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Wasserkrieg und Kuhtränke: Beim Schnatgang wird die Dorfgeschichte lebendig

Unter dem Beton rauscht noch das Wasser

Krainhagen. Es ist lange her, aber Karl-Heinz Struckmeier hat es nicht vergessen. Damals hat er bei der Jugend Fußball gespielt, lila Trikot, weiße Hose, lila Stutzen, und das Auswärtsspiel im weit entfernten Rintelner Ortsteil stand an. Die Mannschaft musste mit dem Fahrrad fahren, es hat Bindfäden geregnet, und nach dem Spiel waren alle von oben bis unten verdreckt. Beim Gegner gab es keine Waschmöglichkeit, außerdem hatte man hoch verloren. 0:13? 1:8? Struckmeier weiß es nicht mehr, nur, dass er lange stocksauer war.

veröffentlicht am 05.06.2007 um 00:00 Uhr

Das Volk sieht nichts: Auf dem Philosophenhügel versperren hochg

Autor:

Frank Westermann

Eine Waschgelegenheit, die hatten sie ja in Krainhagen am Fußballplatz. Das war zwar nur eine Kuhtränke, aber immerhin - man kam nach dem Spiel sauber nach Hause. Es ist nicht die einzige Geschichte, die Struckmeier beim Schnatgang erzählt, auch Günther Konczak kann viel über den Ort berichten. Ein Wunder ist das nicht, beide sind Mitglieder des Arbeitskreises für Dorfgeschichte und Heimatkunde Krainhagen-Röhrkasten - und wissen entsprechend viel. Eingeladen zum Schnatgang hat der Fremdenverkehrsverein: Oliver Keller und Thomas Schee können mehr als zufrieden über die Resonanz sein, denn gut 30 Mitbürger, darunter viele Kinder, haben die Einladung angenommen. Sport und Wasser sind die beiden Themen,über die Struckmeier und Konczak berichten wollen. Beide entpuppen sich als charmante Plauderer, die ihre gut abgehangenen Anekdoten pointensicher an die Zuhörerschaft bringen. Struckmeier erzählt von längst vergangenen Tagen. Vom Bau des Sportplatzes nach dem Kriegsende, als gute Kontakte zu den Engländern in Achum den Krainhägern plötzlich einen Bagger bescherte, der den Fußballplatz ausschob; vom Glück, zwei Fußballschuhe zu haben (auch wenn es beides linke Schuhe waren); vongeschnürten Bällen, die heftige Schmerzen beim Kopfball verursachen konnten; von der 1. Kreisklasse, in der der SV 45 dann kickte; von der Eigenarbeit, die in die damals gebaute Berghütte gesteckt wurde und vom Ende des Sportvereins, der jetzt als SC Krainhagen versucht, eine erste Mannschaft aufzubauen. Erst ein paar Jahre, vielleicht sind es drei oder vier, liegt die Zeit zurück, als man sich auf den Philosophenhügel stellen oder setzen konnte und einen erstklassigen Blick auf Bad Eilsen und Umgebung hatte. Heute sind die Bäume so hoch gewachsen, dass der Blick nach ein paar Metern am grünen Blätterwerk abstürzt. "Kann man die nicht mal kürzen?", fragen die Mitwanderer. Eher nicht, meint Struckmeier, schließlich ist der Berg immer in Bewegung. Und da sei man doch recht froh, dass das Wurzelwerk für ein bisschen mehr Halt sorge. Mit Bergen, da kennt sich Struckemeier aus. Schließlich hat er im Bergwerk gelernt, wurde Knappe und Hauer, wollte Steiger werden, ehe er dann doch erkannte, dass seine berufliche Zukunft woanders liege und nicht im ach so unsicheren Bergwerkshandwerk. Tief unten im Tal, im "Kuhstall" erzählt Günther Konczak dann von den Zeiten, als das Wasser nach Krainhagen kam. Hochgepumpt von der Stelle, wo einst die Dorfbewohner ihre Kühe und Töchter im 30-jährigen Krieg vor marodierenden Söldnern versteckten. Von 1949 bis 1955 wurde die Pumpstation gebaut, alles in Handarbeit, darum hates auch ein paar Jahre gedauert. Heute ist sie ein beliebter Ort zum Feiern, gemütlich ist es innen drin, Kerzen spenden Licht, unter dem Betonboden hört man noch immer das Wasser brausen: Es fließt in ein kleines Bassin. Die mitwandernden Kinder machen, was Kinder im Wald an einem Bach immer tun: Staudamm bauen, Spaß haben. Der sich in Bewegung setzende Berg hat dann in den späten fünfziger Jahren viel Ärger gemacht, das Wasserwerk drehte sich, die Leitung wurde zerstört, provisorisch hat die Feuerwehr mit dicken Schläuchen ausgeholfen und das kostbare Nass nach oben gepumpt. Man sei dann nach Hannover gefahren, um um Gelder zu bitten, erzählt Konczak. 25000 Mark habe man für die Sanierung gerechnet, in Hannover haben sie dann gesagt, wir geben euch lieber 10000 Mark mehr. Konczak: "Heute undenkbar." Erinnerungen werden auf diesem Schnatgang viele wach: an Ernst-August Kranz, an treckerfahrende Bürgermeister, an den Wasserkrieg zwischen Röhrkasten und Krainhagen, an Zeiten, als das Nass über 400 Meter in Eimern geschleppt werden musste, als Privatbrunnen abgeschlossen wurden, weil das Wasser einfach für den Nachbarn nicht mehr reichte. Das alles ist gelebte Geschichte, und in einer Zeit, in der Modernität fast genauso angebetet wird wie Geld und Prominenz, huldigen Konczak und Struckmeier der Erinnerung als einen Ort, der die Vergangenheit am Leben hält. Und das ist gut so. Ach ja: Das Rückspiel gegen die Jugend aus dem Rintelner Raum hat Krainhagen damals dann recht hoch gewonnen, erzählt Struckmeier noch. Um im Kontext zu bleiben: Die Krainhäger haben sie nass gemacht.



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