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"Steinbrecher" trennt Daumen eines Produktionshelfers ab / Anwalt: Maschine entspricht nicht aktuellen Vorschriften

Unfall: Massive Vorwürfe gegen Steinbruch-Betreiber

Obernkirchen (wm). Im Juli dieses Jahres ist Elvir M., Produktionshelfer bei den Obernkirchener Sandsteinbrüchen, mit der Hand in eine Steinbrechermaschine geraten, die den Daumen seiner rechten Hand abtrennte. In einer elfstündigen Operation nähten Ärzte den Daumen wieder an. Ob dieser voll beweglich bleibt, ist aus medizinischer Sicht ungewiss.

veröffentlicht am 26.10.2006 um 00:00 Uhr

Der Rintelner Rechtsanwalt Jan-Markus Dehne erhebt massive Vorwürfe gegen die beiden Steinbruch-Geschäftsführer. Die Maschine, an der Elvir M. am Unfalltag gearbeitet hatte, habe nicht den "aktuellen" Vorschriften der Berufsgenossenschaft entsprochen. Eine solche Maschine müsse nämlich mit zwei Handschaltern ausgestattet sein, die gleichzeitig betätigt werden müssten, ehe die Brechvorrichtung ausgelöst werde, damit sicher gestellt sei, dass der bedienende Mitarbeiter seine Hände aus dem Gefahrenbereich der Maschine entfernt hat. Im Steinbruch, so schildert es Elvir M., gebe es auch moderne Brechmaschinen und zwei alte - und an einer der alten Maschinen habe er gearbeitet. Diese Maschine werdeüber einen Fußtaster bedient. Man müsse die Steine auf einen Auflagentisch heben. Bei einem großen und sehr schweren Stein habe er die Balance verloren und sei dabei auf den Fußschalter getreten, der den Brecher, das Obermesser, ausgelöst habe. An dieser Maschine, sagt Elvir M., hätte auch ein zweiter Arbeiter unter vergleichbaren Umständen bereits einen Arbeitsunfall erlitten. Klaus Köster, einer der Geschäftsführer der GmbH, kann diese Version des Unfallherganges nicht nachvollziehen. Selbstverständlich habe man sofort mit dem Sicherheitsingenieur die Maschine überprüft und die geschilderte Situation nachgestellt. Ein schlüssiges Ergebnis habe man nicht erhalten, die Sache bleibe "mysteriös", denn die Fußtaste der Maschine sei durch einen Bügel geschützt, die Taste durch "Drauftreten" nicht auszulösen. Elvir M. hält dagegen, er habe, um das Ungleichgewicht auszugleichen, einen Schritt nach vorne gemacht und sei nicht von oben auf den Bügel getreten. Köster widerspricht energisch der Behauptung, im Steinbruch seien Maschinen im Betrieb, die nicht den Vorschriften entsprächen. Köster: "Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Berufsgenossenschaft den Betrieb nicht vorschriftsmäßiger Maschinen zulassen würde." Das Unternehmen würde sich damit im Falle eines Unfalles dem Risiko von Regressansprüchen aussetzen. Was Anwalt Jan-Markus Dehne ebenfalls empört, ist die Art und Weise, wie sich der Steinbruchbetrieb nach dem Unfall gegenüber dem Schwerverletzten verhalten hat. Der für 10 Euro Brutto-Stundenlohn Beschäftigte sei nämlich entlassen worden, obwohl der Arbeitsvertrag bis zum 30. September abgeschlossen war, der Betrieb habe zudem die tariflich zugesicherte Lohnfortzahlung verweigert. Dehne: "Das ist Manchester-Kapitalismus." Auf Intervention von Dehne hat sich der Steinbruchbetrieb durch seine Anwältin inzwischen zu einer Lohnfortzahlung von sechs Wochen bekannt - aber nicht, ohne nicht einen weiteren Trick zu versuchen: Mit der Lohnfortzahlung, so Dehne, seien die Überstunden des Mitarbeiters verrechnet worden. Der Streitwert beläuft sich inzwischen auf 3 945 Euro. Elvir M. möchte - weil man ihn vorsätzlich an einer nicht sicheren Maschine habe arbeiten lassen - Schmerzensgeld erstreiten. Er habe in Gegenwart von Zeugen mehrfach seinen Vorgesetzten über Mängel an der Maschine informiert, ohne dass diese beseitigt worden seien. Auch das sieht Köster anders: Der Mann habe am Unfalltag mehrere Stunden an der Maschine gearbeitet, ehe der Unfall passiert sei, die Maschine sei in Ordnung gewesen. Elvir M. hält dagegen: "Warum ist dann nach dem Unfall sofort jemand mit einer Werkzeugtasche gekommen?" Rechtsanwältin Birgit Lemme aus Bückeburg, die den Betrieb vertritt, weist darauf hin, dass der Betrieb TÜV-geprüft und zertifiziert worden sei und damit das Gütesiegel "Sicher" von der Berufsgenossenschaft führen dürfe (gültig bis 2007). Das sei wohl kaum der Fall, wenn hier unzulässige Maschinen im Betrieb wären. Der zuständigen Gewerkschaft in Hameln ist der Fall nicht bekannt, auch keine vergleichbaren Vorfälle in dem Unternehmen. Die zuständige Berufsgenossenschaft, die letztlich auch über einen möglichen Rentenanspruch entscheiden muss, hielt sich bedeckt: Keine Auskünfte.

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