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Warnstreiks in Rinteln und Stadthagen: Arbeitszeitverlängerung würde "Pflegenotstand" verschlimmern

Unterm Strich bleiben 0,17 Prozent mehr Lohn

Rinteln/Stadthagen (wm/gus) Sichtlich erfreut waren in Rinteln am Dienstagmorgen die Marktbeschickerüber die rund 100 ver.di-Demonstranten auf dem Marktplatz. Die machten nämlich nicht nur mit Trillerpfeifen, Tröten und Fahnenschwenken ihrem Unmut über die festgefahrenen Tarifverhandlungen Luft, sondern deckten sich an den Ständen auch mit Brötchen und Bratwurst, frischem Obst und Kaffee ein.

veröffentlicht am 27.02.2008 um 00:00 Uhr

Rintelner ver.di-Mitglieder kommen aus der Nordstadt...

Auch den Passanten wurde Essbares in die Hand gedrückt: Eine Walnuss, sinnbildlich für die "Tarifnuss", die es noch zu knacken gilt. Worum es geht, war auf Flugblättern nachzulesen, wurde aber auch gerne von Siegfried Knitter, Angela Schultjan oder dem Rintelner ver.di-Vorsitzenden Hans Jürgen Niemeier erläutert. Vom Marktplatz zogen die Demonstranten vor und in das Rathaus, wo Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz die "Tarifnuss" samt Informationsblättern in Empfang nahm - man darf aber annehmen, dass er als Verwaltungschef und kommunaler Arbeitgeber auch so bestens über den Stand der Dinge informiert war. Von den rund 100 ver.di-Mitgliedern auf dem Marktplatz kamen allein etwa 50 vom Kreiskrankenhaus, die anderen von städtischen Kindergärten, vom Bauhof, der Straßenmeisterei an der Mindener Straße und vom Abwasserbetrieb der Stadt. Siegfried Knitter betonte, neben den allgemeinen Forderungen - acht Prozent mehr Lohn, unbefristeteÜbernahme aller Auszubildenden - gehe es den Rintelner ver.di-Mitgliedern auch besonders um den Erhalt des Rintelner Krankenhauses - das müsse in kommunaler Hand bleiben. Der Stadthäger Marktplatz und das Kreishaus an der Jahnstraße sind gestern ebenfalls Schauplätze von Kundgebungen der Gewerkschaft ver.di gewesen. Beschäftigte der beiden Kreiskrankenhäuser und der Straßenmeistereien sowie des Baubetriebshofs Obernkirchen und des Wasserverbandes Nordschaumburg äußerten ihre Forderungen im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes. Alles wird teurer, aber die Löhne steigen nicht - so lautete der Tenor der Kundgebung im Zuge des ersten Warnstreiks im Landkreis während der aktuellen Verhandlungsrunde. Auf den T-Shirts, in denen die Beteiligten aufmarschierten, war abzulesen, was so alles teurer geworden ist: "Milch 25,8 Prozent", "Strom 8,3 Prozent", "Gas 8,5 Prozent" und so weiter. "Unsere letzte reale Lohnerhöhung hatten wir 1994", sagte ein Beschäftigter des Obernkirchener Betriebshofs. Bei der jüngsten Tarifrunde vor gut drei Jahren sei "unterm Strich nichts rumgekommen". Der Nettolohn habe eingedenk der ständig steigenden Lebenshaltungskosten trotz der damaligen Erhöhung fast gar nicht zugenommen. Auch jetzt sei Ähnliches zu befürchten. Bleibe es bei den von kommunaler Seite avisierten 5 Prozent Lohnerhöhung, rechnen die Bauhofmitarbeiter mit einem realen Mehreinkommen von 0,17 Prozent. "Das ist nichts", meinte einer der Männer. Schließlich sei auch an eine Anhebung der Wochenarbeitszeit gedacht. Die geplante Mehrarbeit trieb etliche Stadthäger Krankenschwestern auf die Straße. Das bedeute im Endeffekt noch weniger Personal, befürchtete eine der Pflegerinnen. Bereits jetzt sei die Arbeit im Stadthäger Krankenhaus kaum noch zu schaffen. Patienten müssten deshalb teils auf den Fluren liegen, einige Kolleginnen seien stressbedingt erkrankt, ein tröstendes Wort für die Kranken sei schon lange nicht mehr drin. "Eine so schwere Arbeit hält doch niemand bis 67 durch", betonte eine Streikende. Diese sprach von Pflegenotstand. Deshalb sei nicht die Lohnerhöhung entscheidend, sondern die Aussetzung der geplanten Arbeitszeitverlängerung. Eine Kollegin sah das etwas anders. Die Mischung aus schlechten Arbeitsbedingungen und niedriger Entlohnung war für diese der Streikgrund. "Ich brauche mehr Geld", sagte sie. Mit zwischen 1400 und 1500 Euro im Monat müsse sie auskommen - für offiziell 38,5 Stunden, real etwa 42 Stunden Arbeit, meinte die Frau. Reguläre Pausen gebe es nicht, auch an Wochenenden und in der Nacht müsse gearbeitet werden. "Das ist nicht gerade familienfreundlich", sagte sie. Im Fall einer Privatisierung des Krankenhauses befürchtet sie eine Verschlechterung der Bedingungen. 1500 bis 1800 Euro beträgt das Nettoeinkommen der Mitarbeiter des Wasserverbandes Nordschaumburg nach deren Angaben - inklusive Zulagen für Bereitschaftsdienste. "Dann arbeiten wir 24 Stunden", sagte einer der Beschäftigten. Auch wenn nachts Einsätze geleistet werden müssten, etwa um defekte Leitungen zu reparieren, sei am nächsten Tag um 7 Uhr Dienstbeginn. Von den Tarifverhandlungen erhoffen sich die Wasserverbands-Mitarbeiter acht Prozent Lohnerhöhung und die Beibehaltung der 38,5-Stunden-Woche.



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