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Diplom-Geograph Christoph Brenneisen erforscht Katastrophe von 1908 / Am Freitag berichtet "3sat"

Tunguska-Rätsel lockt Lauenauer nach Sibirien

Lauenau (nah). Merkwürdige Beobachtungen haben Menschen in Europa vor genau 100 Jahren gemacht: In den Tagen um den 23. Juni 1908 wurde es über Teilen Europas nicht dunkel und violettes Licht erstrahlte am Horizont. Wenig später, am 30. Juni, gab es in einem fast unbewohnten Landstrich Sibiriens eine gewaltige Explosion, deren Knall noch in rund tausend Kilometern Entfernung einen Lokführer der Transsibirischen Eisenbahn zum Nothalt veranlasste. Er glaubte, der Kessel sei geplatzt. Bis heute ist das Rätsel um diese Ereignisse ungelöst, obwohl sich Forscher immer wieder auf den Weg nach Russland machten. Der Lauenauer Diplom-Geograph Christoph Brenneisen ist einer von ihnen. Am kommenden Freitag, 27. Juni, wird ein Filmbericht über seine Arbeit ausgestrahlt.

veröffentlicht am 21.06.2008 um 00:00 Uhr

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Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Brenneisen mit der Thematik, nachdem er in einem Berliner Museum zum ersten Mal etwas von den merkwürdigen Begebenheiten in der Tunguska-Ebene erfahren hatte. Lange glaubten die Menschen, ein riesiger Komet oder ein Meteorit sei dort auf die Erde geprallt und habe auf einem Gebiet vonder Größe des Saarlands gewaltige Schäden hinterlassen. 60 Millionen Bäume waren zerborsten oder ragten nur noch mit ihrem kahlen Stamm in den Himmel, erklärt Brenneisen. Das Verblüffende sei die räumliche Ausdehnung dieser Schäden gewesen: Es habe mehrere "Zentren" gegeben, zu denen spiralförmige Verwüstungen führten, so der Lauenauer. Rund 100 Tote soll es gegeben haben. Ganze Rentierherden seien spurlos verschwunden. Als sicher gilt, dass sich Pflanzen und Tiere genetisch veränderten. Aber es gab bis auf einen größeren See keinen Krater. Bereits 1921 dokumentierte ein lettischer Forscher seine Beobachtungen in einem auch ins Deutscheübersetzten Buch. Später machten sich immer wieder internationale Experten auf den Weg. In Deutschland gab es zuletzt zwei Wissenschaftler, die sich mit dem Thema auseinandersetzten - und eben Brenneisen, der im Jahr 2000 zum ersten Mal an einer Expedition teilnahm und vor wenigen Wochen ein zweites Mal das Gebiet bereiste. Diesmal begleitete ihn ein Fernsehteam: Der Sender "3sat" berichtet am Freitag, 27. Juni, anlässlich des 100. Jahrestages der Explosion in einem 45-minütigen Beitrag ab 20.15 Uhr. Doch auch in diesem Film bleibt offen, wie die Katastrophe ausgelöst worden sein könnte: "Das wird wohl immer ein Rätsel sein", glaubt der Lauenauer und empfindet "eigentlich eine innere Freude, dass es keine eindeutige Antwort gibt". Anfangs habe er auch an die Kometen-Theorie geglaubt. Denn diese Stücke aus dem All bestehen aus Eis, das unweigerlich schmilzt und deshalb keine weiteren Spuren hinterlässt. Inzwischen deutet er die Ereignisse als Folge einer Methangasexplosion: Der Stoff könnte in diesem erdbebengefährdeten Gebiet ausgetreten und sich in riesigen Mengen hoch in der Luft mit der Kraft von 200 Hiroshima-Bomben entzündet haben. Das würde unter anderem die Lichterscheinungen erklären und auch die kahlen Stämme der Bäume: "Eine Druckwelle könnte die Äste abgerissen haben." Trotzdem will der 49-Jährige andere Ursachen nicht ausschließen. Bei der Entnahme von Bodenproben hat er einen merkwürdigen Gesteinsbrocken in 45 Zentimetern Tiefe geborgen, dessen Zusammensetzung ihm Rätsel aufgibt. Momentan lässt er den Fund von Experten weiter untersuchen: "Dann", schlussfolgert Brenneisen, "könnte die Kometen- oder Meteoriten-Theorie neue Bedeutung erlangen." Den Fernsehfilm am Freitag wird der Forscher übrigens nicht unmittelbar verfolgen können. Er reist in diesen Tagen zu einem Kongress nach Moskau. Dort steht erneut die Tunguska-Ebene im Mittelpunkt. Brenneisen geht davon aus, dassdie Beratungen in englischer Sprache zu führen sind: "Ich kann doch kein Wort Russisch", beklagt er sein größtes Manko, wenn er sich in das rund 7000 Kilometer von Lauenau entfernte ehemalige Katastrophengebiet begibt. Das Gelände nahe dem Polarkreis, das eine jährliche Vegetationszeit von nurrund 100 Tagen besitzt, ist auf der letzten Etappe lediglich per Hubschrauber zu erreichen. Ganz geheuer kommt Brenneisen die Gegend nicht vor: In der Nähe befinde sich ein Berg, an dem sich Kompassnadeln unablässig drehten und selbst GPS-Geräte nur eingeschränkt funktionierten.

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