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Kuckucksweibchen sucht bis zu 20 Nester auf / Küken entledigen sich Konkurrenz

Unbeliebte Überraschungseier

„Kuckuck“. Jeder kennt seinen Ruf, zu Gesicht bekommt man ihn eher selten. Mit dem anderen Ruf – seinem Ansehen – ist es nicht zum besten gestellt. Er sei hinterhältig, böse, betrügerisch - sagt man ihm nach. Dazu gibt es Redensarten wie „Scher dich zum Kuckuck.“ Selbst für das unbeliebte Pfandsiegel musste er seinen Namen hergeben. Für sein schlechtes Image hat der Kuckuck selbst gesorgt. Trotz allem haben die Deutschen eine besondere Affinität für ihren Kuckuck - und ehren ihn sogar mit Uhren

veröffentlicht am 29.05.2018 um 17:10 Uhr
aktualisiert am 29.05.2018 um 18:01 Uhr

Fast verschwindet der Kopf eines Teichrohrsängers beim Füttern im Schnabel des Kuckucks. Foto: : Karsten Gärtner
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Zierliche Singvögel hassen ihn wie die Pest. Er ist er ein Brutschmarotzer, wird selbst noch vor seinem eigenen Schlüpfen ins gemachte Nest gelegt, schafft seine Stiefgeschwister fast schon mörderisch aus dem Weg, nur um selbst überleben zu können. Doch der Kuckuck weckt auch Frühlingsgefühle. Die bekommt auch er – in Afrika. Wenn er in Balzstimmung gerät macht er sich auf den langen Weg in unsere Gefilde. Pünktlich wie die mittags aus einer Kuckucksuhr schallenden 12 Uhr-Rufe kommt er angeflogen – bei uns immer um den Tag der Arbeit herum. Sein Revier besetzt der taubengroße Vogel dort, wo jene Wirtsvögel leben, die ihn selbst großgezogen und geprägt haben.

Morgens um drei Uhr fängt er an zu rufen. Ein Datingportal in freier Natur. Treffen sich Männchen und Weibchen, kommen sie schnell zur Sache. Und gehen danach wieder getrennte Wege. Es bleibt meist bei One-Night-Stands. Kuckucksbeziehungen überdauern kaum einen Tag. Vom Familienleben halten Kuckucke nichts.

Wenige Tage vor den Eiablagen wird aus der Kuckucksdame eine Detektivin. Versteckt beobachtet eine „Miss Marple im Federkleid“ ihre Wirtsvögel aufmerksam beim Nestbau. Das Weibchen hat sich deren Aussehen als Junges bestens eingeprägt. Oft sind Nester von Schilf- oder Teichrohrsänger ein beliebtes Ziel. Arten, die im Weserbergland wegen fehlender Schilfgürtel kaum Brüten. Hier an der Weser sind es oft die Nester von Heckenbraunellen, Bachstelzen oder Sumpfrohrsängern, auf die die Kuckucksfrau ein Auge wirft.

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Ein Küken drückt ein Ei über den Nestrand. Foto: Karsten Gärtner
  • Ein Küken drückt ein Ei über den Nestrand. Foto: Karsten Gärtner

Im passenden Moment – die ersten Eier sind bereits gelegt und es wird noch nicht gebrütet – bedient sie sich eines faulen Tricks. Sind beide Brutvögel ausgeflogen, wird schnell das eigene Ei ins gemachte Nest gelegt – und eines der von dem nichts ahnenden Adoptiveltern im Schnabel aus dem Nest geflogen. Ganz ohne Zeugen.

Die nächste Finte: Die Eier haben fast die identische Farbe und Sprenkelung wie die der Wirtseltern, die der Brutparasit betrügen will. Sie sind nur ein wenig größer und daher kaum zu unterscheiden. Das Aussehen von Kuckuckseiern entspricht stets dem Gelege der Vögel, die der Brutparasit „betrügen will“. Genetischen Studien zufolge sind die weiblichen Tiere auf eine bestimmte Wirtsvogelart geprägt und vererben die entsprechende Ei-Optik.

Gerade einmal jedes fünfte „faule“ Ei wird enttarnt. Einige Arten wie der Sumpfrohrsänger passen besser auf, entdecken bis zu 80 Prozent fremder Eier. Fliegt der Schwindel auf, kann es sein, dass das Vogelpaar sein Nest aufgibt und ein neues baut oder das Kuckucksei entsorgt.

Da das Ei bereits zwölf Stunden vor der Ablage fertig im Eileiter liegt, beginnt die Embryonalentwicklung bereits im Mutterleib. Ein Zeitvorsprung, den das etwa 12 Tage später geschlüpfte Kuckucksküken zu nutzen weiß: Der junge Kuckuck entledigt sich seiner Konkurrenz. Kaum aus dem Ei gekommen, wird aus dem drei Gramm leichten, nackten und noch blinden Winzling ein wahrer Kraftprotz.

