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Um im Sterben nicht allein zu sein

Jörg ist gestorben!“ Der Anruf erreicht Marjanne Griffioen-Besselsem, ehrenamtliche Sterbebegleiterin des Hospizvereins, nachts im Auto. Vor einer Viertelstunde hat sie Jörg Sommer (Name von der Redaktion geändert) verlassen, um sich etwas auszuruhen. Jetzt fährt sie zurück, um der Anruferin beizustehen. Es ist einer der besonders dramatischen Fälle, zu dem sie da gerufen wurde. 50 Jahre alt ist Jörg Sommer geworden, von Beruf war er Rechtsanwalt, 22 Jahre lang mit seiner ersten Frau verheiratet, wegen einer deutlich jüngeren Frau ließ er sich scheiden.

veröffentlicht am 03.12.2009 um 09:54 Uhr
aktualisiert am 04.12.2009 um 12:57 Uhr

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Jörg ist gestorben!“ Der Anruf erreicht Marjanne Griffioen-Besselsem, ehrenamtliche Sterbebegleiterin des Hospizvereins, nachts im Auto. Vor einer Viertelstunde hat sie Jörg Sommer (Name von der Redaktion geändert) verlassen, um sich etwas auszuruhen. Jetzt fährt sie zurück, um der Anruferin beizustehen. Es ist einer der besonders dramatischen Fälle, zu dem sie da gerufen wurde. 50 Jahre alt ist Jörg Sommer geworden, von Beruf war er Rechtsanwalt, 22 Jahre lang mit seiner ersten Frau verheiratet, wegen einer deutlich jüngeren Frau ließ er sich scheiden. Das Glück schien perfekt, als eine Tochter zur Welt kam, doch das Schicksal wollte es am Ende anders.

Erste Anzeichen hatte er wohl ignoriert, aber ein Arztbesuch wegen anhaltender Kopfschmerzen brachte die Schreckensdiagnose: Hirntumor, voraussichtliche Lebensdauer noch etwa vier Wochen. Seine junge Frau verließ ihn daraufhin, sie konnte und wollte ihn wohl nicht pflegen. In seiner Verzweiflung wandte er sich an seine geschiedene Frau, die ihn zu sich holte und in dieser Aufgabe über sich hinauswuchs. Sogar Urlaub nahm sie dafür, um ihrem ehemaligen Mann ein Sterben in vertrauter Umgebung zu ermöglichen. Nach etwa einer Woche wandte sie sich an den Hospizverein um Hilfe, denn die Situation drohte ihr über den Kopf zu wachsen.

Dort wird zuerst geprüft, welche Begleiterin oder welcher Begleiter besonders geeignet erscheint, in diesem Fall Marjanne Griffioen-Besselsem. Aber was kann eine Hospizbegleiterin tun? Wie kann sie helfen? „Zuerst einmal habe ich beiden einfach nur zugehört“, sagt sie, „jeden habe ich seine Geschichte erzählen lassen. Bei Herrn Sommer kam die Enttäuschung über seine vermeintlich perfekte Familie zum Ausdruck, aber auch ein unendlich schlechtes Gewissen seiner ersten Frau gegenüber, mit dem er überhaupt nicht fertig wurde. Frau Sommer musste ihre Wut auf ihn loswerden und all die Konflikte, die nie aufgearbeitet worden waren. Es war ein Bad der Gefühle, das da auf mich einstürmte.“

„Wir nehmen Abschied“: Damit Bewohner von Altenheimen wissen, wer jüngst verstorben ist, stellen Mitglieder des Hospizvereins den Namen in der Nähe des Eingangs auf. Auch das ist Teil der Trauerarbeit.

Dazu sei der erschreckend schnelle körperliche Verfall des Kranken gekommen. Die Statur des einst großen und kräftigen Mannes verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in ein „menschliches Wrack“. In der ersten Zeit der Betreuung hatte er noch gegessen, Marjanne Griffioen-Besselsem hatte ihm sogar einmal eine Hühnersuppe gekocht, weil er die so gern aß. Aber in der letzten Woche verweigerte er die Nahrungsaufnahme komplett. Das sei bei Sterbenden oft der Fall und „völlig normal“, sagt Marjanne. „Menschen, die spüren, dass sie gehen müssen, brauchen irgendwann kein Essen mehr. Das muss man akzeptieren, auch wenn es schwerfällt.“

Nicht nur für Gespräche stand sie in dieser Zeit zur Verfügung. Damit Frau Sommer beruhigt schlafen konnte, hielt sie auch Nachtwache, kochte Kaffee, schmierte Brote. „Ich habe ihm etwas vorgelesen, wir haben Musik gehört und vor allem geredet, aber auch gemeinsam geschwiegen. Und es wurde auch gelacht“, erzählt sie. „Es ist durchaus nicht immer ernst in einem Sterbezimmer. Das ist auch gut so.“ In seinen letzten Lebenstagen fiel Jörg Sommer ins Koma. Natürlich ist auch dann die Hospizhelferin zur Stelle. „Es gibt nicht viel zu tun, einfach dort sein, die Hand halten, mal die Stirn abtupfen oder die Lippen befeuchten. Die eigentliche Pflege obliegt ja dem Pflegedienst und nicht dem Hospizhelfer, beide arbeiten auch hier Hand in Hand und informieren sich notfalls gegenseitig.“ Als Jörg Sommer starb, war sie gerade gegangen.

