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Erinnerung am Totensonntag auf dem Jetenburger Friedhof

"Todeszug" erinnert an unermessliches Leid

Bückeburg (jp). Mit einer feierlichen Gedenkstunde haben viele Bückeburger am Totensonntag des Vertriebenentransports im Winter 1946 gedacht. Gestaltet wurde die Feier in der Jetenburger Kirche von Landesbischof Jürgen Johannesdotter, vom katholischen Pfarrer Christoph Lindner sowie von Schülerinnen und Schülern der Herderschule Bückeburg. Zum 60. Mal jährt sich in diesem Jahr das Ereignis jenes Zugtransports von Breslau nach Hameln und nach Bückeburg, der vielen Menschen den Tod brachte und der als "Bückeburger Todeszug" oder auch "Bückeburger Geisterzug" in die Geschichte einging.

veröffentlicht am 28.11.2006 um 00:00 Uhr

Am 17. Dezember 1946 hatte sich der Zug vom Bahnhof Breslau in Bewegung Richtung Westen gesetzt. In denüber 20 Waggons befanden sich, auf engstem Raum zusammengepfercht und der entsetzlichen Kälte dieses Winters ausgesetzt, über 1 500 Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten, die gemäß des Potsdamer Abkommens von 1945 ihre Heimat verlassen mussten. Viele von ihnen waren Kinder und alte Menschen, waren krank, geschwächt und litten bereits bei Abfahrt des Zuges unter schweren Erfrierungen. Fünf Tage war der Zug bei weniger als Minus 20 Grad Kälte unterwegs. Zehn Waggons wurden in Hameln abgekoppelt, elf fuhren nach Bückeburg weiter. Dort bot sich den Helfern auf dem Bückeburger Bahnhof beim Öffnen der Waggons ein Bild des Grauens. Über 70 Menschen waren während der Fahrt erfroren oder starben wenig später, sie liegen heute auf dem Jetenburger Friedhof beerdigt. Schüler der Herderschule Bückeburg zitierten während der Gedenkfeier Augenzeugenberichte aus dem Buch "Zug 514", berichteten von eine Frau, die bei einer Fehlgeburt am eigenen Blut festfror, von einem Breslauer Arzt, der während der Fahrt seine eigene Frau verlor und von den Eindrücken der DRK-Helfer auf dem Bückeburger Bahnhof. Vor einigen Jahren haben Schüler der Herderschule die Geschichte des Todeszuges aufgearbeitet und pflegen seitdem die Gräber auf dem Jetenburger Friedhof. "Uns allen muss es ein Vermächtnis sein, diese Erinnerung wach zu halten und als Mahnung weiterzugeben", sagte Gerda Wöbking, die als Vertreterin der Bückeburger Schlesier die Teilnehmer der Gedenkfeier begrüßte. "Wir bringen diese schrecklichen Erinnerungen vor Gott, um ihn um Trost zu bitten", erklärte Landesbischof Johannesdotter. "Wir erinnern, um zu versöhnen und um den Frieden zu gewinnen. Gott möge unsere Herzen stark machen, damit darin kein Platz mehr für Hass und Krieg sei." Die Erinnerung an das Leid der Vertriebenen sei ebenso wichtig wie die an die Verbrechen der Deutschen im zweiten Weltkrieg, meinte Pfarrer Christoph Lindner, "nicht, um es gegeneinander aufzurechnen, sondern weil es zusammengehört." Nach dem Krieg hätten die Heimatvertriebenen Enormes zum Wiederaufbau Deutschlands geleistet. Es sei in ihrem Sinne, heute Brücken zur Versöhnung zu bauen. Die Gedenkfeier endete am Totensonntag mit Gebeten an den Gräbern der damals Gestorbenen auf dem Jetenburger Friedhof.

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