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Missbrauchsfall Lügde: Nun wird auch gegen die Polizei ermittelt

Vater schlug Alarm – warum ist nichts passiert?

LÜGDE / HAMELN-PYRMONT. Möglicherweise ist der Fall des sexuellen Missbrauchs von Lügde noch größer als angenommen: Bei den Ermittlungen hat die Polizei am Donnerstag noch viele weitere neue Hinweise bekommen. Und: Auch die Polizei ist nun ins Visier der Fahnder geraten. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt gegen die Polizei des Kreises Lippe.

veröffentlicht am 31.01.2019 um 14:02 Uhr
aktualisiert am 26.07.2019 um 14:40 Uhr

Thomas Thimm

Autor

Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Der Grund: Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Ralf Vetter gab es bereits 2016 Hinweise von zwei Zeugen zum möglichen sexuellen Kindesmissbrauch durch den Hauptbeschuldigten Andreas V. Die Polizei habe den Hinweis an das Jugendamt Lippe weitergeleitet. Polizeiliche Ermittlungen habe es aber nicht gegeben. „Wir prüfen jetzt, ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen“, sagt Vetter.

Auch gegen die Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft, Unterlagen wurden beschlagnahmt, Mitarbeiter befragt. Der Vater eines der Missbrauchsopfer – offenbar einer der zwei Zeugen – erhebt öffentlich schwere Vorwürfe: 2016 habe Familienvater Jens R. Anzeige gegen den Lügder Dauercamper Andreas V. erstattet. Der Mann aus Bad Pyrmont sei zur Polizei gegangen, weil V. seine beiden Töchter (damals 8 und 5) unsittlich berührt habe. Auch zum Jugendamt in Hameln und zum Kinderschutzbund sei der Vater gegangen – ohne Erfolg. „Er war ganz offensichtlich pädophil, hat immer wieder kleine Kinder berührt“, sagte der Vater der „Lippischen Landes-Zeitung“. Erst nach Wochen sollen sich Polizei und Jugendamt bei ihm gemeldet – seine Bedenken aber nicht ernst genommen haben. Der Vater sagte: „Sie sicherten mir zu, dass beim Dauercamper alles in Ordnung sei. Ich solle vorsichtig sein mit meinen Äußerungen, da ich auch wegen Rufmordes und übler Nachrede angezeigt werden könnte.“ Niemand habe sich interessiert.

Eine neue Opferzahl gebe es nicht, sagte ein Polizei-Sprecher am Donnerstag zum Geschehen in Lügde. Auf dem Campingplatz Eichenwald in Lügde-Elbrinxen waren Kinder für Pornodrehs missbraucht worden. Seit 2008 waren den Erkenntnissen zufolge Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen zu Opfern geworden. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich viele Betroffene noch nicht gemeldet haben. „Wie hoch die Dunkelziffer ist, können wir seriös derzeit nicht sagen“, sagte der Leiter der Ermittlungskommission, Gunnar Weiß. Drei Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft: Andreas V., der seit 30 Jahren auf dem Campingplatz lebte, und einem 33-jährigen Mann aus Steinheim wirft die Staatsanwaltschaft schweren sexuellen Missbrauch der Kinder vor. Ein dritter Mann, ein 46-Jähriger aus Stade, soll Auftraggeber gewesen sein.

Unverständlich auch das Verhalten der Landkreise Hameln-Pyrmont und Lippe in einer anderen Situation: Das Jugendamt des Kreises Lippe hatte im Fall des Pflegekindes von Andreas V. empfohlen, „die Unterbringung und häusliche Situation auf Dauer zu verändern“, war jedoch nicht selbst aktiv geworden, sondern hatte diese Einschätzung an die Nachbarbehörde in Hameln-Pyrmont weitergeleitet. Dort aber befand man, dass sich die Lebenssituation verbessert habe und „keine Verdachtsmomente auf sexuellen Missbrauch“ vorlägen.



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