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Trucker stranden bei der Parkplatzsuche im Gewerbegebiet / Rastanlagen entlang der A 2 hoffnungslosüberfüllt

Um 17 Uhr beginnt der Kampf um einen Schlafplatz

Rehren (la). 17 Uhr Rastanlage Auetal: Die ersten Trucker rollen an, auf der Suche nach einem Platz zumÜbernachten. Hier rangiert ein Lastzug so dicht neben dem anderen, dass sich gerade noch die Fahrertür einigermaßen komfortabel öffnen lässt. Jeder Zentimeter zählt im Kampf um einen Schlafplatz. Ab 22 Uhr gibt es hier keine freie Stellfläche mehr, die Lastzüge drängen sich selbst vor der Tankstelle und in endloser Reihe am Rand der Ausfahrt. Auch das Rehrener Industriegebiet verwandelt sich Nacht für Nacht in einen Truckerparkplatz, teils legal, wie auf der Abstellfläche bei McDonald's und hinter dem Auetal-Grill, teils illegal, irgendwo am Straßenrand, da, wo gerade Platz ist.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 12:21 Uhr

Johann Wöll parkt seinen Truck lieber auf kostenpflichtigen Park

Dass Johann Wöll aus Weer in Österreich Montagnacht seinen Auflieger mit Ware für Afrika am Rande eines Firmengeländes abgestellt hat, ist dagegen Pech. Er hat eine Motorpanne, ein Ventil ist defekt, der Service schon da. Der schraubt hektisch unterm Führerhaus, während sich Wöll hinterm Steuer in aller Ruhe erst mal ein neues T-Shirt anzieht. Es sei jede Nacht derselbe Kampf, erzählt der Berufskraftfahrer aus dem Alpenland: Wer einen guten Stellplatz haben will, muss um 17 Uhr danach Ausschau halten - aber nicht alle können das: "Wenn du um 17 Uhr Schluss machst, aber nach deiner Tachoscheibe noch vier Stunden fahren könntest, hast du bald Ärger mit dem Chef, da kannstdu noch so ein guter Fahrer sein." So würden die meisten eben weiterfahren, in der Hoffnung, abseits der Autobahn übernachten zu können. Und damit fängt der Ärger an, auch im Rehrener Industriegebiet. Anwohner klagen über rangierende Lastzüge, morgens um fünf, über Müll und Fäkalien in den Grünanlagen. "Das sind nur schwarze Schafe", wiegeln Harald Wächter und Sven Nier ab. Die beiden kommen mit ihren Trucks aus dem Spreewald und haben sich auf den Rastplatz des Auetal-Grill gestellt. Dort gibt es Toiletten und seit jüngstem auch eine Dusche (gegen zwei Euro Gebühr). Dafür schließt der Grill aber um 22 Uhr und öffnet erst morgens zum 10 Uhr. Nicht ideal, deshalb trinken die Trucker ihren Frühstückskaffee bei McDonald's. Da ist rund um die Uhr geöffnet. In dem Fast-Food-Restaurant sind Trucker selbstverständlich willkommen, doch auch dort versucht man die Lastzug-Flut in den Griff zu bekommen. Wer über Nacht auf dem gut ausgeleuchteten und am Wochenende sogar bewachten Parkplatz stehen bleiben will, muss seit einigen Wochen eine Gebühr von fünf bis zehn Euro zahlen. Das werde, erzählt die Bedienung auch kontrolliert: "Wir klopfen dann schon mal ans Fahrerfenster und kassieren." "Seit wir eine Gebühr kassieren, hat sich die Situation für uns verbessert", erzählt Matthias Kerl von McDonal's. Vorher hätten die Trucker durch Verschmutzung und Zerstörung auf dem Parkplatz hohe Kosten verursacht und seien zum Großteil nicht einmal Kunden des Fast-Food-Restaurants gewesen, sondern hätten bei Aldi eingekauft und sich so selber versorgt. "Das ist jetzt wesentlich besser", stellt Kerl fest. Wie absurd die Situation für Fernfahrer nach der Ost-Öffnung geworden ist, fasst