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Tracht als Kulturgut: Rote Röcke werden rar

Die Schaumburger Tracht ist aus dem Alltag fast verschwunden. Bis vor wenigen Jahren leuchteten die roten Röcke in den Dörfern und auf dem Markt, in den Vorgärten und beim sonntäglichen Kirchgang. Heute leben nur noch wenige Frauen, die diese Tradition privat bewahren. Dafür gibt es jedoch etliche Trachtenvereine, die außer dem Volkstanz die Originaltextilien pflegen oder detailgetreue Nachbildungen anfertigen. Für Monate gewinnt zumindest eine Variante der Schaumburger Traditionskleidung bundesweite Aufmerksamkeit. Die „Oesterten-Tracht“ ist zur „Tracht des Jahres“ erklärt worden.

veröffentlicht am 18.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 19.04.2010 um 15:06 Uhr

Die roten Röcke werden rar: Früher gehörte die Schaumburger Trac

Von Bernd Althammer

Was Bäumen, Blumen, Vögeln und sogar Insekten widerfährt, ist inzwischen sogar bei den Bewahrern regionaler Folklore gang und gäbe: Seit 2006 verleiht der Bundesverband einer Region das Prädikat „Tracht des Jahres“. Nach Hohenlohe in Württemberg und Ruhla in Thüringen, Miesbach in Bayern und Schwalm in Hessen fiel die Wahl für 2010 auf die Oesterten-Tracht. Die Freude war groß in den neun Vereinen, in denen das Brauchtum noch gepflegt wird. „Das schließt uns bestimmt enger zusammen“, glaubt Renate Böhme, die in der Apelerner Tanz- und Trachtengemeinschaft für die Handarbeiten an den alten Originalen zuständig ist. Und auch Vorsitzende Dagmar Eynck rechnet fest mit mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Andererseits war es offenbar höchste Zeit, dass die rar gewordenen roten Röcke in den Jahresmittelpunkt gestellt werden. Denn nur „eine lebende Tracht“ könne ein solches Prädikat erhalten, weiß Eynck. Und das sei in Schaumburg gerade noch gegeben – mit den wenigen weitgehend hochbetagten Trägerinnen und dem Engagement der dortigen Gruppen und Vereine, die sich regelmäßig in der Öffentlichkeit präsentieren.

Dem stellvertretenden Vorsitzenden des Niedersächsischen Trachtenverbandes, Heinz Müller, der selbst den weißen Kittel und die Fellmütze der Oesterten-Tracht trägt, wäre es allerdings lieber gewesen, alle drei Schaumburger Trachtenlinien hätten gemeinsam die Auszeichnung erhalten. Doch die Jury sah zu große Unterschiede zwischen der Oesterten („Lindhorster“), der Westerten („Bückeburger“) und der Friller Tracht. Deshalb entschied sie sich nur für den „Oesterten“-Bereich mit den fünf Kirchspielen der hannoverschen Landeskirche Apelern, Bad Nenndorf, Beckedorf, Hohnhorst und Rodenberg und in den vier Kirchspielen der schaumburg-lippischen Landeskirche Lauenhagen, Lindhorst, Probsthagen und Heuerßen östlich Stadthagens.

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Für den Laien sind die Nuancen der Kleidung in den drei Bereichen ohnehin kaum erkennbar. Nur die Kopfbedeckung der Frauen gilt als deutliches Merkmal: Denn anstelle der eher bescheidenen Mütze, die als einzige Zierde nur durch zwei lange Bänder ergänzt wird, ist die Bückeburger Kappe aufwendig gearbeitet mit großen Flügelschleifen und einem mit Perlen und Pailletten bestickten „Plitt“ über der Stirn. Die Frauen mussten ihr langes Haar zu einem Knoten auf dem vorderen Kopf formen, um den Schmuck besser zu stützen. Die Mütze der Friller Tracht besteht hingegen aus zwei hörnerartigen Spitzen, um das ein schmales Samtband geschlungen wird. Bis ins 19. Jahrhundert soll die Schaumburger Tracht unabhängig von den politischen Grenzen weitgehend einheitlich gewesen sein. Erst danach hat sich die Kleidung in den drei Gebieten weiterentwickelt. Die allmählich immer größer gewordenen Flügel auf den Frauenköpfen im Westerten-Gebiet gelten zum Beispiel ebenso als Hinweis auf wachsenden Wohlstand wie filigrane Stickereien oder immer größere Schmuckteile.

