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Geschichte des Hamelner alten Rathauses / Argumente des Denkmalschutzes vom Tisch gewischt

Verlust eines einzigartigen Baudenkmals

Von Bernhard Gelderblom
Bei der Welle mittelalterlicher Stadtgründungen im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert spielten zwei sehr unterschiedliche Kräfte zusammen, die adlige Herrschaft auf der einen Seite und Fernkaufleute auf der anderen. Beide Seiten gewannen bei diesem Zusammenspiel; die Kaufleute erhielten Schutz für ihre Geschäfte, der Landesherr Einnahmen aus Steuern und Zöllen. Die Kaufleute achteten strikt darauf, dass der adelige Herr ihnen Eigenständigkeit zusicherte. Die Bürger der Kaufmannsstadt regierten sich selbst.

veröffentlicht am 16.12.2010 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 01.02.2011 um 12:24 Uhr

Rathaus und Marktkirche nach der Zerstörung. Links stehen die Reste der Marktkirche, rechts die Mauern des Rathauses. Darüber ra

Von Bernhard Gelderblom

Bei der Welle mittelalterlicher Stadtgründungen im ausgehenden 12. und 13. Jahrhundert spielten zwei sehr unterschiedliche Kräfte zusammen, die adlige Herrschaft auf der einen Seite und Fernkaufleute auf der anderen. Beide Seiten gewannen bei diesem Zusammenspiel; die Kaufleute erhielten Schutz für ihre Geschäfte, der Landesherr Einnahmen aus Steuern und Zöllen. Die Kaufleute achteten strikt darauf, dass der adelige Herr ihnen Eigenständigkeit zusicherte. Die Bürger der Kaufmannsstadt regierten sich selbst. Symbol und Zentrum der städtischen Freiheit war das Rathaus. Hier trat der aus den Kaufleuten gebildete Rat zusammen, hier fand aber vor allem der Markt statt. Es war nicht zufällig, dass die Städte das Rathaus im Zentrum und in unmittelbarer Nähe des Marktes errichteten. In der ältesten Urkunde, die wir über das Hamelner Rathaus besitzen (1282), wird es als „Theatrum“ (Schauhaus) eingeführt, in einer Akte von 1336 als „Kophus“. Diente es doch den Kaufleuten an Markttagen zur Ausstellung wertvoller Waren wie z. B. von Tuchen. Aus- drücklich bezeugt Samuel Erich in seiner Stadtchronik (1654) vom Hamelner Rathause, dass „darunter ein schöner, großer Platz vor das Kauff-Ampt, der gantzen Bürgerschaft zu nutz, täglich offen gehalten wird“. Das Erdgeschoss nahmen also offene Lauben ein. Im Umfeld des Rathauses standen auf dem Pferdemarkt, dem westlichen Ende der Osterstraße und auf dem Platz, den später das Hochzeitshaus einnahm, die „Buden“ und Stände der Krämer und Bauern.

Wann das Hamelner Rathaus gebaut wurde und wie es im Übrigen ausgesehen hat, ist nicht bekannt, vermutlich aber nicht allzu lange nach der Entwicklung Hamelns zur ausgebildeten Stadt und zusammen mit der Marktkirche. Samuel Erich nennt es 1654 „ein alt, aber wohlverwahrtes und steinernes Gebaw“. Sicher ist, dass der Bau gotische Formen trug und dem hohen Mittelalter entstammte. Zeugnis der Gotik war der prächtige Keller mit kurzen Pfeilersockeln und fächerartigen Gewölberippen und der getreppte Giebel nach Norden und nach Süden. Auf mehreren alten Stadtansichten ist der hohe Stufengiebel zu sehen. Wie sich der Stadthistoriker Spanuth erinnert, konnten beim Abbruch des Rathauses 1946 am Südportal „noch die wohlerhaltenen … Ansätze eines gotischen Spitzbogens festgestellt werden“. Das Gebäude wurde später nach Norden (und Süden) mit einem Vorbau von Lauben versehen. Mehrere Meter weit vorspringend, boten diese 40-50 Personen Platz, wenn hier das Stadtgericht tagte. Die dem Rat zustehende niedere Gerichtsbarkeit war ein wichtiges Merkmal der städtischen Selbstständigkeit. Das Rathaus war aber nicht nur „Kophus“, Tagungsort des Rates (mit Amtsstube, Kämmereikasse und Archiv) und Stätte des Gerichtes. Im Keller befand sich hart neben der Weinstube das Gefängnis. Die Waffen, welche die Bürger zur Verteidigung der Stadt besaßen, lagerten sie im Rathaus. Der Dachboden wurde zu Festlichkeiten aller Art benutzt. Hier konnten sich über 400 Menschen – ein erklecklicher Teil der damaligen Einwohner – frei bewegen. 1535 verordnete der Rat: „Bei dem Tanzen auf dem Rathause soll kein Bürger … mit Schwertern, Degen, Fausthämmern oder anderer Wehr, noch mit unziemlichen Mänteln, Kappen und Kleidern sich finden lassen.“ 1610-1617 errichteten die Bürger unmittelbar neben dem Rathaus und parallel zur Marktkirche ein noch lange so bezeichnetes „Neues Gebäu“, das später so genannte Hochzeitshaus. Dieses Wahrzeichen bürgerlicher Selbstdarstellung bot nicht nur Raum für die Rüstkammer und den Festsaal, sondern auch für Ratswaage, Apotheke und Weinstube und entlastete damit das Rathaus.

