weather-image
11°
×

In die Fensterscheibe eines Hauses geritzt: Franz von Dingelstedts Weserlied entstand vor 175 Jahren

„Und der Weser blitzende Welle…“

Hier hab’ ich so manches liebe Mal mit meiner Laute gesessen“ – so ging es vor 175 Jahren einem Studenten und angehenden Lehrer namens Franz von Dingelstedt durch den Sinn, während er – „sein selbst und der Welt vergessen“ – auf „der Weser blitzende Welle“ hinunterblickte. Mangels Bleistift und Papier ritzte der 31-Jährige die Anfangszeile seiner dichterischen Eingebung in die Fensterscheibe eines nahe stehenden Hauses. Weder Dingelstedt noch sein poetischer Erguss erregten damals, im Sommer 1835, in irgendeiner Form Aufmerksamkeit. Auch die Frage, wo der junge Mann beim Anblick der Weser von der Muse der Dichtkunst geküsst worden war, interessierte – auch hierzulande – keinen. Das blieb auch zunächst so, als ein gewisser Gustav Pressel zehn Jahre später die schwärmerisch-wehmütigen Reime zu Gesicht bekam, mit einer einfühlsamen Melodie untermalte und auf diese Weise den späteren Erfolgshit „Weserlied“ komponierte.

veröffentlicht am 03.09.2010 um 16:51 Uhr

Autor:

Wann und wo das Stück erstmals öffentlich zu Gehör gebracht wurde, ist unbekannt. Radio, Schallplatten, CDs und andere Massenmedien zur Verbreitung neuer Gesangsmelodien gab es noch nicht. Opernbühnen und Konzertsäle waren den „großen“ Kompositionen vorbehalten. Volkslieder und ähnlich schlichte Musikschöpfungen standen allenfalls bei familiären und/oder höfischen Darbietungen auf dem Programm. Zur zunehmenden Popularität des Weserliedes dürften vor allem Konzertveranstaltungen in den Salons „höherer Kreise“ beigetragen haben. Für den ganz großen Durchbruch soll – wenn auch indirekt – Wilhelm I. gesorgt haben. Der von 1861 als preußischer König und ab 1871 als Deutscher Kaiser amtierende Hohenzollernspross sei ein großer Fan des Weserlieds gewesen, ist in zeitgenössischen Zeitungsberichten zu lesen. So habe Majestät des Öfteren den damals bekannten Bassisten und Hofkammersänger Franz Krolop zum Privatvortrag zitiert. Die Folge: In relativ kurzer Zeit drang das Lieblingslied des Reichsgründers in immer breitere Kreise vor und erlangte alsbald eine Art Volksliedstatus.

Das plötzliche Interesse an der Weser-„Hymne“ und an deren geistigen Vätern löste einen regelrechten Konkurrenzkampf zwischen den Orten des Weserberglandes aus. Von Hannoversch Münden bis zur Westfälischen Pforte wurde heftig darüber gestritten, wo Dingelstedt bei der Abfassung der Reime mit seiner Laute gesessen und welcher Wesertalblick ihn zu den inzwischen über Deutschland hinaus berühmt gewordenen Zeilen inspiriert haben könnte.

In Rinteln, wo der junge Poet aufgewachsen war und den größten Teil seiner Kindheit verbracht hatte, war man empört. Für die Einwohner der heimischen Kreisstadt kam ganz selbstverständlich nur ein Platz oberhalb ihrer Siedlung in Frage. Vehement und mit unverhohlener Verachtung wies man die Ansprüche der Hauptkonkurrenten Hannoversch Münden, Karlshafen und Hameln zurück.

3 Bilder

Die Verantwortlichen in Münden rechtfertigten ihren Anspruch damit, dass das Lied der Weser insgesamt gewidmet sei und der Flusslauf schließlich bei ihnen beginne. Ungeachtet der Proteste aus Rinteln ließ man deshalb 1931 aus Anlass von Dingelstedts 50. Todestag auf dem Questenberg oberhalb der Stadt ein aufwändig gestaltetes „Weserlieddenkmal“ errichten. Die Hamelner verwiesen auf die Dingelstedt-Zeile „und unten brauste das ferne Wehr“. Eine Stauanlage gebe es nur in der Rattenfängerstadt, ließ man die Nachbarn stromauf- und stromabwärts wissen. In Rinteln konterte man mit der Behauptung, dass Dingelstedt bei der Abfassung seiner Reime das Rauschen des nur eine halbe Stunde entfernt gelegenen Exter-Wehrs im Ohr gehabt habe.

Mit der Zeit beruhigten sich die Gemüter. Mehr und mehr setzte sich Rinteln als „Weserlied-Stadt“ durch. Ein Grund war die nachträgliche Bestätigung des lange Zeit als anekdotenhaft eingestuften Hinweises, dass Dingelstedt die Anfangszeile seines Gedichts in eine Fensterscheibe geritzt habe. So verbreitete die Schaumburger Zeitung noch 1881 eine Meldung, wonach „bis heute in einer Fensterscheibe des Todenmann, auf der Höhe zwischen Rinteln und Bückeburg, sein Name geschnitten“ stehe. Gemeint war die Gastwirtschaft Reese (heute Altes Zollhaus), von deren Gartenterrasse man einen weiten und beeindruckenden Blick hinunter ins Wesertal genießen kann. Auch andere Zeitzeugen, darunter ein Nachfahre der damaligen Wirtshausbetreiberin „Tante Reese“, schworen Stein und Bein, dass es die Scheibe noch bis Ende des 19. Jahrhunderts gegeben habe.

Wie dem auch sei – sowohl dem Textdichter Dingelstedt (1814-1881) als auch dem Komponisten Pressel (1827-1890) verhalf das Weserlied zu bleibendem Ruhm. Reich wurden sie mit ihrem Evergreen allerdings nicht. Immerhin machte Dingelstedt als Journalist und hoch geachteter Theaterintendant Karriere. Ganz anders sah die berufliche und finanzielle Situation von Pressel aus. Der Pfarrerssohn aus Tübingen, der zunächst Theologie und anschließend Musik studiert hatte, brachte es zwar als Lieder- und Opernkomponist zu Anerkennung und Erfolg – leben konnte er davon jedoch nicht. Unglücklicherweise hatte er die Rechte an seiner Weserlied-Komposition bereits früh an einen Verleger verkauft. Der machte damit, als das Stück populär wurde, das große Geschäft. Pressel starb 1890 einsam und frustriert in Berlin.

Großer Weserlied-Fan: Der ab 1861 als preußischer König, ab 1871 als Deutscher Kaiser amtierende Hohenzollernspross Wilhelm I.

Dichter Dingelstedt und Komponist Pressel auf einer „Weserlied-Postkarte“ aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Repros: gp



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt