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Rollenspiel: Wie IT-Berater und wissenschaftliche Mitarbeiter zu gierigen Söldnern und gefräßigen Zombies werden

Völlig von der Rolle mitten im Bückeberg

Die Dächer weißer Zelte leuchten in der Morgensonne durch die Reihen der Bäume, die die Straße am Forsthaus Halt vom Zeltplatz trennen. Nur wer genau hinsieht, bemerkt, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Zeltlager handelt. Für Außenstehende deutet wenig darauf hin, dass hier an diesem Wochenende Adelige ihre Intrigen schmieden, Abenteurer nach der Schwachstelle des Schurken forschen und Söldner gegen Orks und Untote kämpfen. Dabei ist der Zeltplatz am Forsthaus ein beliebtes Gelände für solcherlei Veranstaltungen, die Erinnerungen an die „Herr der Ringe“-Filme aufkommen lassen. Das Hobby, dem sich besagte Adelige, Abenteurer und Söldner verschrieben haben, nennt sich „Larp“. Die Abkürzung steht für „live action role playing“ – Live-Rollenspiel.

veröffentlicht am 01.10.2009 um 23:00 Uhr

Die Waffen in Schuss zu halten ist wichtig, denn der nächste Ang

Autor:

Lena-Marie Hahn

In mittelalterlicher Gewandung haben sich zahlreiche Männer und Frauen um die Feuerstelle versammelt. Ein Trommelwirbel eröffnet den Gerichtstag. Etwas erhöht steht ein beleibter Mann in einem dunklen Waffenrock, den ein goldenes Wappen ziert. Er nennt sich Baronet Victor, Verwalter des königlichen Lehens von Silberwald, und widmet sich nun den Streitigkeiten seiner Landsleute. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. Ein junger Mann in bäuerlicher Kleidung tritt vor und zieht eine Frau hinter sich her. „Das hier ist eine Hexe!“ verkündet er. „Hexe!“, skandieren die Dorfbewohner. „Verbrennt sie!“ Der Geruch des ausgebrannten Holzfeuers vom vorangegangenen Abend weht wie eine Vorahnung über die Szene. Die Angeklagte hingegen schreit und schimpft und beschuldigt ihrerseits den Kläger. Baronet Victor macht ein ratloses Gesicht.

„Der Zweck der Gerichtsverhandlung ist zunächst einmal, für Unterhaltung zu sorgen“, erklärt Arne Sendke. Der 37-jährige Stadthäger ist Organisator der zweitägigen Veranstaltung, die sich vielleicht am ehesten als Improvisationstheater ohne Zuschauer beschreiben lässt. „Vor allem aber hatte ich das Ziel, den Spielern mögliche innere Konflikte zwischen jetzigem und mittelalterlichem Rechtsempfinden nahe zu bringen.“

Gut 160 Menschen sind auf dem Gelände und spielen mit. Der Organisator, der im bürgerlichen Leben IT-Consultant ist, hält sich dezent im Hintergrund. Eine rote Schärpe über der Schulter kennzeichnet ihn als Mitglied der Spielleitung (SL). Acht Monate lang hat der Larper das Ereignis vorbereitet und mehr als 400 Arbeitsstunden investiert. Über das Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda hat er die Mitspieler zusammengetrommelt, Geld kassiert und in die Ausstattung investiert, das Gelände gemietet und sich der größten Herausforderung angenommen: dem Schreiben der Handlung. „Wir bieten immer zwei Plot-Linien – also Handlungsstränge – damit für jeden etwas dabei ist“, erklärt Arne.

Im Rollenspiel kann über Menschenfolterei und Hexenverbrennung g
  • Im Rollenspiel kann über Menschenfolterei und Hexenverbrennung gelacht werden. Fotos: rg

Wochenendtrip in die Märchenwelt

Jeder Spieler bringt seine eigene Rolle mit, die er im Spiel weiterentwickeln möchte. Er kennt nur die Ausgangssituation. Nicht einmal die Spielleitung weiß, was im Einzelnen geschehen wird, aber sie muss für alles gewappnet sein. „Vor allem beim Adels-Plot ist das immer irre aufwendig“, erklärt Arne. Drei Gruppierungen mit unterschiedlichen Zielen treffen durch ihre Ränkespielchen Entscheidungen von großer politischer Tragweite und entscheiden über die Zukunft des ganzen Landes.