Der Keller des Rathauses. Quelle NLD Hannover
  • Der Keller des Rathauses. Quelle NLD Hannover
Das historische Ensemble aus Rathaus, Hochzeitshaus, Marktkirche und Bäckerscharren aus der Luft gesehen (Foto aus den 1930er Ja
  • Das historische Ensemble aus Rathaus, Hochzeitshaus, Marktkirche und Bäckerscharren aus der Luft gesehen (Foto aus den 1930er Jahren). (Quelle: Stadtarchiv Hameln)

Zur Katastrophe für das Rathaus wurde der Siebenjährige Krieg (1756-1763). Durch Abnutzung und Gewalt wurde es so schwer beschädigt, dass die Bürger an einen Neubau dachten. Aus Geldmangel entschied man sich 1766 für eine grundlegende Neugestaltung. Der unzerstörte Gewölbekeller blieb wie er war. In die massiven Außenwände brach man Reihen großer Fenster. Komplett erneuert wurden Innenkonstruktion und Dach. Die mächtigen Stufengiebel verschwanden; das Dach erhielt im zeitgenössischen Stil der Barockzeit Mansardenform. Sorgfältig gestaltete man die Portale nach Norden und nach Süden. Sie zeigten lateinische Inschriften, das Stadtwappen und Verzierungen. Besonders die Inschrift über dem südlichen Eingang verdient es, mitgeteilt zu werden. „Quam devastavit curiam atrox bellum 1757, pax exornatiorem prisca restituit 1766“ (Der schreckliche Krieg verwüstete 1757 das Rathaus, der Friede stellte es 1766 in besserer Gestalt als früher wieder her.). Fast 200 Jahre diente dieses so umgestaltete Bauwerk weitgehend unverändert der Stadt. 1824 riss man die Lauben ab, weil sie den Marktbetrieb störten. Gut hundert Jahre später, 1934, erhielt das Rathaus zum 650-jährigen Jubiläum der Rattenfängersage einen Dachreiter mit Glocken und das zum Lütjen Markt schauende Figurenspiel. Dort, also in Richtung Osten, befand sich wohl schon immer die eigentliche Schauseite des Gebäudes. Bei der sinnlosen Verteidigung der Stadt in der „schwarzen Osterwoche“ des Jahres 1945 geriet das Rathaus in Brand, den die Feuerwehr nicht löschen konnte, weil mit der Sprengung der Brücken die Wasserleitungen trocken fielen. Das Bauwerk brannte innen aus; die Außenwände blieben aber stehen. Während Stadtbaurat Schäfer dringend den Wiederaufbau des Rathauses befürwortete und bereits eine Kostenplanung aufgestellt hatte, sah Oberbürgermeister Dr. Harm hingegen eine Chance, durch eine Entfernung der Rathausruine den Verkehrsengpass zwischen Bäckerstraße und Ritterstraße zu beseitigen. Im Februar 1946 forderte der Regierungspräsident, aufmerksam gemacht durch den Landeskonservator, aus Denkmalsgründen den „Wiederaufbau“ des Rathauses. In barschem Ton bestritt der Oberbürgermeister in einem Schreiben vom 2. März 1946 die Kompetenz des Landeskonservators und jeden bauhistorischen Wert des Gebäudes. Er stellte sich auf den Standpunkt, „dass über das Stadtbild in allererster Linie die Stadtvertretung zu befinden hat. Tatsache ist, dass das Rathaus zerstört ist und nur noch der Keller und ein Teil der Außenmauern vorhanden ist. Als Bauwerk selbst für sich war dieses Gebäude nach Auffassung der Stadtvertretung nie von Bedeutung. … Nach Auffassung der Stadtvertretung kann bei zerstörten Gebäuden nicht mehr von Denkmalschutz gesprochen werden.