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Graf Friedrich Wilhelm Ernst zu Schaumburg-Lippe und dessen Rolle in der „Schlacht bei Minden“

„Unsterblichen Ruhm“ erworben

Wenn im September/August 2009 in Minden die 250. Wiederkehr der „Schlacht bei Minden“ gefeiert wird, steht der Weserstadt abermals allerhand Tschingderassabumm ins Haus. Das örtliche Stadtmarketing will die Besucherbataillone mit Vorträgen, Führungen und Inszenierungen begeistern. „Ganz Minden wird zur historischen Bühne“, versprechen die Organisatoren. Eine nicht unerhebliche Rolle am letztlich erfolgreichen Ausgang der Schlacht kommt dem Schaumburger Grafen Wilhelm zu.

veröffentlicht am 13.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 26.03.2009 um 09:41 Uhr

Die im Verlag J.C.C. Bruns erschienene Veröffentlichung behandel

Autor:

Herbert Busch

Das wird in einer von Martin Steffen anlässlich des Jubiläums herausgegebenen Veröffentlichung des Verlags J.C.C. Bruns deutlich. „Die Schlacht bei Minden – Weltpolitik und Lokalgeschichte“ führt zwölf Autoren zusammen, die das Ereignis in 16 Beiträgen aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen. Der überwiegende Teil der Artikel wurde eigens für die Neuerscheinung verfasst und gibt somit den aktuellen Stand wissenschaftlicher Forschungen wieder. Außer Steffen fungieren als Autoren Friedrich-Carl Bath, Hans Cramer, Martin Beutelspacher, Marian Füssel, Philipp Koch, Leopold Kulke, Hans Nordsiek, Paul Gerhard Ostermann, Martin Rink, Monika Schulte und Veit Veltzke.

Die 16 Beiträge gliedern sich in drei Abschnitte. Zunächst werden die globalen Zusammenhänge und die Ereignisse der am 1. August 1759 geschlagenen Schlacht sowie deren unmittelbare Folgen und Spuren geschildert. Im zweiten Abschnitt kommen die damalige wirtschaftliche und soziale Situation des Mindener Landes sowie Akteure beider Seiten zur Sprache. Abschließend, wenn sich der Bogen von Ursachenforschung und Schuldzuweisungen auf der französischen Seite über Bild- und Textüberlieferungen des 18. Jahrhunderts bis zur Minden-Day-Brauchtumspflege der britischen Armee und einer kritischen Analyse des Umgangs mit der Schlacht in Minden spannt, kommt die nachträgliche Wahrnehmung des Hauptereignisses des Siebenjährigen Krieges zur Erörterung.

Dass der in dem Buch für Graf Friedrich Wilhelm Ernst zu Schaumburg-Lippe zuständige Historiker Martin Rink seine Schilderung mit reichlich strapazierten Zitaten – Sonderling, Kanonengraf, nicht einmal Oktavformat – frech aus dem von Hermann Löns verfassten „Duodez“ beginnen lässt, verblüfft nur auf den ersten Blick. Rink nähert sich dem Schaumburger durchaus kritisch aber auch mit deutlich durchklingender Sympathie: „Seine schon zu Lebzeiten vorgenommene Kennzeichnung als „sonderbaren Herrn“ deutet auf eine Unkonventionalität hin, die an auswärtigen Höfen wie in Feldlagern selten konfliktfrei blieb. Dort aber lag auch der Schlüssel für seinen Antrieb, die Kriegskunst zu vervollkommnen, und zwar nach seinen Vorstellungen. Seinem Titel als „Kanonengraf“ wurde er – modern gesprochen – als „Artillerieführer“ der britisch-preußischen Koalitionsarmee gerecht. Ein erstes großes Zeugnis legte er am 1. August 1759 nördlich der seinem kleinen Reich benachbarten „Großstadt“ Minden ab.“

Im Mindener Ortsteil Todtenhausen erinnert ein (derzeit baufälli
  • Im Mindener Ortsteil Todtenhausen erinnert ein (derzeit baufälliges) Denkmal an das 250 Jahre zurückliegende Geschehen. Der obere Teil des Denkmals zeigt eine Seitenansicht von Graf Wilhelm.
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Das Mindener Museum zeigt in einem großen Diorama Nachstellungen
  • Das Mindener Museum zeigt in einem großen Diorama Nachstellungen der Schlacht.

