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Arbeitsgemeinschaft Krasniza hat Probleme, Gasteltern zu finden / Landeskirche hält an Aktion fest

"Vielen Menschen sagt Tschernobyl nichts mehr"

Rinteln (wm). Im April 1986 ist der Block 4 des Atomkraftwerkes von Tschernobyl explodiert. 1993 hat dieÖkumenische Arbeitsgemeinschaft Krasniza, damals vor allem auf Initiative von Dieter Seydell (Exten) und Hiltraud Mumme (Hohenrode) unter dem Dach der evangelischen Kirche begonnen, Kinder aus der Tschernobyl-Region zu einem Ferienaufenthalt nach Rinteln einzuladen. Ähnliche Aktionen sind auch imAuetal, Bad Nenndorf und Bad Eilsen von den örtlichen Gemeinden gestartet worden.

veröffentlicht am 03.01.2008 um 00:00 Uhr

Abschiedsfoto mit den Krasniza-Kindern, die alle "Danke" sagen:

In dem Maße, in dem Tschernobyl als Katastrophenort aus dem öffentlichen Bewusstsein schwindet und gar als Touristenziel angeboten wird, wird es immer schwieriger, Gasteltern zu finden, die bereit sind, Kinder aus Weißrussland aufzunehmen. Im Auetal und Bad Nenndorf ist die Hilfsaktion bereits eingeschlafen. Hiltraud Mumme bedauert: "Selbst vielen heutigen Konfirmanden sagt Tschernobyl nichts mehr." Dass es im Falle Rinteln Kinder aus Krasniza sind, erzählt Hiltraud Mumme, war eher ein Zufall. Die ersten Kinder kamen eben aus diesem Dorf, woraufhin Dieter Seydell einen Hilfstransport organisiert und selbst nach Weißrussland gefahren ist. Die Beziehungen haben bis heute gehalten, doch das Engagement in der Bevölkerung bröckelt. "In den besten Jahren hatten wirüber 30 Gastfamilien, aber im letzten Jahr war es schon schwierig, auch nur zehn Familien zu finden", klagt Hiltraud Mumme. Sie weiß, dass es in den letzten Jahren auch zunehmend Kritik gegeben hat - an der angeblichen Anspruchshaltung der Kinder, an der Tatsache, dass auch in der Ukraine der Lebensstandard wächst und dort niemand mehr zu hungern braucht - aber gegessen würden hochbelastete Lebensmittel, gibt sie hier zu bedenken. Und auch Weißrussland hat einen Teil dazu beigetragen, dass ein Engagement für Krasniza zunehmend skeptisch gesehen wird. So haben die rigorosen Zollbestimmungen Hilfstransporte außerordentlich schwierig gemacht. Und in der Ukraine würde man es aus politischen Gründen lieber sehen, wenn das Geld im eigenen Land ausgegeben wird - zum Bau von Erholungsheimen in unverstrahlten, unbelasteten Regionen. Hiltraud Mumme betont, dabei würden zwei wichtige Dinge übersehen: Es sei nie in erster Linie um die materielle Versorgung der Kinder gegangen, sondern um den medizinischen Nutzen. Nach wie vor seien die Kinder gesundheitlich erheblich belastet, die Krebsrate extrem hoch, vor allem Leukämie, die Blutkrankheit. Unterschätzt würde auch der emotionale Aspekt, um das abgedroschene Wort von der Völkerverständigung zu vermeiden. Inzwischen gebe es ein weiteres Problem, schildert Mumme: In jungen Familien, die Kinder aufnehmen könnten, arbeiten meist beide Elternteile. Die Arbeitsgemeinschaft versuche nun gegenzusteuern, indem Gastfamilien die Kinder auch nur 14 Tage nehmen können, dann müssten die Kinder für die restlichen 14 Tage eben in eine andere Familie umziehen. Gut wäre, wenn eine Familie zwei Kinder aufnehme, denn die Deutsch-Kenntnisse der Kinder sind minimal (es fährt in der Gruppe aber immer eine Dolmetscherin mit). Außerdem bemühe man sich nach wie vor, mit einem umfangreichen Freizeitprogramm mit Unterstützung örtlicher Vereine und Institutionen die Gastfamilien zu entlasten. Angedacht wordensei schon, die Kinder in der Jugendherberge unterzubringen, aber das sei wohl zu teuer. bedauert Mumme. Die Landeskirche, die den Flug der Kinder von Weißrussland finanziert, stehe nach wie vor uneingeschränkt hinter der Aktion, berichteten gestern auf Anfrage Pressesprecher Pastor Dr. Johannes Neukirch und Barbara Koll, zuständig für die Aktion. Zwar kenne man die Probleme, aber grundsätzlich sei die Zahl der Kinder, die nach Deutschland kommen, nicht dramatisch gesunken: Rund 1000 waren es im Vorjahr. Kontakt: Wer Kinder aufnehmen kann, sollte sich bei Hiltraud Mumme, (05751) 957121, oder Helmut Schütte, (05751) 3422, melden. Informationen findet man auch im Internet unter www.tschernobyl-hilfe.org.

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