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"Schicksale, die sich kreuzen" in der Herderschule / Ruth Gröne, Gerhard Landsberg und Nachum Rotenberg

Vom Schicksal dreier Zeitzeugen tief beeindruckt

Bückeburg (bus). Schilderungen der Zeitzeugen Ruth Gröne, Gerhard Landsberg und Nachum Rotenberg haben den Mittelpunkt einer Veranstaltung gebildet, die die Herder schule aus Anlass des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht anbot. Die unter dem Motto "Schicksale, die sich kreuzen" stehende Mixtur aus Konzert und Lesung der Künstler Matthias Horndasch (Sprecher, Klavier) und Roland Baumgarte (Violoncello) hinterließ in der Aula der Realschule ein tief beeindrucktes Publikum.

veröffentlicht am 12.11.2008 um 00:00 Uhr

Roland Baumgarte (l.) und Matthias Horndasch präsentieren "Schic

Mit drei Jahren steht die kleine Ruth (Gröne, geborene Kleeberg) vor einem Bild vom "Führer" und ruft: "Guck mal, das ist aber ein lieber Mann". Später, im Dezember 1941, sieht sie ihren Vater weinen, nachdem ihre Großeltern von Hannover-Ahlem nach Riga abtransportiert worden sind. Unter den Deportierten ist auch der junge Gerhard (Landsberg) mit seinen Eltern, die später in Riga ermordet werden. Gerhard überlebt zahlreiche Lager, darunter das Getto und die Konzentrationslager von Riga und Buchenwald sowie den Todestransport nach Dachau. Ruths Vater hingegen kommt bald ins Gestapo-Gefängnis von Ahlem. Im benachbarten Steinbruch arbeiten KZ-Häftlinge, denen Ruth und ihre Freundin hin und wieder heimlich Nahrung zukommen lassen. Unter ihnen ist auch Nachum, der aus dem Getto Lodz über das Vernichtungslager Auschwitz gekommen ist, wo seine Eltern grausam ermordet wurden, und der nun in Ahlem um sein tägliches Überleben kämpft. Mehr tot als lebendig werden 1945 Nachum in Ahlem und Gerhard in Dachau befreit, Ruths Vater Erich stirbt in Neuengamme. Der Verlauf dieser "Schicksale, die sich kreuzen" stellte den Hintergrund der Veranstaltung dar. "Die drei Menschen müssen sich begegnet sein - wahrscheinlich ohne voneinander zu wissen", erläuterte Horndasch. Der Erzähler präsentierte die Ausschnitte aus den Lebensläufen in kurzen, überschaubaren Portionen. Im Zusammenspiel mit Cellist Baumgarte gesetzte musikalische Akzente ließen dem Auditorium Zeit, das Gehörte auf sich wirken zu lassen. Wobei die zwischen freiheitlichem Jazz und klassischer Tonsetzung angesiedelte Musik mal meditativ-perlend, mal mit wuchtigen Zwischenschlägen daherkam. Leseprobe Rotenberg: "Jeden Morgen mussten wir zum Appell antreten. Der Kapo jeder einzelnen Baracke machte dem lagerältesten Kapo Meldung, wie viele Menschen zum Appell angetreten und wie viele gestorben waren. Danach ging er zum lagerältesten SS-Mann und übergab ihm den entsprechenden Rapport, dass also soundsoviele Menschen noch da und soundsoviele mittlerweile verstorben waren. Wir mussten währenddessen bestimmt eine Stunde lang draußen in der Winterkälte ausharren, bekleidet nur mit Hemd und Hose. Wenn sie auch nur ein Stückchen Papier fanden, das einer unerlaubterweise bei sich am Körper behalten hatte, dann schlugen sie ihn so lange, bis er bewusstlos wurde." Leseprobe Gröne: "Zuhause sagte Mutter zu meinem Vater, dass der Führer in mir wohl eine glühende neue Verehrerin gefunden hätte! Meine Eltern nahmen es mit Humor, denn sie konnten ja einer Dreijährigen die näheren Umstände noch nicht ernsthaft auslegen. Später, nach der Pogromnacht, als die Kinder nicht mehr mit mir spielen wollten, und ich das nicht verstand, versuchten sie mir das so kindgerecht wie möglich zu erklären. Sie sagten, dass wir Juden seien und der jüdischen Gemeinde angehörten, dass aber Juden jetzt nicht mehr zu den Deutschen gehörten und verfolgt würden. Unabhängig davon hatte ich bereits von anderen gehört, dass die Synagoge brannte. Da begriff ich, was vor sich ging, und das war für mich sehr schlimm. Spätestens von dem Moment an wusste ich, wenn ich Begriffe wie Führer, Nationalsozialisten, SA und dergleichen hörte: Das sind die, die du fürchten musst."

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