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Weißrussische Professorin findet Freunde im Schaumburger Land / Bewegende Begegnung im Bad Eilser Gemeindehaus

Trotz Zwangsarbeit im KZ: Olga Nechaj reicht die Hand

Bad Eilsen (sig). Alle Lockerheit war aus den Gesichtern der Zuhörer im evangelischen Gemeindehaus gewichen, als die weißhaarige zierliche Frau aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk in einer Veranstaltung des Heimat- und Kulturvereins über ihre Erlebnisse während der deutschen Besetzung und über ihre Haft in einem Konzentrationslager bei Berlin berichtete. Spürbar machte sich tiefe Scham darüber breit, zu was Handlanger eines mörderischen deutschen Regimes fähig gewesen sind. Die systematische Vernichtung von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern - sie wird den Überlebenden bis zu ihrem letzten Tag in grauenvoller Erinnerung bleiben.

veröffentlicht am 11.01.2008 um 00:00 Uhr

Klaus Maiwald

Die heute 84-jährige Professorin Olga Nechaj, die noch immer in Minsk als Hochschuldozentin tätig ist, strahlt Wärme und Menschlichkeit aus. Ein Wunder angesichts des Schicksals, das sie hinter sich hat. Schon ihre Kindheit lässt sich in Worten kaum schildern. Der Vater verließ die Familie, die kleine Schwester starb früh. Olga Nechajs Weggefährten waren Kälte, Hunger und große Armut. Ihr Mutter war Analphabetin und verdiente nicht viel. Als die deutschen Truppen Weißrussland besetzt hatten, gab es laufend Erschießungen, wurden die jüdischen Bewohner in Arbeits- und Konzentrationslager gebracht. Die Unmenschlichkeit und Willkür der Besatzer führten immer wieder zu Aktionen von Widerstandskämpfern. Die Rache folgte ihr auf dem Fuße. Auch viele Unschuldige mussten daran glauben. Selbst wer nur Kleidung gegen etwas Brot eintauschen wollte, um den Hunger zu besiegen, wurde dafür bereits mit dem Tode bestraft. Olga Nechaj, damals schon eine junge Frau, landete im Gefängnis in Minsk. Im Krankenhaus nebenan starb in ihren Armen ihr erst eineinhalb Jahre alter Sohn. Im kalten Winter 1943 trieb man sie zum Bahnhof. Schließlich landete sie nach der Fahrt in einem Güterzug in einem Arbeitslager, das zum KZ Oranienburg gehörte. Tag für Tag zwölf bis dreizehn Stunden Schichtarbeit in irgendeinem Rüstungsbetrieb bei dünner Wassersuppe wurden zur Normalität. "Warum muss man so unsäglich leiden, wenn der Tod ohnehin vorherbestimmt ist?", fragte sich Olga Nechaj in jeder Zeit. Es war schon ein Wunder, diese Phase zuüberleben. Dann folgten die Bombenangriffe auf Berlin, fast alle zwei Stunden. Aber irgendwann kam auch der Tag der Befreiung, als alle brutalen Häscher mit ihren großen Hunden und auch die rücksichtlosen Aufseherinnen über Nacht verschwunden waren. "Nach dem Krieg mussten wir leider die Erfahrung machen, dass viele von uns für die Freiheit gekämpft hatten, aber der eigene Staat brauchte sie nicht", berichtete Olga Nechaj. Der Krieg hatte dazu beigetragen, dass viele der Überlebenden auch ihre Zukunft verloren. Das galt für junge Frau aus Minsk glücklicherweise nicht. Sie studierte, wurde zur Hochschullehrerin und übernahm verschiedene Führungsaufgaben, unter anderem bei einer Gemeinschaft ehemaliger weißrussischer KZ-Häftlinge. Klaus Maiwald hat durch Aktionen seiner Geschichtswerkstatt bei der Bückeburger Herderschule und mit ihm auch Friedrich Winkelhake im Rahmen seiner Tschernobylhilfe dafür gesorgt, dass aus dem Schaumburger Raum an die 10 000 Euro an Spenden zusammenkamen. Dieses Trio hat Zeichen gesetzt für eine bessere Welt, in der Kriege keinen Platz mehr haben sollten ...

Sie sind gute Freunde geworden: die weißrussische Profesorin Olg
  • Sie sind gute Freunde geworden: die weißrussische Profesorin Olga Nechaj und Friedrich Winkelhake, Eilser Sprecher der Tschernobyl-Arbeitsgemeinschaft. Fotos: sig

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