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Ergebnisse der Passantenzählung liegen vor, doch konkrete Zahlen werden nicht veröffentlicht

Umstrittene Untersuchung zur Fußgängerzone

Hameln (wul). Unweigerlich kommt der Gedanke an die Frage hoch: „Ja, wo laufen sie denn?“ Dabei ist das Thema viel ernster, wenngleich es genau darum geht: Wo laufen denn die Passanten in Hamelns Fußgängerzone – und wie viele sind es. „90 000 weniger“, lässt sich Ullrich Thiemann erst nach wiederholtem Drängen der Medien entlocken. Denn eigentlich wollte er gestern gar keine Zahlen preisgeben, erklärtermaßen aus Sorge, sie könnten falsch interpretiert werden.

veröffentlicht am 29.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 03.05.2010 um 10:32 Uhr

Die Osterstraße hat laut Zählung stark an Passanten verloren. Da
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Von Birte Wulff

Hameln. Unweigerlich kommt der Gedanke an die Frage hoch: „Ja, wo laufen sie denn?“ Dabei ist das Thema viel ernster, wenngleich es genau darum geht: Wo laufen denn die Passanten in Hamelns Fußgängerzone – und wie viele sind es. „90 000 weniger“, lässt sich Ullrich Thiemann erst nach wiederholtem Drängen der Medien entlocken. Denn eigentlich wollte er gestern gar keine Zahlen preisgeben, erklärtermaßen aus Sorge, sie könnten falsch interpretiert werden. Und tatsächlich gehen die Ansichten über Verwertbarkeit und Aussagekraft der vom Einzelhandelsverband Hannover-Hildesheim in Auftrag gegebenen und mit öffentlichen Mitteln geförderten Untersuchung weit auseinander. Und sogar Thiemann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, hadert selbst mit den Ergebnissen.

An jeweils acht Zähltagen vor und nach der Eröffnung der Stadt-Galerie im März 2008 haben Mitarbeiter des Eduard Pestel Instituts für Systemforschung an „wesentlichen Stellen in der Innenstadt und in den vier durchgängig geöffneten Parkhäusern“ der Stadtwerke die Passanten gezählt. Die Ergebnisse laut Bericht: Die Fußgängerfrequenz in der Innenstadt außerhalb der Stadt-Galerie hat insgesamt abgenommen. Der stärkste Einbruch ist in der Osterstraße zu verzeichnen (minus 20 Prozent), aber auch in der Bäckerstraße ist ein Rückgang festzustellen, Ritter- und Emmernstraße sind demnach am geringsten vom Rückgang betroffen. Außerdem – und damit sehen sich die Kritiker der Stadt-Galerie aus dem Einzelhandel bestätigt – könne die prognostizierte Ausweitung des Einzugsbereichs für die Innenstadt (Einkaufszentrum ausgenommen) nicht bestätigt werden. Die Vorhersagen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hinsichtlich der Veränderungen der Geschäftslagen dagegen seien „wie prognostiziert eingetreten und teilweise negativer ausgefallen als erwartet“. Das GfK-Gutachten aus dem Jahr 2003 war Grundlage der Stadt Hameln für ihre Entscheidung pro Einkaufszentrum und somit für 20 000 Quadratmeter mehr Verkaufsfläche mitten in der City.

Was die Untersuchungen entgegen aller Erwartung der Auftraggeber nicht zulassen: monokausale Zusammenhänge zwischen Eröffnung der Stadt-Galerie und veränderter Frequenz in der Fußgängerzone. Während des zweiten Erfassungszeitraums sind nämlich weitere Faktoren hinzugekommen wie die allgemeine Wirtschaftskrise, die zeitweise Sperrung des Michaelishofes sowie die Schließung von Hertie, Quelle, weswegen die 70 000 Euro teure Untersuchung letztlich nicht zum gewünschten Ziel geführt hat, wie Thiemann vermittelt. Das nämlich lautete: einen allgemein anerkannten Maßstab zu erhalten, der die Auswirkungen eines Einkaufscenters auf eine Stadt mit Zahlen untermauert in der Hoffnung, anderen Kommunen die Ergebnisse zur Verfügung stellen zu können. Immerhin seien 52 Einkaufscenter in Deutschland in der Planung. „Ich hätte gerne eine klare Aussage getroffen – das kann ich nicht“, so Thiemanns Fazit. Dennoch gibt er Devisen aus, unter anderem, dass eine Stadt sich als „Gesamt-Kunstwerk“ betrachten müsse, in dem Maßnahmen schon vor einer Eröffnung eines Centers zu ergreifen sind. Er, Holger Wellner vom Einzelhandelsverband Hameln-Pyrmont und Stadtmanager Stefan Schlichte sehen das Stadtmarketing, Händler und auch die Stadt in der Pflicht, noch mehr zu tun – an Letztere appelliert Wellner, das Stadtmarketing personell und finanziell zu stärken. Und auch Schlichte leitet aus den strittigen Zahlen immerhin ab, dass die Erkenntnis über den Ist-Zustand „Folgen haben muss“.

Kein gutes Haar an der Untersuchung lässt Stadtplaner und Fachabteilungsleiter Wolfgang Kaiser. Zwar sei die Zahl von 90 000 erschreckend, aber „ich kann mit diesen Zahlen nichts anfangen“. Man „hätte die Stadt-Galerie und Real mit einbeziehen müssen“, so Kaiser, und man habe jetzt nicht weniger, sondern „mehr Menschen in der Stadt“. Dass es zu Verschiebungen der Lagen kommen würde, habe auch GfK schon vorhergesagt. Er, so Kaisers Urteil, könnte nicht auf die Studie zurückgreifen, wenn andere Städte eine Empfehlung wünschen.

Dass die 70 000 Euro, von denen das niedersächsische Wirtschaftsministerium 60 Prozent zahlt, am Ziel vorbei investiert sind, will Thiemann nicht gänzlich als Misserfolg werten. „Es war ein berechtigter Versuch“, verteidigt er das Vorhaben.



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