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Kriegerdenkmäler zum Ersten Weltkrieg in Hameln-Pyrmont

Totengedenken und Heldenkult

Ein Kriegerdenkmal kann grundsätzlich zwei verschiedenen Zielen dienen: Es will die Angehörigen trösten, indem es um die Toten trauert und dem Tod ihres Kindes, Gatten oder Vaters einen Sinn verleiht. Oder es will die Verstorbenen als Helden ehren, die Überlebenden auf das Vorbild der Opfer verpflichten und den Staat und seine Ideale repräsentieren. Wir haben uns in der Region umgeschaut, was es hier für Kriegerdenkmäler gibt.

Von Bernhard Gelderblom

veröffentlicht am 15.08.2014 um 14:10 Uhr

Kriegerdenkmale, die nicht nur an Herrscher oder Feldherren erinnern, sondern auch an einfache Soldaten, entstanden erst seit der Französischen Revolution 1789. Damals wurde die Kriegsführung durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht massiv verändert. Erstmals war die breite Masse der Bevölkerung vom Krieg betroffen. Diese Änderung spiegelt sich in der Erwähnung der Namen einfacher Soldaten auf Gedenktafeln und Denkmälern wider.
Eine sehr große Zahl von Kriegerdenkmälern wurde in Deutschland erstmals im Anschluss an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 errichtet. Das für Hameln geschaffene Denkmal vertritt einen sehr stark verbreiteten Typus: Der Obelisk als Siegeszeichen ist gekrönt vom Adler mit ausgebreiteten Schwingen. In Hameln wurde das Denkmal vom lokalen Kriegerverein gestiftet, vor dem „Invalidenhaus“ am Weserufer aufgestellt und am 2. September 1872 eingeweiht. 1971 fand das Denkmal versteckt auf dem Garnisonfriedhof seinen Platz. Nach der 1968 geschlossenen Städtepartnerschaft mit der französischen Stadt Saint Maur hatte Hameln den Invalidenplatz in Saint-Maur-Platz umbenannt und meinte offenkundig, den Franzosen ein solches Denkmal an diesem Ort nicht zumuten zu können.
Durch die unerhört große Zahl an Opfern, die der Erste Weltkrieg gefordert hatte, stand in den seit 1919 geschaffenen Ehrenmälern das Totengedenken im Mittelpunkt. Stifter waren vielerorts die Gemeinden oder die Kirchengemeinden. Da nicht nur der Krieg verloren, sondern auch das Kaiserreich untergegangen war, weisen die Denkmäler selten nationale Symbole auf, zeigen vielmehr Eisernes Kreuz, Schwert und Stahlhelm sowie christliche Symbolik. Häufig werden sterbende und trauernde Krieger abgebildet.
In den 1920er Jahren setzte ein Trend zur Heroisierung ein. Nach 1933 stand mit der Einführung des Heldengedenktages die „Wachhaltung heldischen Geistes“ im Zentrum. An drei Denkmälern in Hameln, Bad Pyrmont und Hessisch Oldendorf lassen sich der Entstehungsprozess und die Tendenz zur Heroisierung gut ablesen.
Nach Kriegsende wollten in Hameln zwei gesellschaftliche Gruppen ein Denkmal realisieren: die Stadt und der „Verein der ehemaligen 164er“. Beide versuchten, ihre Deutung des Krieges durchzusetzen, den einen ging es um die Trauer um die Toten und die Mahnung zum Frieden, den anderen um die Ehrung der Gefallenen des Regiments und das Opfer, das sie für Deutschland gebracht hatten. Der Hamelner Magistrat schrieb um 1924 einen Wettbewerb aus und setzte mit dem Erfurter Hans Walther (1888-1961) einen Künstler einstimmig auf den ersten Platz, den die traumatischen Erfahrungen als Soldat im Weltkrieg in seinem Weltbild und seiner Kunstauffassung nachhaltig geprägt hatten. Aus einer Gruppe eng verschlungener nackter Leiber – unten ein tot hingesunkener Soldat, auf seiner Rückseite eine Mutter mit einem Knaben – wachsen in einer Aufwärtsbewegung weitere Leiber empor. In Bronze ausgeführt, sollte das Denkmal über acht Meter hoch werden. Als Standort war die Einmündung der Ritterstraße in den Pferdemarkt vorgesehen, sodass das Denkmal auch von der Bäckerstraße aus gesehen werden konnte. Die zweite Initiative ging vom „Verein der ehemaligen 164er“ aus. Das Hamelner Regiment hatte viereinhalb Jahre an der Westfront gekämpft und 2470 Gefallene (nach eigener Aussage über 3000) zu beklagen. Angeblich wegen der hohen Kosten, die der Bronzeguss verursachen sollte, verzichtete die Stadt auf die Realisierung ihres Denkmals. Möglicherweise ging die politische Unterstützung für das Denkmal verloren, als die SPD 1924 die Gemeinderatswahlen verlor. Stattdessen förderte die Stadt nun die Initiative für das Regimentsdenkmal, indem sie den Initiatoren einen Platz in der Nähe der Kasernen kostenlos zur Verfügung stellte, in einem Dreieck, den der alte Festungsgraben bildete. In der Konsequenz bedeutete dieser Verzicht, dass es in Hameln eine Erinnerung an jene Gefallenen, die nicht im 164er Regiment, sondern in anderen Truppenteilen gedient hatten, nicht geben sollte.
