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Vor Gericht: Bewährung für 45-Jährigen

Vater missbraucht Kinder: "Ausgleich vom Stress"

Rinteln/Bückeburg (ly). Ein Vater, der sich an seinen vier Kindern vergangen hat, muss nicht ins Gefängnis. Die 1. Große Jugendkammer des Bückeburger Landgerichts hat den früheren Rintelner (45) gestern wegen sexuellen Missbrauchs in neun Fällen sowie Körperverletzung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt.

veröffentlicht am 12.10.2006 um 00:00 Uhr

Druck von der Schwiegermutter, Probleme mit der Ehefrau, ständige Vorwürfe, er verdiene zu wenig Geld: Der Angeklagte habe sich einer Ausnahmesituation befunden, hieß es in der Urteilsbegründung. Die Taten, so hatte der 45-Jährige selbst erklärt, seien "Ausgleich vom Stress" gewesen und hätten für "eine Art Glücksgefühl" gesorgt. "Trotzdem darf man sich auf keinen Fall an seinen eigenen Kindern vergehen", betonte der Vorsitzende Richter Peter Rohde, sprach von "gravierenden Delikten" und fügte an die Adresse des Täters hinzu: "Was Sie Ihren Kindern angetan haben, wird sich wohl erst viel später herausstellen." Zu den Bewährungsauflagen gehören die Teilnahme an einer ambulanten Sexualtherapie und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Am zweiten Prozesstag legte der reuige Angeklagte gestern zumindest in Teilen ein Geständnis ab. Beim Auftakt hatte der 45-Jährige die einzelnen Vorwürfe entweder bestritten oder medizinische Gründe angeführt, nämlich Vorhautverengungen bei seinen Söhnen, die er sich habe ansehen wollen. Staatsanwalt Frank Hirt sieht in dem früheren Rintelner, der seit der Trennung von seiner Familie in Lippe lebt, einen "Meister der Verdrängung". Es handele sich "möglicherweise um jemanden, der Liebe und Geborgenheit gesucht, aber nie gefunden hat". Hirt: "Der typische Sexualtäter ist er nicht." In einer Videovernehmung hatten die minderjährigen Kinder den Vater belastet. Die Richter glaubten den vier Jungen und Mädchen. Abgelehnt hatte die Kammer einen Antrag von Verteidiger Marco Vogt, den Angeklagten von einem Gutachter auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, um die Frage der Schuldfähigkeit zu klären. Die Aussagen des 45-Jährigen, der mal lachte, dann wieder weinte, wirkten streckenweise wirr. Manchmal schien es, als könne er der Verhandlung kaum folgen. Die Familie habe sich von dem Angeklagten abgewandt, "und das ist richtig so", sagte Kerstin Gaida, die als Anwältin der Nebenklage Frau und Kinder vertrat. Der 45-Jährige selbst vermutet dagegen eine Intrige seiner Schwiegermutter, die er als "verrückt" bezeichnete. Offenbar hat er gleichzeitig große Angst vor der resoluten Frau. Einmal, bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung, soll das "Blut nur so geflossen" sein: "Mein ganzer Oberkörper war zerkratzt, und die Bisswunden an meinem Arm sah man nach zwei Wochen noch."

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