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Noch heute erinnern Gebäude in Hameln an die Fabrikanten Banneitz / Im Kaiserreich zu Wohlstand gekommen

Vom Aufstieg einer Unternehmerfamilie

Die „Villa Banneitz“, dieses stattliche Gebäude mit dem fremd klingenden Namen am von Prachtbauten reichen Ostertorwall, zieht so manchen bewundernden Blick auf sich. Der Name erinnert an eine Familie, deren wechselhafte Geschichte bislang kaum bekannt war. Doch Ende letzten Jahres ist ein Buch mit dem Titel „Banneitz – Eine Fabrikantenfamilie schreibt Industriegeschichte in Hameln, Münder, Hannover und Springe“ erschienen, das die Biografie der Unternehmerpersönlichkeiten aufhellt.

veröffentlicht am 16.02.2019 um 09:27 Uhr

Das von Johann Wilhelm Banneitz um 1850 erbaute Haus Neuetorstraße 7. Foto: zu Klampen Verlag/Gelderblom
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Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
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Geschrieben hat es Christl Knauer-Nothaft, die Urenkelin von Carl und Urgroßnichte von Otto Banneitz. Den besonderen Reiz dieser Studie macht der zugleich persönliche und kritische Zugang mit der Geschichte einer Unternehmerfamilie aus, die zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und den 1930er Jahren in Hannover, Springe und Bad Münder Fabriken betrieben hat. Wir begegnen aufstiegsorientierten Familienmitgliedern, die im Kaiserreich vom allgemeinen Wohlstand profitierten, aber dann von den Folgen der Weltwirtschaftskrise schwer getroffen wurden.

Christl Knauer-Nothaft hat in aller Breite recherchiert und nicht nur die reiche Familienüberlieferung, sondern auch zahlreiche Archive und die regionale Forschung genutzt. Besondere Kapitel hat sie den Arbeitern und der NS-Zeit gewidmet.

Der Aufstieg der Familie begann, als der 1812 geborene Johann Wilhelm in jungen Jahren seine Heimat im hannoverschen Wendland verließ. Als Zweitgeborener hatte er keine Chance, den väterlichen Hof zu erben, lernte deswegen das Maurerhandwerk und begab sich als Geselle auf Wanderschaft. Irgendwann vor 1845 ließ er sich in Hameln nieder. Die Gründe für die Ortswahl kennen wir nicht.

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Das Gebäude in seinem heutigen Zustand. Foto: zu Klampen Verlag/Gelderblom

In Hameln lernte er zunächst ein weiteres Handwerk: Zimmerer. Die Aufnahme in die Hamelner Gilde gelang ihm allerdings nur mit Hilfe der Stadt. Die konservative Gilde hatte sein Meisterstück – den Entwurf eines Fachwerkhauses – abgelehnt. 1845 konnte Johann Wilhelm Banneitz ein Baugeschäft gründen.

Banneitz betätigte sich nicht nur geschäftlich, sondern war auch sozial engagiert. So beteiligte er sich zum Beispiel 1847 an der von Senior Schläger angeregten Gründung einer Krankenkasse. Mit 34 Jahren heiratete er die zwölf Jahre jüngere Louise Adolphine Wolbrecht aus dem nahen Steinbergen, eine Landwirtstochter, die ihm an Tüchtigkeit nicht nachstand. Vier Söhne, Otto, Emil, Carl und William, gingen aus der Ehe hervor.

In wenigen Jahren entstand in Münder eine florierende Fabrik, die jährlich 180 000 Stühle produzierte

Auf dem ehemaligen Festungsgelände – an der Ecke Kastanienwall/Neuetorstraße – baute er um 1850 ein stattliches zweigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus.

Im April 1851 konnte man in den Hamelnschen Anzeigen lesen, dass Zimmermeister Banneitz an der Ohsener Straße neben der Ziegelei Reese eine weitere Ziegelei gründen werde. Die Bürger würden darauf „mit großer Freude“ warten. Großindustrielle Mühlenbauten verschlangen damals in Hameln eine Unzahl an Ziegeln.

Johann Wilhelm Banneitz starb 1862 früh im Alter von 50 Jahren. Seine erst 38 Jahre alte Witwe übernahm die Geschäfte und die Erziehung der Söhne. Zusammen hatten die Eheleute die Grundlage für den Wohlstand der folgenden Generation gelegt.

Die Söhne gingen nach der Volksschule zunächst bei Kaufleuten in die Lehre. Anschließend stiegen sie in die im Deister- und Sünteltal neu aufstrebende Stuhlindustrie ein. Stühle waren bisher handwerklich hergestellt worden. Durch den Einsatz der Dampfmaschine ging das nun wesentlich schneller.

Der Älteste, Otto Banneitz (1850-1911), übernahm vor 1878 zunächst als Geschäftsführer ein mit einer „Dampfsäge“ betriebenes Werk im Bereich Münder/Hachmühlen, um es 1880 zu kaufen. Das Werk lag sehr verkehrsgünstig am Bahnhof Münder an der Bahnstrecke von Hannover nach Altenbeken. Während Otto die kaufmännische Leitung der „Stuhlfabrik Gebr. Banneitz“ innehatte, übernahmen die Brüder Carl die technische Leitung und William den Vertrieb.

In wenigen Jahren entstand mit einer Jahresproduktion von 180 000 Stühlen, 60 Arbeitern und 190 Heimarbeitern „das hervorragendste Unternehmen dieses Zweiges der Möbelschreinerei“ (so eine 1891 publizierte Wirtschaftsgeschichte).

Ein Jahr nach Übernahme der Fabrik heiratete Otto. Der Vater seiner Braut Luise Lange war Besitzer des renommierten, vom preußischen Hochadel frequentierten Hotels Royal Unter den Linden 3 in Berlin. Derselbe erstaunliche gesellschaftliche Aufstieg gelang auch seinem Bruder Carl, der eine Tochter des königlich preußischen Hofstallmeisters Unruh aus Berlin heiratete. Beide Ehefrauen stammten aus großbürgerlichem Milieu und brachten eine bedeutende Mitgift mit. Als Ideal mag ihnen die Lebensweise des Adels vor Augen gestanden haben.


Lesen Sie nächsten Samstag den zweiten Teil über die Fabrikantenfamilie Banneitz.



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