Während die Frauen im Alltag an rotem Rock, Leinenschürze, Bluse (Kaputt) und Weste (Bosdauk) festhielten und zum Kirchgang und bei Familienfeiern ihre Festtagskleidung anlegten, zogen die Männer wohl schon vor dem Ersten Weltkrieg ihre Kittel und Westen allenfalls zu besonders hohen Anlässen an. Überhaupt nahm sich seit jeher das Gewand der Herren äußerst bescheiden aus: Die wahre Pracht und auch den Reichtum der Familie trug die Frau zur Schau. Dass es auch innerhalb der drei Trachtengebiete bei Schnitten, Stickereien und Perlenschmuck zu Abweichungen kam, lag am Einfluss der Dorfnäherinnen. Sie bestimmten in gewisser Hinsicht die Mode der Zeit. Manche dieser „Nahschen“, Mützenmacherinnen und Knopfmacherinnen sind von Hof zu Hof gereist und boten ihre Dienste an. Abweichungen gab es auch zwischen den Kirchspielen.

Überhaupt stand die Tracht in engem Bezug zu christlichen Ereignissen. Konfirmation und Hochzeit, der Gang zum Abendmahl und schließlich die Zeit der Trauer spiegeln sich in der Festtagskleidung wider. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes war immer Anlass, die jeweils neuesten Accessoires anzulegen: das Zierband an Rocksaum oder Bosdauk, die bestickte Schürze, die perlenbesetzten „Hanschen“ (Handschuhe), der verzierte „Schlips“ (Halstuch). Von Kleidern sprachen die Frauen nicht; sie trugen ihren „Anzug“, der aus bis zu 20 Teilen bestand. Bis zu 15 Anzüge hingen im Schrank: Röcke in verschiedenen Stoffen für Sommer oder Winter, in unterschiedlichen Rottönen und mit bis zu 18 Besatzbändern am Saum, kombiniert aus drei Arten und sechs Farben. Hinzu kam der Schmuck: eine fast tellergroße Brustspange, eine Kette mit großen Bernsteinen, Ring und Ohrringe.

In ihrem Buch „Rote Röcke“ beschreiben die Autorinnen Friederike Kästing und Sophie Mensching die Abendmahlstracht als „höchsten Ausdruck der Verknüpfung von christlichem Leben und weltlichem Glauben“: Die Frau trägt die Kleidung ihr Leben lang bei hohen kirchlichen Festtagen und familiären Ereignissen bis hin zur letzten Ruhe im Sarg. Die hellen Farben wechselten in Zeiten der Trauer: Der rote Rock wich dem schwarzen; das leuchtende Muster den dunkleren Emblemen. Zudem ließ sich an der Tracht Reichtum ebenso ablesen wie der Familienstand.

Die ganze textile Pracht aber zeigte sich am Tag der Hochzeit: Die Abendmahlstracht wird noch ergänzt durch aufwendig gearbeitete weitere Teile. Die buchstäbliche Krönung aber ist der prachtvolle Kranz mit goldfarbenen Tressen: Je höher und je verzierter, als desto reicher galt die Familie. Es gibt aber auch Kirchspiele, in denen im Pfarrhaus oder bei der „Nahschen“ die Krone aufbewahrt und bei Anlässen verliehen wurde. Interessantes Detail am Rande: Aufgenähte kleine Spiegel sollen der Abwehr des Bösen dienen.

Auch wenn die Trachten aus dem Schaumburger Alltag weitgehend verschwunden sind, ist es den Vereinen zu verdanken, dass sich Utensilien und Wissen erhalten haben. Die neun Vereine, die die Oesterten-Tracht bewahren, zeigen diese regelmäßig in der Öffentlichkeit. Manche, etwa die Apelerner Folkloristen, drehen sich in der Festtagstracht zum Tanz; andere ziehen zum Beispiel bei dörflichen Erntefesten die einst alltägliche Arbeitskleidung an. Gruppen wie die „Aalaester Maikens“ haben sich einer fast noch intensiveren Brauchtumspflege verschrieben. Sophie Mensching nutzt mit ihren Vereinskameradinnen die Gelegenheit, Bestandteile der Traditionsanzüge vorzuführen und deren Namen und Bedeutung zu erläutern. Dabei verschweigt sie nicht, dass die Oesterten-Tracht zu einiger Berühmtheit gelangte: 1935 wurde die Probsthägerin Anna-Sophie Brands auf einer Briefmarke abgebildet. Und der wohl bekanntesten hannoverschen Marktfrau ist sogar ein Denkmal gesetzt worden. Das war die Lindhorsterin Karoline Duhnsen, die 40 Jahre lang mit dem Zug nach Hannover fuhr, die Kiepe vollgepackt mit Fleisch und Wurst aus dem Schaumburger Land für die Kunden in der großen Stadt.

Was früher zum Alltagsbild im Schaumburger Land gehörte, wird heute nur noch bei speziellen Anlässen getragen: Die roten Röcke der Schaumburger Tracht stehen für ein Stück Regionalgeschichte. Und rücken nun sogar bundesweit in den Blickpunkt: Am Wochenende wurde die Oesterten-Tracht beim Trachten- tag in Bad Nenndorf zur „Tracht des Jahres 2010“ erklärt.

In festlicher Kleidung zur Kirche: die Abendmahlstracht.

Expertin für Trachtentextilien: Renate Böhme mit einem Brusttuch.

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