Schöpfer des Denkmals war der Architekt Oskar Schmidt aus Hannover. Er gestaltete die Anlage im Stil der neuen Sachlichkeit, wie er für das Bauen in der Weimarer Zeit typisch war. Um eine zentrale Stele ordnete er im Halbkreis 13 kleinere Stelen an. Sie stehen für die 13 Kompanien des Regiments und tragen, links 1914 beginnend, die Namen von Einsatzorten an der Westfront. Sie verzeichnen auch die Namen der Spender, von denen viele aus Orten außerhalb Hamelns stammten. Die Hauptstele trägt die Inschrift: „1914 - 1918 Gedenket der Gefallenen vom 4. Hann. Inf. Regiment 164.“ Rechts und links der ersten Zeile waren stilisierte Helmadler aus Bronze angebracht, die verloren gegangen sind. Das farbige Mosaik, das sich über der Inschrift befindet, zeigt die Gestalt des nordischen Sigurd, der vor einem von Blitzen durchzuckten Hintergrund das zerbrochene Schwert seines Vaters Siegmund neu schmiedet, um dessen Tod zu rächen. Es drückt Kampfbereitschaft und den Willen zur Revanche aus.
Die Darstellung steht in krassem Widerspruch zur Realität des massenhaften Todes im Schützengraben und dem unsäglichen Leid der vielen Verwundeten. Das damalige Deutschland konnte die Niederlage gegen den „Erbfeind“ Frankreich nicht verwinden. Nur wenige Jahre später – 1940 – überfiel Hitlerdeutschland den Nachbarn erneut.
Der Denkmalweihe am 24. August 1925 widmete die Dewezet eine umfangreiche Darstellung. Der ehemalige Divisionspfarrer Philippi predigte vom „niedergebrochenen, zerrissenen Deutschland“. Der Tod der vielen dürfe nicht umsonst sein. Vom Denkmal als dem „Ehrenmal deutscher Treue“ sagte er: „Sei ein Opferstein, jetzt und den künftigen Geschlechtern, zur Auferstehung von Volk und Vaterland.“ Hauptmann Behr vom Denkmalausschuss forderte, den Boden Deutschlands freizumachen von der feindlichen Besatzung. Die Einweihung fiel in die Zeit der Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Der Vorbeimarsch der Hamelner vaterländischen Vereine, darunter Stahlhelm, Jungdeutscher Orden, Frauenbund der deutschen Kolonialgesellschaft, dauerte 20 Minuten. 1944 sollte an dieser Stelle zusätzlich ein Ehrenmal für die Gefallenen des gegenwärtigen Krieges errichtet werden. Kurz vor Kriegsende wurden die fertigen Entwürfe nicht mehr verwirklicht. In den 1990er Jahren war das Denkmal sehr vernachlässigt und hinter wuchernden Büschen verschwunden. Nachdem die Stadt den Bewuchs zurückgeschnitten hatte und das Denkmal wieder vom 164er Ring aus sichtbar war, stiftete ein Privatmann 2001 als Ersatz für die lückenhafte Beschriftung eine Bronze-Tafel, die freilich in ihrer Massivität die Ästhetik des Denkmals verletzt. Eine am 5. Oktober 2011 eingeweihte Tafel des Volksbundes für Deutsche Kriegsgräberfürsorge erläutert das Denkmal aus der Zeit seiner Entstehung und mahnt zum Frieden.
In Bad Pyrmont wurde 1934 ein Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal ausgeschrieben, das gegenüber dem Eingang zum Schloss errichtet werden sollte. Aus 38 Entwürfen wurde der Vorschlag des renommierten hannoverschen Bildhauers August Waterbeck ausgewählt. Vier Soldaten stehen in monumentaler Ausführung auf einem hohen Sockel und schauen wachsam in die Weite. In einer zeitgenössischen Beschreibung heißt es: „Vier Soldaten versinnlichen das opferbereite Deutschland. Nach Norden schaut der Landsturmmann; nach Osten gewandt ist der Landwehrmann; nach Westen der aktive Soldat; nach Süden, das Gesicht zur Sonne gerichtet, blickt (fast betend) der Freiwillige!“ Obwohl auf den Seiten des Sockels die Namen der Gefallenen aus Holzhausen, Bad Pyrmont und Oesdorf eingemeißelt sind, erinnert hier nichts an Tod und Sterben. „Die Bildsprache der vier Krieger steht für eine offensive Ausrichtung“, meinte Dr. Dieter Alfter. Als das Denkmal 1936 unter großer Beteiligung der NSDAP, vor allem der SA, durch den Stabschef der SA, Viktor Lutze, eingeweiht wurde, legte sich dieser die Frage vor: Warum vier Krieger, warum eine derartige Gruppierung, warum Altersunterschiede? „Es ist der Sinn der Symbolik des Ehrenmals, zu zeigen, dass Deutschlands Armeen zusammengesetzt aus allen Altersklassen vier Jahre lang unerschütterlich im Kampf erprobt ihre Pflicht gegen alle Gegner der Welt taten.“
