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Form und Aussehen von heimischen Trafo-Häusern und Versorgungsbauten einst und jetzt

Vom Baukleinod zum Billighäuschen

Das Urteil der heimischen Stadt- und Landschaftsplaner, Dorfentwickler und Denkmalpfleger ist eindeutig: Die modernen Trafo-Häuser, Schaltstationen, Pumpanlagen und Leitungsschränke könnten und sollten schöner sein. „Quadratisch, praktisch, hässlich“, so die schlagwortartige Zusammenfassung der Kommentare. Als Hauptursache der einfallslosen Architektur sieht Wolfgang Wehlauch, Chef der Kreisbaugenehmigungsbehörde, das Fehlen gestalterischer Vorgaben. Hintergrund: Um eine reibungs- und störungslose Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Gas, Wasser, Telefon und Internet zu gewährleisten, hat der Gesetzgeber die Auflagen für Bau und Betrieb der dazu erforderlichen technischen Einrichtungen und Anlagen stark vereinfacht und „liberalisiert“. Nach der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) müssen die für Energie- und Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung und Fernmeldewesen zuständigen Unternehmen keine behördlichen Genehmigungen einholen. Die Folge: E.on, Telekom, Stadtwerke, Wasserbeschaffungsverbände und Bundeswehr suchen – wenn es sich nicht um den eigenen Firmensitz und/oder prestigeträchtige Demo-Projekte handelt – die jeweils billigste Lösung aus.

veröffentlicht am 25.06.2011 um 00:00 Uhr

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Das Ergebnis ist ein dichtes Netz von industriell und serienmäßig vorgefertigten Beton- und Metallcontainern. Allein E.on hat kreisweit mehr als 700 Einzelstationen in Betrieb. Standort, Entschädigungsleistung und sonstige Rahmenbedingungen werden direkt mit den Grundstückseigentümern ausgehandelt. Landschaftliche und/oder städtebauliche Gesichtspunkte bleiben dabei oft auf der Strecke. Selbst historische Stadtkerne oder Landschaftsschutzgebiete sind nicht vor „architektonischen Entgleisungen“ gefeit.

Aus Sicht der Unternehmen ist die rein kostenorientierte Lösungssuche nicht nur berechtigt, sondern auch zwingend erforderlich. Für teure Extras müssten letzten Endes die Kunden und/oder Steuerzahler aufkommen, betont E.on-Unternehmenssprecher Michael Wippermann aus der Paderborner Firmenzentrale. Trotzdem werde man sich bezahlbaren Sonderwünschen nicht verschließen. Ähnlich sieht man es auch bei den Stadtwerken Schaumburg-Lippe. Schon jetzt sei man bemüht, ästhetische Gesichtspunkte zu berücksichtigen, versichert technischer Betriebsleiter Michael Sokoll. So werde derzeit überlegt, die an besonders exponierter Stelle stehenden Container von heimischen Schulklassen bemalen und optisch aufpeppen zu lassen.

Dirk Eggers, im Rintelner Rathaus für Denkmalpflege zuständig, hält über solche Ansätze hinaus auch bauliche Verbesserungen für machbar und notwendig. Die Alternative „entweder schön, aber teuer“ oder „schlicht, aber billig“ sei so nicht akzeptabel. Auch ohne großen Kostenmehraufwand lasse sich eine ganze Menge besser machen. Dass das heute nicht oder nur selten versucht werde, hat laut Eggers vor allem mit der rein ingenieurmäßig-technokratischen Lösungssuche zu tun. Das einst selbstverständliche kreativ-gestalterische Denken sei in vielen Führungsetagen verloren gegangen. Als Beispiel nennt der Baufachmann den 1915 an exponierter Stelle am Rintelner Wall errichten Trafo-Turm. Das damals sorgfältig geplante und gut dimensionierte Vorhaben sei später durch einen gedankenlos hinzugefügten Anbau verschandelt worden.

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Das 1904 errichtete und ein Jahr später in Betrieb genommene Trafo-Haus in Obernkirchen ist eines der auffälligsten und ungewöhnlichsten heimischen Industriedenkmale.

In der Tat scheint es früher in puncto Industriearchitektur ein stärker ausgeprägtes Gespür für Form, Farbe und Ästhetik gegeben zu haben. Einige der alten Funktionsbauten gelten heute als stadt- und dorfbildprägende Highlights. Das wohl schönste Beispiel dieser Art ist das 1904 errichtete Trafo-Haus in Obernkirchen. Als weiteres sehenswertes Denkmal gilt der Wasserspeicher am Harrl in Bückeburg. Und auch die Trafo-Station direkt neben dem Museum Amtspforte in Stadthagen fügt sich dank seiner Sandsteinfassade angenehm unauffällig in das nahe Schlossareal ein.

Besondere Aufmerksamkeit und zunehmende Wertschätzung erfahren neuerdings auch die noch erhaltenen Trafo-Türme. „Er ist unser Wahrzeichen“ beschreibt der Müsinger Ortsvorsteher Gerhard Heinrichsmeier den Stellenwert des ortsbildprägenden Bauwerks für die Einwohnerschaft. Das Gros der Leute im Dorf sei sich einig, dass der Turm als Identität stiftendes, mittlerweile im Gemeindewappen verewigtes Erkennungsmerkmal erhalten werden muss. Nutznießer soll nicht zuletzt die heimische Tierwelt sein. Unterm Dach haben Heinrichsmeier und seine Helfer eine Nistgelegenheit für Schleiereulen samt Flugloch eingebaut.

Ähnlich liebevoll und fürsorglich wie in Müsingen gehen auch die Leute im heutigen Rintelner Ortsteil Schaumburg mit ihrem Turm um. Wilfried Schnüll, Vorsitzender des örtlichen Verkehrs- und Heimatvereins, setzt sich seit Längerem für den Ausbau des 1910 vom damaligen Überland-Elektrizitätswerk Rinteln errichteten und zuletzt 1951 rundum erneuerten Backsteingemäuers ein. Wenn es nach Schnüll geht, soll das gute Stück durch einen Anbau erweitert und zu einem Museum für Heimatkunde und/oder Technik ausgestaltet werden.

An fehlenden Angeboten würden die Wünsche nach besserer Industriearchitektur nicht scheitern. „Wir sind da sehr flexibel“, versichert Hieronymus Böer, Produktionsleiter der Firma Scheidt in Rinteln. Der Betrieb gehört zu den führenden deutschen Anbietern von schlüsselfertigen Trafo- und Schaltstationen. Derzeit würden von den Betreibern überwiegend einfarbig-schlichte Beton-Container in der Preisklasse von 5000 bis 25000 Euro bestellt. „Auf Wunsch können wir jedoch auch Klinker-, Holz- oder Fachwerkfassaden mit den dazu passenden, mit Ziegeln oder auch Reet gedeckten Giebel-, Pult- oder Walmdächern liefern.“



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