Talosia hat der Verbund aus verschiedenen Organisationsteams dieses fiktive Reich genannt, in dem zahlreiche Larp-Veranstaltungen (sogenannte Cons) spielen. Alles muss zusammenpassen, damit die Ergebnisse des Spiels sich in die Handlung des nächsten Cons einfügen. „Die meisten Adeligen interessieren sich fürs große Ganze aber wenig“, erklärt Arne. „Die haben alle ihre eigenen Interessen.“ So ist die Ausgangssituation des heutigen Spiels mit dem wohlklingenden Titel „Talosia Insculpo“, dass die Herzogin von Eberfurt zu heiraten beabsichtigt, um ihr Land gegen einen Rivalen zu stärken.

Das Spielgeschehen steuert die SL mit einer Armee von „Nichtspieler-Charakteren“, kurz NSCs. Im Gegensatz zu den Spielern, die sich ihre Figur frei erfinden dürfen, übernehmen diese vorgeschriebene Rollen und verhalten sich so, wie die Handlung es erfordert. Bei „Talosia Insculpo“ stehen den 79 Spielern 86 NSCs gegenüber.

Einer der NSCs ist Bengt Gründel. Der 24-Jährige aus Tostedt bei Hamburg steht auf einer Lichtung im Wald und hält Ausschau nach Spielern, die – durch Zufall oder zielgerichtet gestreute Informationen – den Dungeon finden. Dabei handelt es sich um ein Labyrinth aus Schnüren, Gewebeband und 500 Metern schwarzer Baufolie, in dem die Spieler später nach dem geheimen Portal des Barons Bergelmir suchen und allerlei Gefahren und Rätsel meistern müssen.

„Baron Bergelmir bin ich“, erklärt Bengt fröhlich. „Ich foltere Menschen und opfere sie, um mich an ihrer Lebenskraft zu bereichern. Ich bin in Besitz eines magischen Rings gekommen, der mir die Lebenskraft meiner Opfer überträgt. Jetzt kehre ich zurück und bin ganz erstaunt, dass ich inzwischen ersetzt worden bin.“ Den Baron zu besiegen ist Aufgabe der Spieler.

Kampfszenen spielen beim Larp eine große Rolle. Zwar gibt es auch genügend Spieler, die völlig auf die Darstellung von Gewalt verzichten und sich lieber im Adel und dessen Gefolge als Barde oder unbewaffneter Abenteurer betätigen. Doch bei der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer ist das „Moschen“, wie die Darstellung von Kämpfen im Larper-Jargon heißt, sehr beliebt. Hier kommen die Polsterwaffen zum Einsatz, die aus einem Kunststoffkern, Schaumstoff und einer deckenden Latexschicht bestehen.

Plötzliche Übergriffe durch Orks

Schwer bewaffnet sind auch die drei Söldner, die gemütlichen Schrittes durch den Wald schlendern. „Ein Mann ist von Orks angegriffen worden“, berichtet Yannic Bertram aus Krainhagen. „Eine Gruppe von Kriegern verfolgt die jetzt irgendwo dahinten. Wir kamen leider zu spät, weil ich meine Rüstung erst noch anlegen musste.“ Bereits zum siebten Mal spielt der 20-Jährige, der gerade eine Ausbildung zum Physiotherapeuten macht, dieselbe Rolle.

„Sethur ist sehr egoistisch und geldgierig, ein typischer Söldner halt. Er hatte mal einen kleinen Unfall und ist seitdem geistig etwas minderbemittelt.“ Yannic lacht. „Das habe ich mir am Anfang so ausgedacht, damit ich eine Entschuldigung habe, wenn ich was falsch mache.“ An seinem Hobby begeistert ihn vor allem das Spiel mit Gleichgesinnten. „Larper sind eigentlich alle nette Kerle. Ganz normale Leute, keine Freaks, wie man vielleicht denken könnte.“ Seine Mitspielerin Christiane Eckelt aus Minden fährt fort: „Jetzt drehen wir einfach mal eine Runde durch den Wald und genießen die Natur. Das gehört zum Larp auch dazu.“

