Prozesses vor dem Schöffengericht Stadthagen eingestanden. Nach seinem "Streifzug durch das ganze Strafgesetzbuch", wie der Leitende Oberstaatsanwalt die vier Anklageschriften zusammenfasste, hatte der 38-Jährige allen Grund zur Sorge.

veröffentlicht am 07.01.2008 um 00:00 Uhr

Herausragend waren Vorwürfe wegen Herstellung und Verbreitung von Falschgeld, Verbrechen aus dem Bereich der Schwerkriminalität, so Thomas Pfleiderer. Strafrechtlich niedriger angesiedelt, aber moralisch bedenklicher wertete der Vorsitzende Richter Kai-Oliver Stumpe die zweite Hauptanklage, eine "kleine Amokfahrt" in Obernkirchen. Völlig betrunken, seine zwei schreienden Kleinkinder auf dem Rücksitz, war der Schaumburger mit einem Auto losgeprescht, bis ihn ein Gartenmäuerchen stoppte. Am Ende konnte der Mann aufatmen, das Gericht setzte die Haftstrafe in Höhe von zwei Jahren zur Bewährung aus. Der vielfach vorbestrafte Angeklagte hatte glaubhaft versichern können, dass er in seinem Leben eine Wende eingeleitet hat. Neuerdings dreht sich bei ihm alles um die Familie, die nach zeitweiser Trennung wieder zusammengefunden hat. Frau und Kinder geben dem suchtkranken Mann Rückhalt, bei ihnen findet er den Antrieb, um eine Verhaltensänderung zu ringen. Dass er auf freiem Fuß bleiben kann, hat der 38-Jährige vor allem seiner Frau zu verdanken, die den Rückzug in die Familie möglich gemacht hat. Wenige Tage vor der Gerichtsverhandlung hat die junge Frau mit der Eheschließung ein Signal gesetzt. Der frischgebackene Ehemann war nicht immer häuslich und er sieht auch nicht so aus, er trägt das Bild eines Totenschädels mit gekreutzten Knochen auf dem kahlen Hinterkopf, bunte Bilder lugen unter der Kleidung vervor. Der Mann hat am eigenen Körper für sein Gewerbe als Tätowierer geworben. Eine Frauendarstellung am Unterarm, die der Mann wegen der abstrakten Schönheit schätzte, hat als gewaltverherrlichende Pornographie Eingang in eine Anklage gefunden. Zwischenzeitlich schon entschärft, bot der Mann an, zusätzlich den ein oder anderen Balken über diverse Stellen zu sticheln. Im Hinblick auf die Hauptanklagen wurde das Verfahren dann eingestellt, ebenso wie die Anklagepunkte, die er sich mit einer Randale in einer Stadhäger Kneipe eingehandlet hatte. Sämtliche Anklagevorwürfe und noch mehr hatte der noch junge Mann gestanden und damit Pluspunkte gesammelt. Mit Unbehagen hatte er sogar einen bislang unbekannten Mittäter beim Falschgelddelikt genannt. Weniger gut kam an, dass er mit gefälschten 50-Euro-Scheinen mutmaßlich arme Schlucker betrogen hat. Er hatte echtes Wechselgeld von Imbisslieferanten ergaunert, weil er Geld für Kokain brauchte. Der Drogenkonsum in Verbindung mit Alkohol macht den Mann unberechenbar. Aber das wilde Leben soll jetzt Vergangenheit sein. Sein bisheriges Gewerbe als Tätowierer hat er an den Nagel gehängt. Der Vorsitzede Richter bescheinigte ihm künstlerisches Potential, "da können Sie mehr daraus machen" ermutigte Kai-Oliber Stumpe den Mann. Eine Therapie soll helfen, das neue Leben zu bewältigen, ein Therapeut sieht dafür gute Chancen. Dass das Gericht die Teilnahme an einer stationären Therapie zur Pflicht für die Bewährung machte, kam den Wünschen des Angeklagten sehr entgegen.

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