Bevor Bad Pyrmont 1964 das Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg Gestorbenen erweiterte, beseitigte es die durch einen zweifachen Treppenaufgang geschaffene monumentale Überhöhung des Denkmals und holte es gleichsam auf den Boden. Sieben Kreuze, von denen jedes die Zahl eines Kriegsjahres trägt, erinnern an das Leid des neuerlichen Krieges. Da die Zahl der Toten so groß ist, dass sie am Mahnmal keinen Platz findet, wurden die Namen in ein „Ehrenbuch“ eingetragen. Aus dem gleichen Material Travertin gefertigt wie das Denkmal zum Ersten Weltkrieg, kommen die sieben Kreuze sehr schlicht, sehr leise daher, sodass sie kaum als Kritik am ursprünglichen Denkmal wahrgenommen werden.
Wie es zum Bau des Kriegerdenkmals in Hessisch Oldendorf kam, hat Erik Hoffmann herausgearbeitet. Auf Initiative des örtlichen Kriegervereins konstituierte sich 1932 ein „Denkmalausschuss“ und stellte im Dezember den Antrag zum Bau. Die Kommission diskutierte zwei Entwürfe, einen vom Hamelner Steinmetz Joseph Waterbeck und einen des Architekten Almstedt. Mit 16 zu 14 Stimmen bei zwei Enthaltungen entschied sich der Ausschuss für Waterbeck. Der Landeskonservator, den man erst jetzt informierte, äußerte sich sehr skeptisch gegen das geplante monumentale Relief und schlug eine einfachere Ausführung mit einem Findling oder „eine trauernde Frauengestalt“ vor. Nachdem eine Beschwerde gegen die knappe Entscheidung den Regierungspräsidenten in Hannover erreicht hatte, forderte dieser vom Bürgermeister von Hessisch Oldendorf einen Bericht. Die Reaktion von Bürgermeister Dr. Blancke ist bemerkenswert. Er gehöre der Kommission nicht an, „da ich kein Freund von dieser Art Denkmälern bin“. „Während ich mich im Krankenhause befand, ließen sie sich von einem Herrn Waterbeck einen Denkmalsentwurf anfertigen, der zum Teil wohl durch seine fabelhafte Billigkeit bestach. Die Gelder, die der Kriegerverein gesammelt hatte, reichten aus, um das Denkmal fertigzustellen.“ Zu einer offenen Ablehnung des Entwurfs war der Bürgermeister aber nicht bereit. Der Mehrheitsbeschluss der Kommission müsse respektiert werden. Auch der Landeskonservator stellte seine Bedenken zurück – vielleicht unter dem Einfluss des Machtwechsels, der inzwischen stattgefunden und die Nationalsozialisten an die Regierung gebracht hatte. Das Ehrenmal steht – durch eine breite Treppe erschlossen – am Kopfende der Rosenstraße. Joseph Waterbeck, ein Bruder von August Waterbeck, wählte Sandstein für das Relief und blau-grauen Kalkstein für den Pfeiler. Davon versprach er sich „eine einheitliche monumentale Wirkung“. Das Relief zeigt einen auf sein Gewehr gestützten, in die Weite schauenden Soldaten mit Stahlhelm und langem Mantel, darunter die Jahreszahlen 1914-1918. Die seitlich eingelassenen Platten tragen die Namen von 86 Gefallenen. 1963 wurde das Denkmal durch zwei niedrige Seitenflügel erweitert. Der rechte Flügel ist „Den Gefallenen an den Fronten und den Opfern in der Heimat 1939-1945“ gewidmet, der linke dient „Zur bleibenden Mahnung an unsere deutsche Heimat im Osten“.
Es gibt nahezu kein Dorf im Landkreis, das nicht seiner Gefallenen des Ersten Weltkrieges gedenkt. Bisweilen haben sich Dörfer wie Hasperde und Flegessen zusammengetan, um gemeinsam ein Denkmal zu errichten. Die Denkmäler stehen an zentralen Orten, nicht selten vor der Kirche. Alle verzeichnen sie die Namen der Toten. Dabei war es selbstverständlich, wie in Kirchohsen mit Paul Weitzenkorn und in Aerzen mit Rudolf Herzberg, auch der jüdischen Soldaten zu gedenken.

3 Bilder
Vom Pazifismus der frühen Weimarer Jahre bis zum Heldenkult der Nazis.


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