Die Adeligen widmen sich derweil ihrem liebsten Zeitvertreib: Intrigen schmieden. Verborgen vor neugierigen Blicken führt die Comtesse Chloe de Fouche in ihrem Zelt diskrete Gespräche mit dem Großinquisitor, der ihre Königstreue in Zweifel zieht. Ein übergroßer Streithammer symbolisiert seinen Rang, und die Comtesse sieht mit Unbehagen auf die Waffe. „Isch werde se’en, was sisch machen lässt“, verspricht sie würdevoll, als der kahlköpfige Mann in der roten Robe sich verabschiedet. Der französische Name und der Akzent verdeutlichen ihre Gruppenzugehörigkeit im Ränkespiel des Adelslagers. „In echt kann ich gar kein Französisch“, verrät die junge Frau, als der Großinquisitor das Zelt verlassen hat. Eigentlich ist Kirstin Schicketanz eine von denen, die ihr Rollenspiel konsequent die ganze Zeit über aufrechterhalten. Doch jetzt hat sie viele Stunden in ihrem prächtigen, aber einengenden Kleid hinter sich und braucht eine kurze Pause. Die 22-jährige Maschinenbau-Studentin beugt sich nach vorn und lockert die Muskeln. Sie schüttelt sich noch einmal kurz, dann verschwindet das Lächeln auch schon wieder von ihrem Gesicht und macht einer aristokratischen Arroganz Platz. „Wo ist meine Zofe? Sie soll die ’erzogin um eine Unterredung bitten!“, fordert Kirstin und ist schon wieder ganz die Comtesse.

Es ist dunkel geworden. Die gerade arbeitslosen NSCs haben sich in ihrem Lager um den Grill versammelt, in dem ein kleines Feuer prasselt. „Wir warten jetzt auf die Endschlacht“, erklärt Björn, einer von ihnen. „Baron Bergelmir wird sich demnächst den Edelleuten hier stellen.“

Angst vor Schubladen denken

„Bis jetzt bin ich auf diesem Con fünfmal gestorben, dreimal habe ich aufgegeben. Mal sehen, was noch kommt.“ Als Björn erfährt, dass seine Auskünfte für die Zeitung bestimmt sind, wird er schweigsam. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, und auch seine Heimat gibt er mit „Oldenburger Gegend“ bewusst vage an. Er hat schlechte Erfahrungen damit gemacht, allzu offen über sein Hobby zu plaudern. „Man wird schnell in eine Schublade gesteckt“, sagt er leise. „Und das kann gerade beim Berufseinstieg ein ganz großes Hindernis sein.“ Es ist dunkel am Feuer, und das Flackern der Flammen verfremdet sein Gesicht. Trotzdem zieht Björn sich zurück, um noch mehr mit den Schatten zu verschmelzen. „Ich arbeite in der wissenschaftlichen Forschung, schreibe gerade meine Doktorarbeit“, verrät der 26-Jährige. Unsicher sieht er nach links und rechts, als befürchte er, damit schon zu viel preisgegeben zu haben.

Katrin und Mira Dorkewitz teilen solche Bedenken nicht. Die beiden Schwestern aus Bückeburg sind seit sechs Jahren Larper und haben schon verschiedene Rollen sowohl auf Seiten der Spieler als auch der NSCs gespielt. „Ich habe bis jetzt in meinem Umfeld noch keinen getroffen, der gesagt hätte: ‚Das ist ja bescheuert’“, berichtet Katrin. Die 25-Jährige ist als Erzieherin in einem Waldkindergarten und als Reitpädagogin tätig.

Auch mit irritierten Spaziergängern hatten die beiden noch nie Probleme. „Wenn man grad als Monster geschminkt ist, grüßt man nett, und dann ist das in der Regel erledigt. Ansonsten geht die Spielleitung kurz hin und erklärt, was da passiert.“ Ihr Hobby beschreiben die Schwestern als „Aktiv-Entspannung“. Ohne Handy in der Tasche und Uhr am Handgelenk werden sie für absehbare Zeit zu jemand ganz anderem. „Man kann den Alltag mal völlig hinter sich lassen“, erläutert Mira. Wichtig aber sei, dass der Realitätsbezug nicht verloren gehe. „Der Spieler steuert den Charakter, nicht andersrum. Man kann jederzeit stopp sagen. Als ich zum Beispiel in einem Kampf ernsthaft gestolpert bin, haben mir die Zombies sofort die Hand gereicht und sich versichert, dass es mir gut geht“, berichtet die 22-Jährige.

Dann dröhnt ein Tuten durch die Dunkelheit und kündet die Entscheidungsschlacht an. Im Nu klingen Schreie durch den Wald, als die Feinde bei Fackelschein ins Lager einfallen. Das Scheppern von Rüstungen übertönt die dumpfen Geräusche, mit denen sich die gepolsterten Klingen kreuzen. Heute sind die feindlichen Truppen in der Überzahl, und sie haben leichtes Spiel. Die Spielleitung hat ihren NSCs aufgetragen, die Herzogin zu entführen. Sie zu befreien wird die Aufgabe der Spieler beim nächsten Mal. Wer selbst mal an einer Larp-Veranstaltung teilnehmen will, kann sich unter www.larpkalender.de informieren.

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