Wilhelms militärische Tätigkeit war nach Rinks Erkenntnis durch vier Phasen gekennzeichnet. Vom Regierungsantritt 1748 bis zum Siebenjährigen Krieg baute er sein eigenes Stehendes Heer aus, wobei Ausrüstung, Gliederung und Ausbildung der Truppe zum Ausdruck brachten, dass er keineswegs blindlings den vorherrschenden Mustern seiner Zeit folgte sondern eigene Akzente zu setzen gewillt war. Die zweite Phase bildete der Krieg in Deutschland, als Wilhelm nicht nur die Artillerie der Armee Herzog Ferdinands von Braunschweig in den Schlachten bei Minden und Vellinghausen (1761) führte sondern zudem die Belagerungen von Marburg, Münster, Wesel und Kassel leitete und für die Anlage der Feldbefestigungen der Armee sowie für den Festungsausbau in deren Operationsgebiet verantwortlich zeichnete.

Phase drei, eingeleitet durch die Betrauung mit dem Oberbefehl über die portugiesische Armee samt britischem Expeditionskorps, kennzeichnete der schlachtenlosen Grenzkrieg Portugals gegen die französisch-spanische Armee, in dem Wilhelm seine spezielle Konzeption der Landesverteidigung weiter ausarbeiten konnte. In der vierten Phase, in die auch militärische Studien, Projekte und Lehre fallen, widmete er sich daheim der wirtschaftlichen Wiederherstellung seines Territoriums.

Seinen Zeitgenossen erschien der Graf als Soldat durch und durch. In einem 1761 verfassten Schreiben eines Offiziers heißt es: „Dieser sonderbare Herr zeigte bey allen Gelegenheiten eine seltene Gleichgültigkeit bey Gefahren, und es scheint, als wenn er es nothwendig hält, daß der Soldat von Jugend auf sich bey jeder Gelegenheit, Gefahren und Strabatze aussetzen müsse, damit er nach und nach gegen dieselbe abgehärtet werde. Er setzt daher mit seinem Pferde durch jeden Fluß, über jede Hecke, die ihm vorkömmt, und Niemand ist übler daran, als seine Adjutanten, die ihm folgen müssen.“

Bei Wilhelm zu Schaumburg-Lippe erscheine, notiert Rink, „im Typischen das Untypische der Zeit“ – er war nicht nur geprägt vom adligen Kriegerideal seiner Zeit sondern bereit, dieses gängige Ideal mit höchst unkonventionellen Methoden, selbst gegen die Konventionen von Zeit, Stand und Landessitte durchzusetzen. Während der Belagerung von Kassel legte er angeblich „so gar nie die Kleidung ab, mit der er im Koth gelegen, auch ließ er sich nicht rasiren, um nicht den geringsten Vorzug vor dem Gemeinen zu haben“, hält der bereits zitierte Offizier fest. Spanische Generale, denen Wilhelm im portugiesisch-spanischen Grenzgebiet vors Fernrohr geriet, sollen entsetzt gefragt haben „Sind denn die Portugiesen von Don Quichotte commandirt?“

In der Mindener Schlacht stand die bückeburgische Artillerie mitsamt ihrer Bedeckung auf dem linken Flügel bei Todtenhausen. Das Halten dieses Flügels war die Voraussetzung für das Gelingen der Pläne Ferdinands. Trotz seiner Eigenschaft als Führer der gesamten Artillerie kämpfte Graf Wilhelm auf dem äußersten linken Abschnitt. Im Danksagungs-Compliment Ferdinands wird seine Rolle lobend hervorgehoben. Er habe sich durch „schöne Dispositionen zum Einsatz der Artillerie unsterblichen Ruhm“ erworben, lässt der Oberkommandierende wissen. Die Artillerie der „Engländer“ – also die der Alliierten – habe „geradezu Wunder“ vollbracht und „unvergleichliche Würkunge“ erzielt.

Martin Rink stellt zum Abschluss seines Beitrags fest: „Da das Neue zumeist im Kleinen zur Welt gelangt, zeigt sich der Wert der Verbindung aus souveränem „Duodezfürsten“ und Wilhelms Charakter als „sonderbarem Herrn“ als äußerst fruchtbare Paarung. Das von Löns mit Spott bedachte stille „Leben in Duodez“ – das war das, was Wilhelm gerade nicht auszeichnete.“



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