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Vivat, hoch die Republik! – Der Kampf der Oetker-Brüder gegen die Obrigkeit

„Unsern Kurfürst ham’ wir dick“

Der Name Oetker hat in Schaumburg einen guten Klang. Aus der ursprünglich in Wiedensahl beheimateten Familie sind bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein lebte die Sippe hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht. Dann trieb die Not mehrere Söhne und Töchter über die Grenzen ihres damals zum Königreich Hannover gehörenden Heimatdorfs hinaus ins benachbarte Ausland. Bevorzugtes Ziel war die zu Hessen gehörende Grafschaft Schaumburg, in der sich aufgrund der industriellen Entwicklung rund um Kohle und Glas bessere Einkommens- und Überlebensmöglichkeiten auftaten. Einer der Wirtschaftsflüchtlinge suchte sein Glück in Obernkirchen, ein anderer wurde Müller in Rehren im Auetal. Es scheint, als habe sich deren Überlebensmut und Selbstbehauptungswille auf die Folgegeneration übertragen. Jedenfalls wuchsen in ihren Familien äußerst strebsame und hochintelligente Söhne heran.

veröffentlicht am 28.05.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.05.2011 um 08:36 Uhr

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Am berühmtesten und reichsten wurde der in Obernkirchen geborene August Oetker (1862–1918), der dank seiner Backpulver-Erfindung einen Großkonzern gründete und es zu einem der erfolgreichsten deutschen Unternehmer brachte. Als weniger populär, aber in punkto Persönlichkeit und Lebensleistung genauso bedeutsam dürfen die Schriftsteller und Publizisten Friedrich (1809–1881) und Karl (1822–1893) Oetker gelten. Die beiden Brüder aus dem Auetal zählen zu den politischen Vorkämpfern und Wegbereitern der deutschen Märzrevolution 1848. Später gehörten sie dem Deutschen Reichstag an. Der politisch aktivere war Friedrich, dessen Todestag (17. Februar 1881) sich kürzlich zum 130sten Mal jährte.

Friedrich Oetker war am 9. April 1809 in Rehren geboren worden. Er besuchte die örtliche Volksschule und ging später aufs Rintelner Gymnasium. Einer seiner Mitschüler war Franz Dingelstedt. Die beiden blieben lebenslang enge Freunde.

Dr. Friedrich Oetker (1809–1881)

Nach dem Abitur studierte Oetker Jura und ließ sich in Kassel als Rechtsanwalt nieder. Angesteckt von der national-liberalen Aufbruchstimmung in den 1830er Jahren, wurde er zu einem glühenden Anhänger und Verfechter der deutschen Einheitsbewegung. Als Gründer und Herausgeber der „Neuen hessischen Zeitung“ rief er zum Kampf für mehr Freiheit und Menschenrechte auf. Die Folge waren Massenproteste gegen den machtbesessenen und skrupellosen kurfürstlichen Landesherrn Friedrich Wilhelm I. Auf den Kasseler Straßen sangen die Leute damals: „Vivat hoch die Republik! / Unsern Kurfürst ham’ wir dick. / Weil er sich so schlecht betragen, / woll’n wir ihn zum Teufel jagen.“

3 Bilder

Oetker musste fliehen. Einige Jahre verbrachte er auf Helgoland. Die Insel gehörte damals noch zu England. Über Holland und England kehrte er – mittlerweile gesundheitlich stark angeschlagen – nach Kassel zurück. Eine Zeit neuerlicher Ächtung und Verfolgung begann. Die Situation änderte sich erst, als Hessen 1866 von Preußen einverleibt und der Kurfürst entmachtet worden war. Bei der politischen Neugestaltung des Landes im Vorfeld der Reichsgründung war Oetker einer der wichtigsten Verhandlungspartner Bismarcks. Bis zu seinem Tode 1881 gehörte der Auetaler dem preußischen Landtag und dem Deutschen Reichstag an. Schon zu Lebzeiten wurde er mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft. Sieben Städte, darunter Kassel und Obernkirchen, machten ihn zum Ehrenbürger.

Dr. Karl Oetker (1822–1893)

Anders als Friedrich Oetker ist dessen jüngerer Bruder und langjähriger politischer Weggefährte Karl Oetker heute nur noch interessierten Insidern bekannt. In puncto Beruf und politischem Engagement war er eine Art „Ebenbild“ seines mehr als zehn Jahre älteren Bruders. Wie Friedrich machte Karl am Rintelner Gymnasium Abitur und studierte Jura. Zeitweise betrieben beide eine gemeinsame Anwaltskanzlei und kämpften von Kassel aus für die Einführung beziehungsweise Wiederherstellung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. Nach Friedrichs Flucht übernahm Karl dessen Verteidigung und sorgte schließlich dafür, dass der Ältere aus dem Exil zurückkehren durfte.

Als Friedrich starb, trat Karl wie selbstverständlich in dessen politische Fußstapfen. 1881 zog er als national-liberaler Nachfolge-Abgeordneter des Rintelner Wahlkreises in das preußische Abgeordnetenhaus ein. 1884 und 1887 wurde er in den Reichstag gewählt. Nach seinem Tod in Berlin am 24. August 1893 wurde er, anders als der in Kassel beigesetzte Friedrich, in seinen Heimatort Rehren (zurück-) überführt und auf dem Friedhof des Kirchspiels Hattendorf beerdigt.

Heimatverein Auetal bewahrt Andenken

Heute ist die Erinnerung an die beiden bedeutsamsten Söhne des Auetals weitgehend verblasst. An ihrem Rehrener Geburtshaus wurde 1981 aus Anlass des 100sten Todestages von Friedrich Oetker eine Hinweistafel angebracht. Die Lebensdaten seines Bruders findet man auf einem auf dem Hattendorfer Friedhof aufgestellten Gedenkstein. Mehr über Herkunft, Leben und Wirken der beiden erfährt man im Auetaler Heimatmuseum (Auetal-Hattendorf, Langenfelder Straße 47; geöffnet am 1. und 3. Sonntag eines Monats von 15 bis 17 Uhr; Eintritt frei). Dort haben die Heimatfreunde um ihren Vorsitzenden Jörg Landmann eine liebevoll gestaltete „Oetker-Erinnerungsstätte“ eingerichtet.



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