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Hamelner Historiker regt Gedenktafeln an / Herausragend: Geschichte der Familie Spiegelberg

Umgang mit dem Friedhof „kein Ruhmesblatt“

Lauenstein (hen). Mit einer Tafel am ehemaligen Haus Spiegelberg an die Bedeutung der Familie und die dem Hannoverschen Landesmuseum gestiftete Kunstsammlung Georg Spiegelberg zu erinnern, hat der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom den Lauensteinern ans Herz gelegt. Der Ortsrat hat bereits in Aussicht gestellt, dieser Anregung nachzukommen – ebenso wie dem Appell, einen Hinweis am ehemaligen Friedhofsareal anzubringen.

veröffentlicht am 24.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 25.02.2010 um 14:00 Uhr

Die beiden Torpfosten vom ehemaligen Grundstück Blank.

Groß war die Betroffenheit der interessierten Einwohner in Lauenstein über die Ausführungen Gelderbloms, vor allem über seine Darstellungen, was mit dem jüdischen Friedhof geschehen ist. „Das jüdische Leben in Lauenstein kennt keine Beispiele für Antisemitismus, der sich gegen Menschen richtete und ist insofern glücklich verlaufen. Aber mangels Menschen richtete sich der Judenhass der Nationalsozialisten dann gegen den Friedhof. Und die sehr unsensible Art, wie die Gemeinde nach dem Kriege mit dem Friedhof umging – die Juden mussten ihn zurück-kaufen –, ist wahrlich kein Ruhmesblatt“, sagt Gelderblom.

Laut Zeitzeugen wurde der Friedhof durch örtliche SA und SS 1938 in der sogenannten Pogromnacht zerstört. Zunächst sei die Zerstörung angeblich gar nicht aufgefallen, unter den älteren Einwohnern habe dann eine gewisse Empörung geherrscht, sagt Gelderblom. Die Grabsteine wurden anschließend vollständig vom Gelände entfernt. Der Flecken, der das Grundstück nach Kriegsbeginn gekauft hatte, verpachtete das Land an einen Privatmann als Wiese. 1952 strengte die jüdische Seite ein Rückerstattungsverfahren an; ein Gericht lehnte ab, weil der Kaufpreis des Grundstücks unter der Grenze lag, von der an zurückerstattet wurde und missachtete damit den ideellen Wert, den ein Friedhof für Menschen jüdischen Glaubens hat. Als 1972 der Flecken Lauenstein das Gebiet um den Friedhof als Baugebiet ausweisen wollte, verzichtete der Landesverband der jüdischen Gemeinden auf den alten Zugangsweg, weil dieser den Bebauungsplänen im Wege stand. Vergeblich erbat der Landesverband die Schenkung des kleinen Grundstücks. Für 3850 DM, den halben Richtwert für Bauland, musste der Landesverband den Friedhof schließlich 1984 zurückkaufen.

Heute liegt das kleine Friedhofsgrundstück eingezwängt in der Wohnbebauung. Der zugesicherte Abstand der Häuser von 20 Metern ist teilweise nicht eingehalten worden. Der neu geschaffene Zugang erfolgt über eine enge, hässliche Betontreppe von der Straße „Am Knickbrink“ aus. Die alten Torpfeiler sind verschwunden. „Die Geschichte des Friedhofs gereicht Lauenstein nicht zur Ehre. Formaljuristisch hat sich die Gemeinde korrekt verhalten. Aber sie ignoriert die Zerstörung des Friedhofes durch Lauensteiner Bürger, den von NS-Behörden erzwungenen Verkauf zu einem sehr niedrigen Preis, die wiederholte Verweigerung der Rückgabe, die heutige durch die Bebauung verursachte ex-trem eingeengte Lage des Grundstücks und das Verschwinden der Torpfosten“, sagt Gelderblom, der die Suche nach den alten Grabsteinen und Torpfeilern sowie das Anbringen einer Gedenktafel sowie die Übernahme der Pflege eines Grundstücksteils dringend empfiehlt.

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Die Geschichte des Friedhofs gereicht der Gemeinde nicht zur Ehr
  • Die Geschichte des Friedhofs gereicht der Gemeinde nicht zur Ehre, sagt Gelderblom. Fotos: Gelderblom

