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Paintball ist eine Nischen-Sportart, die immer wieder kontrovers diskutiert wird / Ein Selbstversuch

Verrückt nach Krieg?

Drei, zwei, eins – los geht es. Schon schlagen die ersten Farbkugeln mit einem lauten „Plop, plop, plop“ an der Rückwand der Halle ein. Tief gebückt, den Markierer fest umklammert, sprinte ich los, kauere mich hinter die erstbeste Deckung, zwei Holzpaletten. Mehr schlecht als recht schützen sie mich vor dem Sperrfeuer. Zum Schießen bin ich noch gar nicht gekommen. Gefühlte 50-mal wurden gerade auf mich abgedrückt. Und es hört nicht auf. Was soll ich tun?

veröffentlicht am 11.09.2014 um 18:37 Uhr

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Autor:

von Jakob Gokl

„Man muss sich überwinden“, erklärt vor dem Spiel Chris, der früher in der Paintball-Verbandsliga gespielt hat. Wenn von überall die Farbkugeln hageln, muss man einfach sitzen bleiben, es aussitzen. Aufstehen nutzt nichts. Nicht aus der Ruhe bringen lassen von den lauten, platschenden Geräuschen, wenn die gelben Farbkugeln gegen Holz, Metall oder Plastik klatschen, zerplatzen und ihren Inhalt verteilen. „Warte auf den richtigen Moment“, rät Chris, „Ich schaue kurz um die Ecke und drücke zweimal ab.“ Wer beim Paintball auch nur einmal getroffen wird, ist raus. Hand auf den Kopf, Waffe in die Luft gereckt, so muss man das Spielfeld verlassen.

Als der Kugelhagel etwas nachlässt, wage ich einen Blick nach vorne. Zwei Gegenspieler kann ich erkennen, einer sitzt hinter zwei Fässern, einer steht hinter einer Holzwand. Beide sind immer nur kurz zu sehen, ducken sich nach einem abgegebenen Schuss sofort hinter ihre Deckung. Ich gebe testweise zwei Schüsse ab und bücke mich wieder. Natürlich weit verfehlt. Wieder prasseln Farbkugeln auf mich ein. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass meine Teamkameraden einen ausschalten oder zumindest ablenken können.

Paintball ist ein absolutes Teamspiel, erklärt Julien Köster, der die Paintball-Halle in Porta Westfalica betreibt. Taktik ist dabei das A und O. In Teams zu dritt oder fünft treten in der Deutschen Paintballliga professionelle Teams gegeneinander an.

Dass Paintball wirklich eine Sportart ist, Schweißausbrüche inklusive, merke ich schon innerhalb der ersten Runde. Mit deutlich beschleunigten Atemzügen wische ich mir über die Maske, die mein komplettes Gesicht überdeckt – aus Sicherheitsgründen. So eine Paintballkugel könnte, ohne Maske, an den Augen schwere Schäden hinterlassen. Deswegen achtet während jeder Partie in der Halle in Porta ein Mitarbeiter darauf, dass die Masken durchgehend aufgesetzt bleiben.

Wenn man das beachte, sei Paintball ein ausgesprochen sicherer Sport, betont Köster. „Es ist die sicherste Extremsportart“, betont er, in Bezug auf die Unfallstatistik eines amerikanischen Versicherungsunternehmens. „Sogar sicherer als Golf“.

Unterm Strich dürfte es aber meist deutlich schmerzhafter sein als beim Golf, auch das merke ich in der ersten Runde. Beim zaghaften Versuch, ein paar weitere Schüsse abzugeben, erwischt es mich plötzlich an den Fingern. Autsch. Aber der Schmerz ist schnell vergangen, interessiert begutachte ich die zähe gelbe Flüssigkeit, die aus der Kugel ausgetreten ist. Meine Finger sind natürlich der einzige Körperteil, der keinen Schutz hat. Auf Handschuhe habe ich vor dem Spiel verzichtet. Ansonsten bin ich mit einem weiten grünen Overall gut geschützt. Später sollte ein Treffer an der Schulter zwar noch einen blauen Fleck hinterlassen, aber das bleibt die einzige langfristige Erinnerung.

„Immer wieder kommen hier Frauen an, die auch beim Paintballspielen sexy sein wollen“, erzählt Köster und lacht. „Schlechte Idee.“ Dass Paintball-Kleidung ausgesprochen weit geschnitten sei, habe schon Sinn. Dadurch fange der Stoff viel von der Wucht ab. Trotzdem: Der Schmerz, den man bei einem Treffer doch spürt, der gehöre zum Spiel dazu. Der mache einen auch vorsichtiger, als beispielsweise beim Laser-Tag, einem ähnlichen Spiel mit computergestützten Lasern, wo Treffer ohne physisches Feedback ablaufen.

Von der Assoziation mit Krieg, Kriegsspielen und erst recht dem Amoklauf von Winnenden, der ein Paintball-Verbot landesweit ins Gespräch brachte, möchte Köster sich mit seiner Halle so weit wie möglich entfernen. Er sagt aber doch: „Nach Winnenden hat Paintball gezeigt, was es kann.“ Er meint damit: Der Sport hat gezeigt, wie tief er in der Gesellschaft integriert sei, und dass eben nicht nur kriegsverrückte Computerspieler und potenzielle Gewaltverbrecher in die martialisch aussehende Maske schlüpfen, sich einen Markierer schnappen und auf Menschenjagd gehen. Deswegen ist in seiner Halle – das war auch eine der behördlichen Auflagen – rote Farbe als Munition verboten. Auch Markierer, die realen Waffen nachempfunden sind, gibt er nicht aus. Sie sind aber über das Internet problemlos zu beziehen und erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Allen Diskussionen um ihre Wirkung zum Trotz.

Ob man beim Paintball dann auch entscheidende Vorteile habe, wenn man Soldat gewesen sei, möchte ich von Vereinsspieler Chris wissen. Er verneint lachend. Einmal hätte eine Abteilung von Bundeswehrsoldaten aus Bückeburg die Probe aufs Exempel machen wollen. Zu zwölft traten sie gegen den mit seiner Turnierausrüstung ausgestatteten Spieler an. „Einen nach dem anderen habe ich sie ausgeschaltet“, freut er sich. Krieg lernen, das könne man beim Paintball eben nicht.

Aber während ich hinter meiner Deckung aus Reifen kauere und mit einem Adrenalinspiegel irgendwo zwischen Bungee-Sprung und Kneipenschlägerei auf einen sicheren Moment für den Schuss warte, treten all die theoretischen Unterschiede zu realen Kämpfen in den Hintergrund. Einen Teil seines Reizes, da bin ich mir ziemlich sicher, zieht Paintball eben doch aus den Ähnlichkeiten zum realen Schusswechsel.

Als sich das farbenfrohe Treiben nach einigen Partien dann doch dem Ende zuneigt, fragt Kai, der auf 400-Euro-Basis in der Paintball-Halle aushilft, ob er denn jetzt die Waffen säubern solle. „Was willst Du säubern?“, fragt Julien Köster. „Die Waffen.“ „Was willst du säubern??“ Verständnisloser Blick. „Du willst die Markierer säubern“, erklärt Köster und fügt entschuldigend hinzu: „Er ist neu.“ Aber das wird schon noch.

Paintball hat mit seinem Image zu kämpfen: Im Grunde genommen ist es ein Kriegsspiel, sagen Kritiker. Ein harmloser Sport, meinen Befürworter. Versuch macht klug, sagt sich Reporter Jakob Gokl. Den Anstieg seines Adrenalinspiegels beim Paintball-Spiel kann er zumindest nicht leugnen.



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