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Heinz-Werner Kamlah liebt das freie Leben als "Billiger Jakob" - und ist gelernter Schriftsetzer

"Und meine Hosenträger, die halten wirklich"

Rinteln (cok). Der "Billige Jakob", das ist, wenn man dem Lexikon glaubt, ein Händler, der Waren minderer Qualität zu Niedrigpreisen auf Märkten verkauft. Rintelns Messe-Billiger-Jakob aber, der lustige Heinz-Werner Kamlah (58) aus Barntrup, er hat lauter praktische Dinge anzubieten, deren Qualität über Jahrzehnte überzeugen konnte. "Reelle Ware - ehrlich bedient!"

veröffentlicht am 07.05.2007 um 00:00 Uhr

Morgens in Kaunitz bei Braunschweig, nachmittags in Rinteln auf

An erster Stelle stehen da die Hosenträger. Wer auch nur drei Minuten beobachtend an seinem Stand steht, wird Zeuge, wie ältere Herren ankommen und sich Nachschub besorgen, um ihre Hosen über dem seit letztem Jahr wieder ein wenig rundlicher gewordenen Bauch zu halten. "Und meine Hosenträger, die halten wirklich! Die haben den besten Klipp, keine billige Chinaware!" Das klingt überzeugend. Auch so etwas Einfaches wie die die so genannten "Aufnehmer", derbe Putztücher aus grobem Garn, die in manchen Familien noch wie eh und je über die Fußmatten im Eingang gelegt werden, sind aus dem Angebot nicht wegzudenken. Und zwischen supergünstigen Schulheften, zwischen Besteck, Handtüchern, patenten Messerschärfern oder Spargelschälern liegen die sagenhaften Kartoffelmesser mit dem Holzgriff. "Die rosten, ja, das tun sie, aber man würde mich steinigen, wenn ich diese Gussstahlmesser nicht mehr hätte", sagt Kamlah. "Die sind so scharf, da braucht man die Kartoffel nur dranzuhalten und schon dreht sie sich vor Freude um!" Schon sein Urgroßvater und der Großvater und der Vater zogen als "Billiger Jakob" über die Märkte. Am liebsten wäre Heinz-Werner Kamlah bereits als Junge, gleich nach der Schule, auch mit dabei gewesen, aber sein Vater, der in die Marktbeschicker-Familie eingeheiratet hatte, bestand darauf, dass er vorher eine richtige Lehre macht. So war der fahrende Händler einige Jahre lang ein ganz normaler (und nicht unbegabter) Schriftsetzer in der Schaumburger Zeitung, bevor er endlich hinter dem Wagentresen stehen und die Waren mit Witz und Charme losschlagen durfte. "Die meisten Leute denken ja, das sei ein Kinderspiel!", meint er. "Aber in Wirklichkeit muss man viel kaufmännisches Geschick haben, um immer weiter dabei zu sein." Vom richtigen Einkauf hängt alles ab, erst recht in Zeiten von MäcGeiz und Rudis Resterampe. "Ich sitze so manches Mal bei der Bank in der oberen Chefetage und handle Zinsen aus. Nicht anders, als das in anderen Betrieben so ist." Die Rintelner Messe verlangt ganz schön viel Durchhaltekraft, denn immer am selben Wochenende ist der große Markt in Kaunitz bei Braunschweig, wo ihn die Kunden nicht vermissen wollen. Morgens um drei ist er dann schon auf den Beinen, um nachmittags zurück zu sein und hier die Waren anzupreisen. Allerdings: Sein Sohn Michael (20), Versicherungskaufmann und offensichtlich mit derselben Neigung zu charmantem Verkaufsspiel begabt, und auch die Tochter Sonja, sie stehen ihm vergnügt und fleißig zur Seite. "Ich liebe dieses freie Leben", sagt Heinz-Werner Kamlahüber seinen Beruf. "Müsste ich jetzt Rentner sein, dann wäre ich sicher der knurrigste Rentner der Welt." Dann überlegt er einen Moment: "Oder ich würde den ganzen Tag in meinem Garten arbeiten!" Eine gute Alternative, die auch Philosoph Voltaire für das einzig Wahre hielt.



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