„Auch das geschieht recht häufig“, berichtet sie aus ihren Erfahrungen, „sehr oft stirbt ein Mensch, wenn er einen Moment allein ist. Vielleicht kann er dann einfach besser loslassen“. Bei Jörg Sommer blieb nicht mehr viel zu tun: Den Pflegedienst informieren und vor allem der Frau zur Seite stehen. Auch zur Beerdigung ging Marjanne später, schon, um für sich selbst einen Abschluss zu finden, aber auch um eine Trauerbegleitung oder ein Gespräch anzubieten. Denn auch anschließende Trauerbegleitung gehört zu dem weiten Feld, dass der Hospizverein abdeckt.

Jörg Sommer konnte außerdem von einer hervorragenden Schmerztherapie profitieren, die zumindest den körperlichen Teil des Sterbens erleichtern sollte. Hier arbeitet der Hospizverein mit Palliativmedizinern zusammen und kann auch in diesem Bereich fachkundige Beratung anbieten oder vermitteln.

Ein völlig anderer Fall zeigt, wie unterschiedlich eine Hospizbegleitung aussehen kann: Eleonore Meier (Name von der Redaktion geändert) war Seiltänzerin im Zirkus gewesen, eine sehr zart gebaute, 94 Jahre alte Dame, die im Kohlenpott geboren war, später in Berlin lebte. „Es machte Spaß, sie reden zu hören“, erinnert sich Marjanne, „sie berlinerte, vergaß aber nie, hinterher ihr ,woll‘ zu setzen.“ Frau Meier lebte inzwischen in einem Heim und hatte sich frühzeitig eine Begleitung durch eine Hospizhelferin gewünscht.

Auch das geschehe häufig, um einen engen persönlichen Kontakt entstehen zu lassen, erzählt Marjanne Griffioen-Besselsem. Anfangs hatte sie sie alle 14 Tage besucht, später etwas öfter. Sie war starke Raucherin, die alte Dame, erzählt die Hospizbegleiterin, „und hatte fast eine Männerstimme“. Eines Tages begrüßte sie Marjanne mit den Worten: „Ich werde heute Abend abgeholt.“ Liebevoll nahm Marjanne die alte Dame in den Arm und fragte, ob sie sich denn bis dahin noch etwas wünschen würde. „Ich würde so gern noch eine Zigarette rauchen“, war die Antwort. „Nun rauchte sie auch noch eine ganz besondere Sorte“, weiß die Hospizhelferin noch: Also machte sie sich auf den Weg, klapperte vier Tankstellen ab, um genau diese Zigaretten zu finden. Entspannt und glücklich saß Eleonore Meier später gemütlich mit einer Tasse Kaffee und ihren Zigaretten im Flur und rauchte. Anschließend badete sie, frisierte sich und legte sich mit ihrem schönsten Kleid ins Bett. Als Marjanne Griffioen-Besselsem von der Nachtwache später ins Heim zurückgerufen wurde, war Eleonore friedlich und sanft eingeschlafen.

Auf die Frage, was sie zu einem so ungewöhnlichen Ehrenamt veranlasst hat, erzählt Marjanne Griffioen-Besselsem: „Ich habe in einem Altenheim gearbeitet und erlebte dort oft, wie Menschen starben. Dabei hat mich immer besonders belastet, dass im Heim einfach keine Zeit für das Personal zur Verfügung steht, um auf diese Menschen einzugehen. Irgendwie habe ich mich immer schuldig gefühlt.“ Als sie dann aus Krankheitsgründen ihren Beruf aufgeben musste, entschied sie sich für einen Helferkurs beim Rintelner Hospizverein. Inzwischen absolviert sie zusätzlich eine Trauerbegleiter-Ausbildung.

Hospizverein Hameln: Internet www.hospiz-verein-hameln.de und telefonisch unter 05151/25908.

Hospizverein Bad Pyrmont: Internet www.hospizverein-badpyrmont.de und telefonisch unter 05281/ 987716.

Hospizverein Rinteln: Internet www.hospizverein-rinteln.de und telefonisch unter 0178/1657501 sowie 0178/1657502.

„Wir nehmen Abschied“: Damit Bewohner von Altenheimen wissen, wer jüngst verstorben ist, stellen Mitglieder des Hospizvereins den Namen in der Nähe des Eingangs auf. Auch das ist Teil der Trauerarbeit.



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