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Höchste Freude, tiefer Schmerz: Die Emotionen liegen ganz dicht beieinander

Unter lauter erwachsenen Leuten... - oder: Ein Wahlabend von innen erlebt

Rinteln. So eine Wahlnacht hat es in sich - für die Kandidaten allemal. Während der Bürger sich gelassen zurücklehnt und sich allenfalls zwischen Fernsehkrimi und Gute-Nacht-Trunk mal im Internet, über Bildschirmtext oder gar durch einen abendlichen Spaziergang mit Hund im Rathaus oder bei der Heimatzeitung über den momentanen Stand derDinge informiert, fiebern die Bewerber mit ihren Anhängern im Wahlzentrum mit höchst angespannten Nerven dem Ausgang der Entscheidung entgegen und werden bei Wasser, Bier und Säften durch die eingehenden Zwischenergebnisse wahren Wechselbädern der Gefühle ausgesetzt.

veröffentlicht am 12.09.2006 um 00:00 Uhr

Autor:

Ulrich Reineking

"Das reicht nicht! Das reicht nicht!", stammelt der in vielen Schlachten leidgeprüfte Liberale und der sozialdemokratische Friseur schlägt sich an den Kopp: "Nein, das mit der Wählergemeinschaft, das haut doch nicht hin. Warum wählen die Leute dann nicht wenigstens grün, wenn sie uns schon nicht wollen!" Das Grünenquartett indessen ist schon bei der analytischen Verarbeitung: "Gegen Parteien zu sein, die Nummer zieht offenbar im Moment ganz gut!", während im CDU-Lager gerade die politische Großwetterlage für just eingehende Ergebnisse aus dem Ortsrat Steinbergen verantwortlich gemacht wird, andere aber schon mit der Demontage ihres Spitzenkandidaten beginnen: "Das nenne ich saubere Parteifreunde!", hält eine resolute Unionsdame dagegen. Wo immer Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz auftaucht, haben es alle schon seit Tagen geahnt, dass er mehr als Zweidrittel der Rintelner hinter sich bringen würde und der kann seine Rührung kaum verbergen angesichts der allseitigen Schulterklopferei - die Glückwünsche seines früheren Parteifreunds Gert Armin Neuhäuser kommentiert er allerdings spöttisch: "An die guten Wünsche glaube ich nicht!" Über alle vier Backen strahlt derweil SPD-Mann Dieter Horn aus Engern und haut seinen großen Vorsitzenden Wolfgang Foerstner ein ums andere Mal mit Fingerzeig auf leicht betroffene CDU-Anhänger in die Seite: "Kuck mal, die Gesichter da, die werden immer länger. Nicht dass ich auf Schadenfreude stehe, aber kuck mal, immer länger die Gesichter!" Da und dort auf den Fluren lassen einige gar ihren Tränen freien Lauf. "Gearbeitet, gekämpft und doch verloren...", Höchste Freude, tiefer Schmerz - sie liegen an diesem Abend ganz nah nebeneinander. Und irgendwie fragt man sich als Wähler, welche Faszination die antreiben mag, die sich dieser Strapazierung ihres Nervenkostüms aussetzen - im Interesse der Bürger, letztendlich, die das in ihrer Wahlbeteiligungkaum angemessen zum Ausdruck bringen... Die Sieger und die Geschlagenen, die Zünglein an der Waage - viele zieht es noch in jene Lokale, wo schon die Parteifreunde am Wegspülen sind, immerhin ein Konjunkturprogramm, das die alten und neuen Ratsmitglieder da fraktionsübergreifend auf den Weg bringen!

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