Johann Wöll in knappen Sätzen zusammen: "Es kommen immer mehr auf die Piste, aus Polen, Russland, Lettland und an der Autobahn werden Parkplätze geschlossen, weil sie angeblich zugemüllt werden, und das kostet Vater Staat zu viel Geld. Aber wir müssen unsere Ruhepausen einhalten, sonst riskieren wir ein Bußgeld oder hängen übermüdet am Steuer. Wenn es dann kracht, heißt es: typisch Trucker." Also wichen Fernfahrer bevorzugt auf Gewerbe- und Industriegebiete aus. Wöll: "Wir stören doch niemanden. Wer wohnt schon in einem Gewerbegebiet?" Aber auch hier würden Trucker systematisch vertrieben: In vielen Gewerbegebieten ständen nicht nur Schilder, sondern blockierten oft schon dicke Steine oder Pfähle jeden Parkstreifen. So spricht sich unter Truckern herum, wo man abseits der Piste noch gut stehen kann, wie eben in Rehren mit der zwangsläufigen Folge, dass immer mehr kommen und es auch rappelvoll wird. Harald Wächter, der Rehren öfter mal ansteuert, kann sich erinnern: "Vor der Wende war hier nichts los." Doch nicht jeder Truck, der das Industriegebiet in Rehren anläuft, will hier auch über Nacht bleiben. Andreas Hoffmann kommt aus Berlin und will nach Berlin zurück. Er wartet nur auf einen Kollegen, der den Auflieger übernehmen soll. Andere Trucker dösen am Straßenrand ihre Pflichtpausen ab. Für eine Stunde von der Autobahn abfahren - lohnt sich das? Ja, erzählen die Trucker, denn im Industriegebiet ist es wenigstens ruhig, viel ruhiger als auf den Autobahnrastplätzen. Außerdem kriegt man da, wie jetzt um 23.30 Uhr ohnehin keinen Stellplatz mehr. Bürgermeister Thomas Priemer sieht im Gewerbegebiet derzeit kein "Trucker-Problem" und keinen Handlungsbedarf. "Das Rehrener Gewerbegebiet ist nicht auf nennenswerten Lkw-Transport angewiesen. Daher müssen wir auch nicht besonders darauf eingehen. Verschmutzungen gibt es im Auetal nicht mehr, als in anderen Gewerbegebieten", so Priemer. Sollte das Gewerbegebiet aber erweitert werden, was der Bürgermeister zurzeit im Kopf trägt, aber noch nicht den politischen Gremien vorgestellt hat, müsse man weitersehen. "Wenn sich dort ein Logistikbetrieb niederlassen würde, müsste man andere Möglichkeiten für die Trucker mit ihren schweren Sattelzügen schaffen", so Priemer. Dann könnte man auch über den Vorschlag von Matthias Kerl von McDonald's nachdenken, mehr Parkplätze und Sanitäranlagen für Trucker zu schaffen. Polizeichef Gerhard Bogorinsky vom Kommissariat in Rinteln sieht das Parkproblem im Gewerbegebiet in Rehren durchaus. "Allerdings bleiben uns kaum Handlungsmöglichkeiten", sagt er. "Wenn ein Lkw-Fahrer im Halteverbot parkt, dann können wir den einen Falschparker dort zwar wegjagen, aber der nächste Lastwagen kommt dann sofort, wenn der illegale Parkplatz frei und der Streifenwagen um die Ecke gebogen ist." Bestraft würde nur der Einzelne. Eine größere Wirkung könne so nicht erzielt werden. "Und außerdem müssen die Lastwagenfahrer ja irgendwo ihre Ruhezeiten einlegen können."

"Open" wirbt der Auetal-Grill von 10 bis 22 Uhr und bietet den T
  • "Open" wirbt der Auetal-Grill von 10 bis 22 Uhr und bietet den Truckern neben Hausmannskost sogar eine Duschgelegenheit.
Harald Wächter (r.) und Sven Nier aus dem Spreewald haben ihre S
  • Harald Wächter (r.) und Sven Nier aus dem Spreewald haben ihre Sattelzüge auf dem Parkplatz des Auetal-Grills abgestellt.

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