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Familie lässt Tafel wieder anbringen / 1883 stirbt Gasthausgründer Walter bei einem Unfall

Unter zwei Zentnern Mehl qualvoll erstickt

Obernkirchen (sig). Am Rande der Steinbruchstraße, die zum JBF-Zentrum auf dem Bückeberg führt, gab es einst eine Stelle, die im Volksmund "Walters Ruh" hieß und an der sich früher sogar eine Bank befand. Was nur wenige wissen: Diese Namensgebung geht zurück auf einen tödlichen Unfall, der sich dort am 5. November des Jahres 1883 ereignet hatte. Diesen Termin nahm die Familie jetzt zum Anlass, an dieser Stelle wieder eine Gedenktafel anzubringen.

veröffentlicht am 07.11.2007 um 00:00 Uhr

Auf dem Familienfoto, das hier gerade der Uururenkel Dr. Stephan

Damals war der 53-jährige Martin Walter, der 1870 das gleichnamige Gasthaus auf dem Bückeberg erbaut hatte, gegen 19 Uhr mit einem Pferdefuhrwerk unterwegs. Er kam in Begleitung eines Försters von der Königs-Wirtschaft, wo sich heute das Waldgasthaus "Süße Mutter" befindet, und transportierte zwei Zentner Mehl bergan. "Eine ganz unheimliche, stürmische und stockfinstere Nacht war angebrochen", erinnerte sich der spätere Schwiegersohn Reinhard Käbberich, der mit einigen mit Laternen ausgerüsteten Arbeitern als Erster an der Unglücksstelle eintraf. Er hatte zusammen mit der Ehefrau des Gastwirtes bis nach Mitternacht zusammen gesessenund auf Martin Walter gewartet. Zwischen vier und fünf Uhr hörte er Hilferufe des ebenfalls verunglückten Försters unter seinem Schlafstubenfenster. Von ihm erfuhr er, was passiert war, und eilte sofort zur Unfallstelle. Die Rekonstruktion des Unfalls ergab, dass Martin Walter auf der damals schmaleren Straße Steinbrocken ausweichen wollte und dabei in den Chausseegraben stürzte. Das Fuhrwerk hatte sich überschlagen, und ein zwei Zentner schwerer Mehlsack war dem Wagenführer ins Genick gefallen. Diese Last drückte ihn mit dem Gesicht auf den Erdboden, so dass er schließlich erstickte, weil ihm der Förster nicht zur Hilfe kommen konnte. Der Forstmann hatte sich nämlich beim Sturz in die Wagenkette verwickelt. Außerdem war ein spitzer Haken in ein Bein eingedrungen, so dass auch er sich nicht befreien konnte. Erst gegen fünf Uhr am Morgen half ihm ein Bergmann, der zur Schicht musste, aus der misslichen Lage. Mühsam schleppte sich der Verwundete zum Gasthaus Walter. Für einen Weg von sonst zehn Minuten brauchte er eineinhalb Stunden. Für Martin Walter kam jeden Hilfe zu spät. Sie konnten ihn nur noch tot bergen und seine Pferde losschneiden. Martin Walter stammte aus Reichensachsen bei Eschwege und wurde 1863 als Justizbeamter ins hessische Obernkirchen versetzt. In der Bergstadt war er Gefangenenwärter und Gerichtsdiener. Im Jahre 1866 quittierte er seinen Dienst, weil inzwischen Kurhessen von Preußen annektiert worden war. Der Geschäftsverkehr bei den Sandsteinbrüchen nahm in jenen Jahren stark zu. Deshalb kam der Wunsch auf, dort oben eine Gaststätte zu errichten. Ehefrau Margarethe war von der Idee nicht gerade begeistert, mit fünf kleinen Kindern in die "Wildnis" zu ziehen. Sie führte das Gasthaus weiter und starb erst 30 Jahre später. Die inzwischen fast 120-jährige Eiche, die an der Unfallstelle zur Erinnerung gepflanzt worden ist, musste gefällt werden, weil beim Sturm "Kyrill" umgeknickte Fichten in ihre Krone gestürzt waren. Ihr Stamm wurde als Brennholz verkauft. Förster Franz-Wilhelm Ick war bereit, die vorher an der alten Eiche befestigte Gedenktafel jetzt an einer Buche zu befestigen, die nur fünf Meter vom Unglücksort entfernt steht. Aus diesem Anlass trafen sich zahlreiche Familienmitglieder verschiedener Generationen bei "Walters Ruh". Dr. Stephan Walter versichert dazu: "Das wird bestimmt nicht die letzte Tafel sein, die meine Familie hier anbringt, denn sie musste im Laufe der Jahre und Jahrzehnte bereits mehrfach erneuert werden."

Der Gründer des Gasthauses Walter: Martin Walter.
  • Der Gründer des Gasthauses Walter: Martin Walter.


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