Nahezu durch das gesamte 19. Jahrhundert lebten mit den beiden Familien Blank und Spiegelberg zwei jüdische Familien in Lauenstein. Die Zahl der Lauensteiner Juden war kleiner als die Zahl der Hemmendorfer und Salzhemmendorfer Juden. Besonders herausragend ist die Geschichte der Kaufmannsfamilie Spiegelberg. Über Jahrzehnte hatte sie Im Flecken Nr. 53 ein bedeutendes Geschäft. 1855 ging Alexander Spiegelberg nach Hannover und begründete dort das Bankhaus Spiegelberg, das eine glänzende Entwicklung nahm und für die industrielle Entwicklung Hannovers von großer Bedeutung war. Von Sohn Georg – in Lauenstein geboren und ebenfalls Bankier – stammt die „Stiftung Kommerzienrat Georg Spiegelberg“, die heute mit Bildern unter anderem von Max Slevogt und Max Liebermann einen sehr bedeutenden Teil der Sammlungen der Landesgalerie Hannover ausmacht. Im Zeitraum von 1909 bis 1914 schenkte Georg Spiegelberg zum Teil zusammen mit anderen Mitgliedern der Familie Spiegelberg (Hermann und Eduard) sowie anderen Stiftern dem damaligen Provinzial-Museum Hannover, dem Vorgänger des heutigen Landesmuseums, eine Reihe von Bildern.

1774 kaufte David Gerson die Bürgerstelle Damm Nr. 4 (heute Im Flecken Nr. 12). Über drei Generationen und den langen Zeitraum von 125 Jahren (bis 1899) blieb das Haus im Besitz der Familie Blank. 1816, im Alter von etwa 40 Jahren, wurde Sohn Moses David (Blank) Besitzer des väterlichen Hauses Damm Nr. 4. Solange war das Haus auf seine Mutter, die „Wittwe David Gerson“, eingetragen. „Die Übertragung auf einen der Söhne dauerte deswegen so lange, weil dieser erst einen Schutzbrief haben musste, und damit ließ sich die Behörde viel Zeit. Ohne Schutzbrief hatten auch erwachsene Söhne den Status eines Knechtes und durften strenggenommen nicht einmal heiraten. Viele wählten als Ausweg die Auswanderung, in der Regel nach Nordamerika“, berichtete Gelderblom.

Juden war damals der Besitz von Land untersagt, nur Gartengrundstücke wurden ihnen zugestanden. 1816 gelang es Moses David (Blank), ein Gartengrundstück an der „Tweeftje“, heute Vogelsang, zu erwerben. Von diesem Grundstück stammen zwei Steilpfeiler, die den Eingang zum Grundstück bildeten. Beide Pfeiler zeigen in ausgespartem Feld einen hängenden Zapfen; der linke trägt darüber die Jahreszahl 1816, der rechte die Inschrift „Moses“. Die Pfeiler wurden in den 1980er Jahren auf dem „Bohneschen“ Parkplatz an der Straße Im Flecken wieder aufgestellt.

Eine weitere Gedenkinformationstafel könnte neben diesen beiden Torpfeilern von Moses Blank stehen, die sich heute auf dem Bohneschen Parkplatz befinden und an das jüdische Leben in Lauenstein erinnern, regte Gelderblom an. Sie würde auch einen Hinweis auf die letzte jüdische Einwohnerin Lauensteins, die Putzmacherin Ida Blank, enthalten.

Sie war am 11. Juli 1918 nach Delmenhorst gezogen. Die letzte deutsche Adresse von Ida Blank war Hamburg, Benekestraße 6. Von dort – einem jüdischen Altersheim – wurde die 79-Jährige nach Recherchen Gelderbloms am 16. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt geschafft. Von dort wurde sie am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und noch am selben Tage ermordet.

Auch eine Synagoge hatte die kleine jüdische Gemeinde Lauenstein. Im Besitz von Moses Blank dürfte laut Gelderblom auch das kleine, 1814 erbaute, etwas zurückliegende Haus Vogelsang Nr. 5 gewesen sein. Dieses Haus wurde früher „Judentempel“ genannt. Ein kleiner Raum im ersten Stock soll die Bezeichnung „Saal“ getragen haben. Ein Stein habe als Altar gedient. Das Haus wurde im Herbst 1983 abgerissen.

Die jüdischen Einwohner hatten einen bedeutenden Anteil am Leben der Dörfer. Mit seiner mühevollen Detailrecherche und den Vorträgen vor Ort will Gelderblom erreichen, dass an die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert wird, beispielsweise mit Gedenktafeln.

Hemmendorf hat jüngst anlässlich des dortigen Vortrags von Gelderblom beschlossen, am örtlichen Friedhof eine Tafel anzubringen, der Flecken will eine Tafel am Rathaus. Ein weiterer Vortrag Gelderbloms findet am Freitag, 9. April, um 19 Uhr in Salzhemmendorf statt. „Hier waren die Ereignisse im Dritten Reich ähnlich schlimm wie in Hemmendorf“, sagt Gelderblom.

Haus Blank, heute Im Flecken Nr. 12, war über 125 Jahre im Besitz der Familie .

Doppelbildnis des Kommerzienrats Georg Spiegelberg und seiner Frau Caroline (Ernst Oppler; Bestandteil der Stiftung des Kommerzienrates Georg Spiegelberg, Landesgalerie des LandesmuseumsHannover).



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