weather-image
×

Und plötzlich waren 20 000 Euro futsch …

Dass er von der Pleite der Investmentbank betroffen ist, hat Paschhof erst bemerkt, als er einige Tage später einen Blick in sein Anlagekonto geworfen hat. „Klar habe ich durch die Nachrichten im Fernsehen und den Zeitungen gewusst, dass es brenzlig wird, aber ich hatte vollstes Vertrauen in meinen Bankberater und war überzeugt, dass er sich bei mir meldet, wenn es Handlungsbedarf gibt.“

veröffentlicht am 05.07.2010 um 10:39 Uhr
aktualisiert am 06.07.2010 um 11:39 Uhr

Von Matthias Rohde

Dass er von der Pleite der Investmentbank betroffen ist, hat Paschhof erst bemerkt, als er einige Tage später einen Blick in sein Anlagekonto geworfen hat. „Klar habe ich durch die Nachrichten im Fernsehen und den Zeitungen gewusst, dass es brenzlig wird, aber ich hatte vollstes Vertrauen in meinen Bankberater und war überzeugt, dass er sich bei mir meldet, wenn es Handlungsbedarf gibt.“ Der nämlich, so Paschhof, hatte die Monate und Wochen vor dem Crash der amerikanischen Bank immer wieder die Sicherheit der Zertifikate beteuert und darüber hinaus keine Mühen gescheut, seinem Kunden weitere verlockende Angebote mit guten Renditen zu machen. Dabei seien die Versprechungen nie in den atemberaubenden Bereich gegangen, erinnert sich der Ruheständler. „Einem Bekannten wurden sogar 15 Prozent Rendite angeboten.“ Paschhof lacht. Es ist ein unverkennbar bitteres Lachen. Ja, bei 15 Prozent hätte er sofort gewusst, dass da etwas nicht ganz koscher sein könne. Als die Pleite kurz bevorstand, habe sein Bankberater ihn nicht gewarnt, beschwert sich Paschhof.

„Das wäre auch falsch gewesen“, sagt der Pressesprecher der Targobank, Peter Herkenhoff. „Noch am Sonntag, also einen Tag vor der Pleite, seien alle Fachleute, nicht zuletzt die deutsche Bankenaufsicht, davon ausgegangen, dass Lehman Brothers gerettet wird.“ Hätten die Berater zu diesem Zeitpunkt oder auch davor dem Kunden zum Verkauf geraten und wäre die Bank, wie von allen erwartet, gerettet worden, dann hätten die Kunden rund 50 Prozent ihres Geldes verloren, so Herkenhoff weiter. „Und dann hätten uns die Kunden ebenfalls Falschberatung vorgeworfen.“

Laut dem Targobank-Sprecher konnte auch niemand von einer Nichtrettung ausgehen, denn vor der Lehman-Pleite sei mit Bear Stearns eine andere der fünf großen US-Investmentbanken in einer Nacht und Nebel Aktion an eine große amerikanische Universalbank verkauft und damit vor der Pleite bewahrt worden. Nach dem Lehman-Zusammenbruch wurde mit Merrill Lynch auch die dritte amerikanische Investmentbank durch den Verkauf an eine weitere US-Universalbank gerettet. Nur die Lehman-Pleite, die habe man nicht verhindert. „Wir bedauern es sehr, dass unsere Kunden wegen der Lehman-Pleite Geld verloren haben, aber auch die Targobank hat dadurch hohe Verluste erlitten“, betont Herkenhoff.

Über zweieinhalb Jahre währte die Zeit, in der Paschhofs angesparte Euros mal mehr, mal weniger Erträge erzielten. Festgeld, Tagesgeld, ein paar Aktien, drei, dreieinhalb, manchmal auch fünf Prozent - das seien die Werte gewesen, die Paschhof zufriedenstellten und ihn auch von der Seriosität seines Bankberaters überzeugten. Irgendwann habe der Berater ihm dann sieben Prozent in Aussicht gestellt. „Der junge Mann hat mir erklärt, wie ich mit einem Teil meines Geldes noch bessere Renditen erzielen könne“, erzählt Paschhof. Wie genau der Handel mit Zertifikaten funktioniere, das habe er damals zwar nicht verstanden, aber die Zusicherung des Beraters, dass das Risiko einen Teil oder gar sein ganzes Geld zu verlieren, nahezu unmöglich sei, habe er vertrauensvoll geglaubt.

Über den Tisch gezogen fühlt sich Paschhof nicht zuletzt auch wegen des Umstandes, dass ihm für den Fall, dass er Lehman-Zertifikate zeichnen würde, auf der anderen Seite bei den festverzinslichen Wertpapieren eine höhere Rendite zugesagt wurde. Paschhof bat sich Bedenkzeit aus, die der Berater durch fortwährende Anrufe störte. „Als wir im benachbarten Ausland im Urlaub waren, klingelte das Telefon. Mein Berater fragte mich freundlich, ob ich denn schon eine Entscheidung getroffen hätte.“ So ging das weiter, bis Paschhof irgendwann einerseits von den „freundlichen“ Anrufen die Nase voll hatte, andererseits überzeugt von der Kompetenz des Beraters war und schließlich für 10 000 Euro Zertifikate zeichnete. Nach einem Jahr war die Freude groß, denn es hatte funktioniert. Kurzerhand legte Paschhof insgesamt 20 000 Euro in Lehman-Zertifikaten an. Nun ist aber alles futsch.

