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Vortrag mit Historiker im Brückentorsaal: Geschichtsdarstellung mit Übereifer

Todeszug der Armenier: Trotz etlicher Zitate und Zahlen bleibt vieles unklar

Rinteln (ur). Ein Gespür für das richtige Thema hatte offenbar Dietrich von Blomberg vom CDU-Stadtverband Rinteln, als er eine Anregung von Murat Demirel aufgriff und eine Vortragsveranstaltung mit dem nicht ganz unumstrittenen türkischen Historiker Dr. Ali Söylemezoglu im Brückentorsaal zum Thema des mörderischenKonflikts von 1915 zwischen Türken und Armeniern im osmanischen Reich organisierte.

veröffentlicht am 03.07.2008 um 00:00 Uhr

Die Anwesenheit eines türkischen Fernsehteams belegt das große I

Immerhin 100 Zuschauer fanden sich trotz drückender Hitze im Brückentorsaal ein, vorwiegend türkische Mitbürger und, für manch deutschen Besucher wohl überraschend, rund 30 Prozent Frauen, die offensichtlich nicht als Anhängsel gekommen waren, sondern sich engagiert auf diesen Abend einließen. Wie derörtliche Unions-Vorsitzende Veit Rauch in seiner Begrüßung erklärte, greife man damit auch eine Anregung des niedersächsischen Landesvorsitzenden David McAllister auf, sich stärker den Problemen und Anliegen der hier dauerhaft lebenden Nichtdeutschen zu öffnen - schließlich ist die Art und Weise der innertürkischen Debatte um die Geschichte von 1915 auch zu einem Prüfstein für den EU-Beitritt der Türkei geworden, insbesondere nachdem sich der Bundestag mit großer Mehrheit dazu bekannt hat, dass es sich bei den damaligen Vorgängen tendenziell um Völkermord gehandelt habe. Unter den Besuchern konnte Rauch imÜbrigen auch Sevket Kismet willkommen heißen, den Vorsitzenden des Türkisch-Islamischen Kulturvereins Rinteln, sowie Dr. Ali Ihsan Ünlü vom staatlichen türkischen Religionsinstitut Ditib und den CDU-Kreisvorsitzenden Klaus-Dieter Drewes. Auch ein türkisches Fernsehteam war zur Berichterstattung erschienen und hatte vor Beginn des Abends ein Interview auch mit von Blomberg geführt. Mit seinem Buch "Die andere Seite der Medaille" widerspricht Dr. Söylemezoglu der von den meisten Historikern vertretenen Auffassung vom Völkermord an den Armeniern nachdrücklich. Er verweist dazu auf armenische, deutsche, britische und andere nichttürkische Quellen - und will damit belegen, dass er um eine objektive Würdigung bemüht ist. In der Tat ist es im Detail hoch interessant, was der Autor da an Meinungen und Positionen zitatweise zusammengetragen hat. Zugleich aber fällt auf, dass er diese oft sehr vagen Quellen in ihrer Aussagekraft nicht bewertet - und das gilt gerade für die deutschen Quellen: Warnungen aus dem Auswärtigen Amt und dem Generalkonsulat vor einem geschürten Hass gegen die christlichen Armenier spielen in seinem Vortrag keine Rolle (sind sie für ihn doch nur "die eine und bereits bekannte Seite der Medaille"). Private Briefe und biografische Zeugnisse irgendwelcher Krankenschwestern und Missionare aber werden in den Rang unbestreitbarer Dokumente erhoben - verbunden mit dem rhetorischen Hinweis, man könne diese Unterlagen in Archiven oder Büchereien "jederzeit einsehen". Mit diesem Trick kommt er dann sogar zu der Feststellung, dass das blutige Geschehen von 1915 Teil eines Geheimplans gewesen sei, der "von den Russen" initiiert worden sei, um die Vorherrschaft in den von den Armeniern beanspruchtenöstlichen Provinzen zu erlangen. ImÜbrigen habe es eben Verluste auf beiden Seiten gegeben ("unschuldige Opfer"), zugleich aber unterstellt er den Armeniern ("nicht allen, es gab auch loyale") Parteinahme im Interesse der verbündeten Mächte gegen das türkisch-osmanische Reich im Ersten Weltkrieg. Viele seien auch nicht durch die Deportation umgekommen, sondern durch eine "Spanische Grippe", die er als Variante der Vogelgrippe bezeichnete. Dazu kommen obskure Verweise auf Einschätzungen von Geheimdienstlern bis hin zu Lawrence von Arabien - ein Wust ungeordneter Spuren, die sich wissenschaftlicher Nachprüfung trotz der zahlreichen Quellenangaben verschließen. Einige Sätze später behauptet der Vortragende dann, es habe um 1920 mehr Armenier gegeben als vor dem Krieg, um auch damit "die Legende vom Völkermord" zu widerlegen. Allein mit dieser zwischen unterschiedlichen Argumentationsebenen hin- und herspringenden Methodik macht der Vortragende deutlich, dass er in der Historikerdebatte eine ausgesprochen insuläre, neben der internationalen Forschung stehende Position einnimmt. Trotz der kontroversen Darstellung blieb die kurze Diskussion aus dem Publikum nach dem anderthalbstündigen Rundumschlag des überengagierten Referenten betont sachlich und auch wer Kritik anmeldete, wurde damit nicht niedergemacht - das immerhin war ein Stück demokratischer Gesprächskultur, von der man für manche innerdeutsche Auseinandersetzung von den türkischen Mitbürgern lernen konnte.

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