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Wo die britische Poetin Sackville-West gärtnerte, wächst heute Englands Stolz

Vitas Traumgarten Sissinghurst hat ’ne weiße Weste am Priest’s House

Von Jens Meyer

veröffentlicht am 24.04.2010 um 06:51 Uhr

Rund 200 000 Besucher pro Jahr erfreuen sich am Blütenreichtum v

Kent / Sussex. John Gullick begrüßte uns stets mit einem Lächeln und der Frage nach Tee. Antworteten wir mit ja, lehnte er seinen Spaten an die Backsteinhauswand seines Square Farm Houses an der Shrub Lane im Örtchen Burwash und servierte für gewöhnlich ein paar Minuten später im Wohnzimmer, wo das Kaminfeuer brannte und die Sessel Lehnenschoner hatten. Hätten wir mit nein geantwortet, hätte er dasselbe getan. Die Frage nach einer Teatime wird in England rein rhetorisch gestellt.

Zum Tee, mit einem Tröpfchen Milch koloriert, gab’s Ginger Biscuits. Dabei schauten wir aus den Fenstern in Johns Garten, den er zusammen mit seiner Frau Liz bewirtschaftete; ein kleines Paradies mit englischem Rasen, Steingarten und herrlichen Stauden. Nicht zu aufgeräumt, gerade recht so. „Wo seid Ihr denn heute gewesen?“, fragte er dann interessiert. „Sissinghurst“, sagten wir. John zog die Augenbrauen hoch, schritt zu einem der Fenster, öffnete es und rief in den Garten hinaus: „Liz, Liz, die beiden waren in Sissinghurst!“ Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann hatte auch Liz ihren Spaten an der Hauswand des 700 Jahre alten Cottages abgestellt, daneben den Eimer mit Unkraut, die Gartenschuhe abgestreift, und war ins Wohnzimmer gekommen. Sissinghurst schweißt sie alle zusammen in England, Sissinghurst ist ein gelebter Gartentraum, Sissinghurst verbindet auf unerklärlich magische Weise, und wenn dort ein Baum vom Sturm gefällt wird, dann blutet die englische Seele.

„Our England is a Garden.“ So beginnt das populäre Gedicht „The Glory of the Garden“ von Rudyard Kipling. Treffender könnte zumindest der Süden des britischen Königreiches kaum umschrieben werden, und wenn nicht ein Engländer wie Kipling, wer sonst auf dieser Welt hätte wohl das Preisgeld eines Nobelpreises (in diesem Fall für das Dschungelbuch) in die Anlage eines Gartens gesteckt…? Bateman’s in Burwash, von John und Liz fußläufig zu erreichen, ist vier Hektar groß und ein wohl inszeniertes Meisterwerk des Schriftstellers. Und doch, obwohl rund 15 Kilometer entfernt, geht von Sissinghurst Castle Garden eine größere Magie aus, auch in Burwash. Im Vergleich zu Hever Castle oder Petworth Park klein, doch groß an Bedeutung. Vita Sackville-West, die mit epischen Gedichten („The Garden“), Erzählungen und Romanen wie einst Kipling der schreibenden Zunft angehörte, schuf hier aus einem Gartentraum einen Traumgarten. Die Walzenwolfsmilch leuchtet nirgendwo heller, die Clematis rankt nirgendwo höher, kein weißer Garten ist irgendwo weißer als der in Sissinghurst. Und abends, wenn die Nebel aus den umliegenden Feldern der Grafschaft Kent emporsteigen, dann scheint es so, als sollten sie auf Geheiß der Royal Horticultural Society und Königin Mutter dieses Nationalheiligtum Heiligtum in Watte packen.

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Die größte Wirkung geht vom „White Garden“ aus, der sich vor dem Priest’s House befindet. Weiße Blüten von Rosen, Zimmerkalla und Elfenbeindistel sowie das silbrig-glänzende Laub von Silberweide und gefülltem Schlafmohn bilden einen lebhaften Ruhepol, eine blühende Kulisse von höchster Eleganz. Dort wird Sissinghurst endgültig zum Kunstwerk erhoben, freilich keines mit musealem, verstaubtem Charakter, sondern ein lebendiges Zeugnis von Vergangenheit und Gegenwart. Was Vita Sackville-West begann, wird heute in ihrem Sinne von einem Team der besten Gärtner Englands in Diensten des National Trusts fortgeführt. Und obgleich die einschlägige Fach- und Reiseliteratur den Besuch Sissinghursts zu jeder Jahreszeit empfiehlt, so bleibt doch feststellen, dass die Stärken dieses Paradieses mit seiner „weißen Weste“, dem großen Obstgarten und dem Lindengang vor allem in der zweiten Jahreshälfte liegen. Rhododendronblütenjäger und Azaleenentdecker, die von April bis Juni Englands aufblühende Gärten zu erobern suchen und die unter Garantie in Stourhead Gardens oder Leeds Castle selig werden, haben in Sissinghurst nichts zu suchen, weil es kein großer Landschaftspark mit meterhohen Gehölzen ist, sondern ein Garten. Und wenn man so will, liegt darin schon ein Gutteil der Magie.

Zurück im Wohnzimmer des Square Farm Houses. Hund Ellis lag uns zu Füßen, Katze Sylvester ließ sich schnurrend ausgiebig kraulen. John und Liz hatten gebannt zugehört. „Wo wollt Ihr morgen hin?“, fragte John, schon in Begriff, wieder nach draußen zu gehen, um Rasen zu mähen und Stauden zu pflanzen. „Auf jeden Fall Hever Castle“, sagte ich, „und dann mal sehen…“. John und Liz hielten inne. „Hever? Great!“

Ich weiß noch, dass John neues Teewasser aufsetzte…

Gehen Sie auf Entdeckungstour durch die Grafschaften Kent und Sussex. Dewezet und Pyrmonter Nachrichten veranstalten in Kooperation mit dem Reiseunternehmen Herter Reisen ab Donnerstag, 16., bis Sonntag, 19. September dieses Jahres eine Leserreise in den Süden Großbritanniens! Vier besonders schöne Gärten – Sissinghurst Castle Garden, Scotney-Castle & Garden, Hever Castle & Gardens und Sheffield Park Garden – sind die Ziele dieser viertägigen Busreise, die in Hameln am Bürgergarten beginnt. Im Reisepreis von 498 Euro pro Person im Doppelzimmer (575 Euro im Einzelzimmer) enthaltene Leistungen sind unter anderem der Taxitransfer zum Abfahrtsort, der Fährtransfer Calais-Dover und zurück und drei Übernachtungen in einem Drei-Sterne-Hotel in East Horsley (Halbpension).

Informationen und Buchungen in den Geschäftsstellen von Dewezet (Osterstraße 15 - 19, Hameln) und Pyrmonter Nachrichten (Rathausplatz 1, Bad Pyrmont) sowie telefonisch unter der Leserreise-Hotline 0 51 51 / 200 555.

Blick von Vita’s Tower auf einen Teil des Traumgartens Sissinghurst: So akkurat schneiden nur Profis ihre Hecken.



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