Der Minivogel schiebt peu à peu ein nach dem anderen Ei aus dem Nest. Auch vor bereits geschlüpften Küken nimmt er keine Rücksicht - sie werden einfach aus dem Nest geschubst. Ein gemeines, aber angeborenes Verhalten: Die Beinchen gegrätscht, stemmt er das Gelege mit aller Kraft auf seinem eingedellten Rücken tragend die Nestwand hoch. Dabei nutzt das Küken die noch unbefiederten Flügel, damit die Eier nicht zur Seite rollen. Der Kraftakt erinnert an das Bild vom Erdkugel tragenden Atlas.

Bald bekommen die nichtahnenden Pflegeeltern den immerwährenden Hunger ihres Sprösslings zu spüren. Kaum auf der Welt zeigt er ihnen mit weit aufgerissenem Schnabel an, was er will: Massenweise lebendfrische Leckerbissen. Im Akkord landen Grillen, Käfer, Larven und Schnaken im weit aufgerissenen Schnabel. Es ist ein weiterer Kniff, mit der der Jungkuckuck seine Pflegeeltern zu Höchstleistungen beim Nahrungsliefern anspornt: Er legt sich einfach nur mächtig ins Zeug. Seine Bettelrufe hören sich an wie das Geschrei einer kompletten Nestbesatzung.

Das laute Gepiepe stimuliert die Fütterungsaktivität. Das ungewöhnliche Aussehen ihres Nachwuchses scheint die Eltern nicht zu stören. Gefüttert wird, was im Nest sitzt und den Schnabel aufreißt. „Höchstens beim Ei gibt es Reaktionen, dass es abgelehnt wird. Ist das Küken geschlüpft, gibt es keine Gegenstrategien mehr“, weiß Karsten Gärtner. Der Biologe hat die gewieften Vögel jahrzehntelang beobachtet und ihr Verhalten studiert.

Kein Wunder, dass mit einer fünffachen Rotkehlchenration in wenigen Tagen ein massiger Jungkuckuck gedeiht und seinen Wirtsvögeln rasch über den Kopf wächst. Nach sechs Tagen füllt er ein Nest vollständig aus. Etwa 11 Tage später verlässt er es, wird aber noch zwei weitere Wochen mit Futter versorgt. Dann verschwindet schon mal ein Zaunkönigkopf im riesigen Rachen des zehnmal schwereren Nestlings. Ende Juli, Anfang August, wenn die letzten jungen Kuckucke noch gefüttert werden, haben sich die leiblichen Eltern in Richtung Afrika verabschiedet.

Die Jungen folgen später, fliegen allein bis an den Äquator. Wann hat der Cuculus canorus, so sein wissenschaftlicher Name, Nestbau und Aufzucht aufgegeben? „Weiß der Kuckuck“, könnte man sagen. „Sicher hat er mal eigene Nester gebaut. Ich kann nicht sagen, wie lange die Evolution gedauert hat. Doch es hat sich gezeigt, dass der Vogel dadurch einen Vorteil hat“, meint Gärtner.

Ist er nun faul oder ist es für den Vogel bequemer nach einer langen Flugreise die Eier in gemachte Nester zu legen? Nicht ganz. Zumindest habe der weibliche Vogel Stress durchzustehen, so der Biologe. „So ein Kuckucksweibchen kann im Frühling bis zu 20 Eier legen, jeden zweiten eins. In den 40 Tagen ist sie stark beschäftigt und muss sich jedes geeignete Nest merken“, erklärt der Wissenschaftler.

Diese Nester gehen dem taubengroßen Vogel jetzt langsam aus. Denn viele seiner Wirtsvögel kommen früher nach Europa zurück und legen ihre Eier zunehmend zeitiger. Forscher vermuten, dass dies an der globalen Erwärmung liegt. Für den Kuckuck heißt das, dass er zwar pünktlich, aber für die Eiablage zu spät anreist.

Vielerorts ist er verschwunden, weil sein Lebensraum verloren geht – in Deutschland genauso wie im afrikanischen Winterquartier. Zusätzlich wirke sich der Einsatz von Pestiziden negativ auf den Bestand aus, wodurch dem Kuckuck als Insektenfresser zunehmend die Nahrung fehle, heißt es beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Angaben der Naturschützer nach sei der Bestand innerhalb von 10 Jahren in Deutschland gebietweise um bis zu 30 Prozent zurückgegangen.

Und noch eines: Es gibt tatsächlich auch Kuckucksnester. Die in Eurasien und Nordafrika vorkommende Art Cuculus canorus ist nur eine weltweit von 140 verbreiteten Kuckucksarten. Etwa 50 Verwandte tun es „unserem“ morgendlichen Rufer nach und sind Brutschmarotzer. Andere bauen Nester. So ziehen in Südamerika beheimatete Guirakuckucke ihre Jungvögel in einem Gemeinschaftsnest groß.



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