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Ungarn: Der "Ballermann am Balaton" macht Pause

Ein Herz in den rot-weiß-grünen Landesfarben und der Slogan „Träum dich hin!“ – so wirbt das ungarische Tourismusamt. Ungarn ist EU-Mitglied. Aber noch längst kein Euro-Land. Die Sommersaison war gerade beendet, da schockte Anfang Oktober der Chemieunfall in einem Aluminiumwerk in der Gemeinde Kolontár/Region Veszprém die Weltöffentlichkeit.

veröffentlicht am 18.11.2010 um 12:12 Uhr
aktualisiert am 22.09.2011 um 11:55 Uhr

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Autor:

Erk Bratke

Ein Herz in den rot-weiß-grünen Landesfarben und der Slogan „Träum dich hin!“ – so wirbt das ungarische Tourismusamt. Ungarn ist EU-Mitglied. Aber noch längst kein Euro-Land. Die Sommersaison war gerade beendet, da schockte Anfang Oktober der Chemieunfall in einem Aluminiumwerk in der Gemeinde Kolontár/Region Veszprém die Weltöffentlichkeit. 40 Quadratkilometer Boden wurden mit giftigem Schlamm verseucht.

Neun Menschen ließen ihr Leben, weitere 150 wurden verletzt. Zwischen dem Katastrophengebiet und Budapest liegen rund 160 Kilometer, dazwischen befindet sich auch die Haupturlaubsregion – der Balaton.

Mit fast 600 Quadratkilometern Wasserfläche ist der Balaton größer als der Bodensee, im Schnitt jedoch nicht tiefer als drei Meter. Die flachen Badestrände des Sees sind für Familien mit Kindern besonders attraktiv. Hundert Meter und weiter im Wasser – und doch schaut die Badehose noch heraus. Zudem erhöht sich die Wassertemperatur im Sommer auf bis zu 27 Grad Celsius – höchst angenehm. Spiel, Sport und Spaß sind dadurch keine Grenzen gesetzt. Erholsamer Sommerurlaub und der Balaton gehören zusammen. Am „ungarischen Meer“ fühlen sich Familien, Sonnenhungrige, Badegäste, Wassersportler und Angler gleichermaßen zu Hause. Gerade zu heiß ist es im Sommer; Frühjahr und Herbst sind die besten Zeiten für Radfahrer, Reiter und Wanderer. Und selbst im Winter ist das Heilwasser von Europas größtem Thermalwassersee in dem traditionsträchtigen Ort Héviz noch angenehm warm. Wellness ist hier das ganze Jahr über angesagt.

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Einmal Balaton, immer Balaton? Kann sein. Denn egal, ob die hügelige Nordseite mit dem Vulkanberg Badacsony oder der Halbinsel Tihany, das prächtige Festetics-Schloss im Westen oder Strandleben und herrliche Promenaden am Südufer – hier lässt sich viel erleben. Ausgezeichnete Weine sind ein Markenzeichen. Und der schmackhafte Balaton-Zander verwöhnt den Gaumen.

Die ungekrönte Sommerhauptstadt des Plattensees ist der adrette Badeort Siófok am Südostufer. Mehr als 17 Kilometer Badestrand, schmucke Ferienhaussiedlungen, wunderbar gelegene Campingplätze, aber auch die für Ungarn untypischen Großhotels sind dort zu finden.

Die Stadt avancierte in diesem Jahr zur Großbaustelle – jedenfalls im Geschäfts- und Einkaufszentrum am großen Wasserturm, dem weit sichtbaren Wahrzeichen der lebhaften Kleinstadt. Das allerdings störte die Besucher herzlich wenig, denn sie kamen in Scharen. Kein Wunder, gilt Siófok doch als „Ballermann am Balaton“. Jubel, Trubel, Heiterkeit: Hier ist man mittendrin. Wer erholsame Ruhe sucht, ist hier fehl am Platz.

Vor allem die Jugend feiert im Sommer zu den Beats der Open-Air-Discos ausgelassen; Familien mit kleinen Kindern ziehen mit. Absolut sehens- und hörenswert ist die Straße Petöfi Sétány direkt am Strand. Hier entdeckt der Urlauber jeden Tag etwas Neues. Restaurants aller Nationalitäten, Bars und Kneipen mit viel Liebe zum Detail aufgemacht, Eisdielen, Spielhöllen, Kuriositäten, Pantomime, Straßentheater und -musikanten sowie jede Menge Aktivitäten für Kinder. Highlight ist der Coca-Cola-Beach-Club mit seinem Abendprogramm: Livemusik auf der Riesenbühne, wummernde Beats aus dem Disco-Turm, schneeweißer Sand, extravagante Liegestühle, weit ins Wasser reichende Docks für besonders Sonnenhungrige, edel aufgemachte Cocktailbars und eine Open-Air-Bibliothek mit Liegen und Kuscheldecken. Warum sich vor allem die Jugend hier besonders wohlfühlt? Wegen der Preise. Pommes, Döner und eine Limo für zwei Euro, der halbe Liter Bier für einen Euro – all das ist hier nicht unüblich. Auch das Essen im gutklassigen Restaurant ist alles andere als kostspielig. Drei Personen essen und trinken hier meist für 25 Euro – komplett und sehr lecker. Ist der Sommer vorbei, packen auch die Promenadenhändler ein. Ab Ende September herrscht auch im sonnensicheren Siófok tote Hose.

Zu einem Bilanzgespräch trafen sich Gastronomen, Hoteliers und Tourismusexperten in Siofók nach der Sommersaison. Der Anteil der Inlandstouristen erreichte immerhin 70 Prozent der Gesamturlauberzahl. Allerdings scheint ihre Zahlungsfähigkeit stark zurückgegangen zu sein. Der gemeine Ungar verdient nicht viel und lebt meist sehr bescheiden. Unter den restlichen 30 Prozent sind Deutsche, Holländer und Österreicher am häufigsten zu finden. Und die wissen ganz genau, dass Ungarn alles andere als ein „Teuro-Land“ ist. Als Fazit schrieb die deutschsprachige „Balaton-Zeitung“ in ihrer Oktober-Ausgabe von einer „enttäuschenden Saison“. Beleg dafür war auch der traditionell umsatzstarke Schiffsverkehr auf dem See, der einen Rückgang von 14 Prozent meldete.

Und jetzt auch noch der Industrieunfall. Wirkt sich die Umweltkatastrophe auch auf die kommende Saison am Balaton aus? Szolt L., ein junger Immobilienmakler und Hausverwalter aus Balatonszemes, das rund 20 Kilometer von Siofók entfernt ist, verneint die Frage eindeutig. „Das ist zu weit weg von uns. Und dann ist da ja auch noch das Gebirge am Nordufer dazwischen.“ Traurig sei er darüber, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Er schimpft auf die Unternehmensführung des Aluminiumwerks. Dass der Chef zu den Top-12-Verdienern des Landes gehört haben soll und jetzt im Gefängnis sitzt, weiß er zu berichten. „Aber wir wissen ja, dass solche Menschen immer wieder fein rauskommen“, sagt Szolt.

Indes meinen die Tourismusexperten den Grund für den Urlauber-Rückgang ausgemacht zu haben: unzureichendes Marketing einerseits sowie fehlende Qualität bei den Unterkünften andererseits. Gastronomen und Hoteliers verständigten sich darauf, sich im nächsten Jahr besser miteinander abzustimmen und planen nunmehr auch gemeinsame Aktionen. Außerdem erwarten sie mehr Unterstützung vom ungarischen Tourismusamt. Ein Herz in den rot-weiß-grünen Landesfarben reicht eben nicht aus.

Typisch ungarisch: Zigeunerspieß und feurig-scharfe Paprika-Würstchen (oben). Typisch Siofók: Der Wasserturm ist ein traditionsreiches Wahrzeichen (rechts) und ebenso beliebt wie die Strandpromenade. Fotos: Bratke

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