“ Nach einem Mehrheitsbeschluss des ersten Stadtparlaments wurden im Sommer 1946 die Reste des Rathauses abgerissen. Man machte sich damals nicht die Mühe, die unversehrten gotischen Kellergewölbe zu erhalten, sondern kippte den Bauschutt hinein. Das Thema Abbruch oder Erhaltung des Hamelner Rathauses hat damals die Gemüter sehr beschäftigt. Es ist leicht, aus heutiger Sicht über dieser Entscheidung den Stab zu brechen. Aber es drängt sich doch der Eindruck auf, dass man damals die Argumente des Denkmalschutzes einfach vom Tisch gewischt und die Entscheidung übers Knie gebrochen hat, weil man im Interesse des ungehinderten Straßenverkehrs Fakten schaffen wollte. Nun, als es fehlte, bemerkte man wohl erst den stadtbildprägenden Charakter des Bauwerks. Das Rathaus hatte durch seine Lage drei harmonische und klar abgegrenzte Plätze geschaffen, den rechteckigen Pferdemarkt nördlich der Marktkirche, den trichterförmigen Rathausplatz, der sich im Zusammentreffen von ausgeweiteter Osterstraße und Bäckerstraße bildete, und schließlich den intimen Lütjen Markt zwischen Marktkirche und Hochzeitshaus. Die durch den Abriss des Rathauses entstandene Wunde schmerzte. Die Dewezet warb energisch für einen Wiederaufbau des Rathauses (4.2.1950). „Im Herzen der Altstadt klafft noch die schwere Wunde, die Krieg und Unvernunft – durch den voreiligen Abriss des ausgebrannten Rathauses – unserer Stadt geschlagen haben. Die wundervolle Harmonie zwischen Hochzeitshaus und Rathaus mit dem verbindenden Bogen des Bäckerscharrens und dem himmelweisenden Akzent des Marktkirchenturms ist seitdem zerstört. Sicher wäre es besser gewesen, nach dem Schock im April 1945 nicht gleich alles wegzuräumen, was die Katastrophe an Mauerresten übrig ließ. Viele deutsche Städte haben sich nach dem Zusammenbruch damit abfinden müssen, ihre Ruinen zunächst zu ‚konservieren‘.“ Im Frühjahr 1950 schrieb die Stadt einen Wettbewerb aus, der die Frage klären sollte, wie der Raum westlich der Marktkirche und des Hochzeitshauses gestaltet werden sollte, der jedoch nicht zum Wiederaufbau bzw. einem Neubau führte. Das Thema beschäftigte die Bevölkerung und bewegte die Leserbriefspalten. Seit März 1951 jedoch verschwand es zunehmend aus der öffentlichen Diskussion. Der Wiederaufbau des Rathauses war stillschweigend beerdigt worden. Das Fehlen eines Gebäudes an dieser Stelle spüren wir bis heute. Durch seinen Abriss ist ein übermäßig in die Länge gezogener Platz vom Pferdemarkt bis zur Bäckerstraße entstanden. Der Einblick in den Hofraum zwischen Marktkirche und Hochzeitshaus wirkt ebenso unbefriedigend wie die Anlage der „Hochzeitshausterrasse“ an dieser Stelle. Mit dem alten Rathaus ist der Verlust eines einzigartigen Baudenkmals zu beklagen, eines der ältesten Gebäude der Stadt, das nicht nur von seinen äußeren Maßen her dem Hochzeitshaus gleichrangig war.

Ein maßstäbliches Modell des Rathauses – von jungen Arbeitslosen der Hamelner Beschäftigungsgesellschaft Impuls mit großer Sorgfalt und Materialgerechtigkeit gefertigt – wurde im August 2008 auf dem Pferdemarkt aufgestellt, steht jetzt provisorisch in der Bäckerstraße und wird im nächsten Jahr einen Standort im Bereich des Chores der Marktkirche finden.



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