Wenn er heute an diese Zeit zurückdenkt, dann wird der Ärger sichtbar. Paschhofs ansonsten sanfte Mimik bekommt kantige Züge, seine Hände gestikulieren eindringlich und immer wieder senkt er den Kopf, nicht aus Verzweiflung, sondern, weil er so maßlos enttäuscht über die Menschen ist, denen er vertraut hat. „Bevor ich meine erste Anlage tätigte, hat die Bank für mich ein persönliches Risikoprofil erstellt“, erklärt er und zeigt das Dokument, indem er genau angegeben hat, dass für ihn nur sichere Anlagen mit geringerer Rendite in Frage kommen. Auch bei der Bank sei klar gewesen, dass man ihm nicht so ohne Weiteres ein Lehman-Zertifikat verkaufen könne, denn das passte überhaupt nicht zu seinem Risiko-Profil. Also musste Paschhof ein Dokument unterschreiben, in dem er ausdrücklich erklärt, dass er, Paschhof, den Bankberater gebeten habe ihm ein solches Zertifikat zu verkaufen. „Das ist aber gar nicht wahr“, stellt Paschhof fest. Der Berater habe dieses Verfahren mit den Worten „Das ist ein ganz normaler Vorgang, sonst darf ich Ihnen diese Zertifikate nicht verkaufen“ heruntergespielt. Herkenhoff: „Wir als Bank sind verpflichtet, für jeden Kunden ein solches Risikoprofil zu erstellen. Wenn ein Kunde ein Produkt kaufen möchte, das eigentlich nicht zu seinem Risikoprofil passt, dann weist ihn der Kundenberater darauf hin und dokumentiert das in den Unterlagen“, stellt Herkenhoff klar.

Zwar hat die Targobank in Kooperation mit der nordrheinwestfälischen Verbraucherzentrale für einen Teil seiner Kunden eine Entschädigung in Aussicht gestellt, aber Paschhof erfüllt die Kriterien, um entschädigt zu werden nicht. Herkenhoff: „Die Höhe der Entschädigungen ist vom Einzelfall abhängig, aber eine zentrale Voraussetzung für eine Entschädigung ist, dass der Kunde vor dem Kauf der Lehman-Zertifikate noch keine Erfahrungen mit Zertifikaten gehabt haben darf.“ „Erfahrung?“, fragt sich Paschhof und stellt mit einer nicht zu verkennenden Niedergeschlagenheit fest: „Ich habe meinem Berater vertraut - bis zum Schluss.“

Sein persönlicher Berater sei nicht mehr bei der Hamelner Filiale der Targobank beschäftigt. Auf Paschhofs Nachfrage, teilt die Bank ihm mit, dass der Berater gekündigt habe. Trotzdem verlangt er ein Gespräch, eine Erklärung, eine Entschuldigung und wenigstens einen Teil seines Geldes von der Bank zurück. Stattdessen schließt sich einem eher müden Erklärungsversuch des neuen Beraters ein erneutes Verkaufsgespräch an. „Das ist doch unglaublich“, empört sich Paschhof. Allen Ernstes habe der neue Bankberater versucht, ihn für weitere Geldanlagen zu motivieren. Es gebe tolle Angebote mit außerordentlich sicheren Renditen, habe der neuen Berater frohlockt. Paschhofs ganzer Körper spricht, während er sich an dieses Gespräch erinnert, eine deutliche Sprache. Aus Ärger wird Wut. Dosierte Wut, denn Paschhof ist sich zu jeder Zeit seines Anteils an der Misere bewusst. Zudem: „Bei mir waren es 20 000 Euro, die ich gemeinsam mit meiner Familie im Laufe der Jahre durch Konsumverzicht und Sparsamkeit an die Seite legen konnte. Es war einfach ein gutes Gefühl, für den Fall der Fälle eine kleine Reserve zu haben.“ An seinem Lebensstandard habe sich seit dem Verlust nichts geändert, andere Geschädigte seien da durchaus betroffener, wie Paschhof durch die regelmäßigen Treffen mit Leidensgenossen, weiß. Er engagiert sich für die Interessen aller Geschädigten, nimmt an Mahnwachen, wie vor einiger Zeit vor den Hamelner Filialen der Targobank und Dresdner Bank, teil und informiert sich über den aktuellen Stand der Dinge.

Nein, so einen Fehler werde er nicht noch einmal begehen, aber ob das auch andere Anleger so sehen, wagt Rüdiger Paschhof zu bezweifeln. Denn nun verfolgt Paschhof die Neuigkeiten rund um den Finanzmarkt mit Argusaugen und stellt mit Nachdruck fest: „Mittlerweile scheint es ja genauso weiterzugehen wie vorher, nur dass das Wort ‚Zertifikate‘ kaum noch einer in den Mund nimmt.“ Dafür seien es jetzt Anleihen oder Ähnliches, vermutet Paschhof, der sich sicher ist: „Wenn das so wie bereits gehabt weiter geht, dann kommt es über kurz oder lang wieder zu einem Desaster.“

Auch heute, knapp zwei Jahre, nachdem sich 20 000 seiner Euros praktisch in Luft aufgelöst hatten, ist bei Rüdiger Paschhof (Name von der Redaktion geändert) der Ärger immer noch groß. Ärger über enttäuschtes Vertrauen, über zum Teil an Stalking erinnernde Telefonanrufe, vor allem aber auch Ärger über sich selbst. Rüdiger Paschhof lebt im Landkreis Hameln-Pyrmont. Er ist einer der zahlreichen deutschen Anleger, die 2008 durch die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers ihr Erspartes verloren haben.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt