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Furios: "Fremdsehen" und Schmeding setzen Shakespeares "Sommernachtstraums" gekonnt in Szene

Unverbrauchter Blick auf einen Theaterklassiker

Bückeburg. Wie im Traum: Mit Hilfe von viel Laub und grünen Zweigen fühlten sich die Zuschauer des am Wochenende aufgeführten "Sommernachtstraums" (Inszenierung: Dirk Schmeding/Technische Leitung: Christoph Carstensen, Maurice Franke) direkt in einen Zauberwald versetzt. In der Jugendfreizeitstätte glückte dem 2005 gegründeten Schauspiel-Ensemble"Fremdsehen" das, was selbst in Profitheatern so nicht immer funktioniert. Die zwölf Akteure lieferten eine neue Sichtweise auf das Stück, ohne es zu beschädigen.

veröffentlicht am 22.11.2007 um 00:00 Uhr

Erotische Verwicklungen, Irrungen und Wirrungen: Beide Paare sin

Autor:

Michael Grundmeier

Die ersteÜberraschung erwartete die Premierengäste schon im Foyer: "Hier riecht es aber merkwürdig", waren sich die Besucher einig, und tatsächlich zog ein strenger Duft durch die Gänge der Jugendfreizeitstätte. "Gelüftet" wurde das Geheimnis, als sich die Tür zum Saal öffnete. Der gesamte Spielraum war mit Waldboden ausgelegt, unter den Füßen der Gäste knisterten Laub und Äste. Und auch das auf den Plätzen ausliegende Programmheft enthielt eine sinnliche Überraschung: ein Teebeutel der Geschmacksrichtung "Sommernachtstraum - fruchtig, lieblich". "Wir wollen die Zuschauer mitten ins Geschehen versetzen", erläutert Dirk Schmeding das Regiekonzept. Gar nicht fruchtig-lieblich war dagegen die Vorstellung selbst. Schmeding hatte das Stück, in dem der Elfenwald (und damit der Ausnahmezustand) zentraler Spielort ist, entstaubt und (sprachlich) aktualisiert. Die zwei Liebespaare (Hermia-Sarah Davidovic, Lysander-Phillip Hahn, Helena-Johanna Meyer und Demetrius-Matthias Brandt) geraten unter die Hände der "Hohen" und werden immer wieder aufs Neue verzaubert und verlieben sich. Neben den erotischen Irrungen und Wirrungen spiegelt das Stück auch Szenen einer (modernen) Ehe (Mann fragt Frau beim Autofahren: "Hast du etwa die Karte vergessen?"). Geschadet hat der Zeitsprung dem Stück aber nicht. Indem Schmeding das Stück auch optisch in die Jetztzeit versetzt - der dandyhaft-schlaue Oberon trug Anzug und Mantel - wird der "Sommernachtstraum" mit seinen verwirrenden und widersprüchlichen Handlungssträngen viel verständlicher. Trotz der schwierigen "Übersetzungsarbeit":Alle Akteure glänzten an diesem Abend durch ihre Einfühlung in die handelnden Personen. Der spannende Drahtseilakt zwischen Komödie und tragischen Elementen gelang in jeder Passage; die Charaktere wurden - trotz Klamauk und Verwechslungskomödie - nicht zu witzigen Abziehfiguren diskreditiert. Eine "Komödie der Störungen" nennt Schmeding - der an gleicher Stelle unter anderem Ibsens "Peer Gynt" erarbeitete und vielfältige Theatererfahrungen hat - den Shakespeare-Text. Störungen hat Schmeding auch selbst in das Stück mit eingebaut - das verfremdete Sehen hat sich das regionale Ensemble schließlich auf die Fahnen und in den Namen geschrieben. Vor allem der dramaturgische Kniff, den Puck doppelt zu besetzen (großartig unartig: Benjamin Rogge und Theresa Sommer) zeigt, wie sehr Schmeding sein Handwerk inzwischen beherrscht. Mindestens ebenso gewagt: die Verjüngung des Peter Squenz (toll gespielt von Sascha Bargheer). Aufgrund des Regie-Einfalls wird das kleine Eselchen nicht zum Geliebten, sondern zum Wunschkind Titanias (hoheitsvoll: Katja Tobies). "Gute und böse Überraschungen lauern überall. Sicher ist es nirgends. Aber so ist das Leben. Oder ist so das Theater?" fragt Schmeding im Programmheft. Zumindest dieses Theater ist so, werden die Gäste, die an einem der drei Abende das Stück genießen durften, dem Jungregisseur antworten. Ein neuer, unverbrauchter Blick auf das viel gespielte Stück und ein großartig aufgelegtes Ensemble haben den "Sommernachstraum" an diesem Wochenende zu einem echten Erlebnis werden lassen.



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