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Besuch beim "Ultimo"-Frühstück in der evangelisch-reformierten Gemeinde

Tröstlich, wenn man nicht der Einzige ist, der im Alltag zu kämpfen hat

Rinteln (cok). Wenn am Ende des Monats das Geld knapp wird, kommt eine Einladung zum schönen Frühstück gerade recht. Genau deshalb gibt es seit einem Jahr das "Ultimo"-Frühstück im Gemeinderaum der reformierten Jacobi-Kirche, mit frischen Brötchen, Kaffee und gekochtem Ei. Über 20 Gäste treffen dort regelmäßig ein, zum gemütlichen Essen und vor allem auch, um sich zu unterhalten.

veröffentlicht am 03.04.2007 um 00:00 Uhr

Pastor Heiko Buitkamp stellt ein Schild vor die Kirche, wenn wie

Da ist zum Beispiel der Rentner A., der fast immer mit seinem alten Freund auftauchte, aber bereits letztes Mal alleine kam und diesmal auch wieder ohne Begleitung erscheint. Der Freund ist krank, steht gar nicht mehr auf und will auch partout nicht zum Arzt gehen, wohl auch deshalb, weil er die Kosten fürchtet. Rentner A. kümmert sich um ihn, kocht das Essen und macht sich natürlich Sorgen. Die anderen am Tisch hören sich die Geschichte an und Pastor Heiko Buitkamp sagt: "Na, ich werde mal bei Deinem Freund vorbeigehen und sehen, was los ist." Das tut gut. Nicht immer geht es in den Gesprächen an den verschiedenen Tischen um Probleme. Es sind ganz normale Plaudereien, bei denen oft gelacht wird. Viele kennen sich schon, Neulinge werden von den freiwilligen Helfern begrüßt und bleiben nicht lange allein am Tisch. Trotzdem befinden sich die meisten "Ultimo"-Frühstücksgäste in eher schwierigen Lebenslagen. Sie sind Rentner mit kleiner Rente, Arbeitslose mit Hartz IV-Bezügen, die kaum Hoffnung auf Wiedereinstellung haben, alleinerziehende Mütter oder manchmal auch einfach ein bisschen sehr einsam. Mutter B. hat heute wieder ihren achtjährigen Sohn mitgebracht. Beide sehen etwas blass aus, und das ist kein Wunder. Im letzten Jahr ist Frau B's anderer Sohn, der lange schwer krank war, gestorben. Das hat nicht nur die kleine Familie in tiefe Trauer gestürzt, sondern jede Menge anderer Probleme mit sich gebracht. Das Pflegegeld wurde sofort gestrichen, Wohnung war plötzlich zu groß, tausend Anträge mussten gestellt werden und wurden nur schleppend bearbeitet. Zum "Ultimo"-Frühstück zu kommen, bedeutet da nicht nur eine kleine Erleichterung für das Familienbudget, sondern auch, sich mit den anderen auszutauschen, Zuspruch zu bekommen, und auch selbst den einen oder anderen Ratschlag geben zu können. Immer ist es fast tröstlich, wenn man nicht der Einzige ist, der im Alltag zu kämpfen hat, mit Dingen, von denen so viele Menschen keine Ahnung haben oder die sie gar nicht wissen wollen. Herr C. saß zuerst ganz alleine da, er ist ein Neuling in der "Ultimo"-Runde. Bald aber bekommt er Nachbarschaft und kann, vorsichtig und zurückhaltend, erzählen, dass er gerade erst seinen Beruf verloren hat wegen einer allergischen Erkrankung. Noch erhält er Arbeitslosengeld I, noch hat er etwas Hoffung, dass es eine Lösung für die Zukunft geben könnte. Aber im Grunde weiß er, dass er bald vom Hartz IV-Geld wird leben müssen und mit seinen fast 50 Jahren wohl keine neue Arbeit findet. "Wer zu unserem Frühstück kommt, hat es meistens nicht leicht", meint Pastor Buitkamp. "Viele in vergleichbaren Situationen ziehen sich zurück und verlieren immer mehr ihrer sozialen Kontakte. Deshalb bin ich froh, je mehr Leute hier herkommen. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie nicht aufgeben." Immer am letzten Mittwoch im Monat zwischen 9 und 11 Uhröffnet das Gemeindehaus am Kollegienplatz die Tür fürs "Ultimo"-Frühstück, das nächste Mal am 25. April.

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