weather-image
15°
×

„Timing“ entscheidet über Leben und Tod

Der in Afrika lebende Regenstorch trägt seinen Namen aufgrund der Ankunft vor der Regenzeit. Er wird deshalb von den Naturvölkern nicht bejagt, da er die Zeit des Regens ankündigt und mit seiner Ankunft die Dürrezeit beendet. Wenn wir Kraniche über das Weserbergland hinwegziehen sehen, dann wissen wir: Der Frühling naht. Zugvögel haben eine innere Uhr, sagt Dietmar Meier vom Naturschutzbund, Ortsgruppe Hessisch Oldendorf-Hameln. Aber auch Milchkühe sollten im Zwölfstundentakt gemolken werden, erklärt Kreislandwirt Karl-Johann Stukenbrock. Jedes Kind kennt den Spruch „Mit den Hühnern schlafen gehen“ – und Peter Jahn, Mitglied im Vorstand des Kreisverbandes der Rassegeflügelzüchter Hannover, bestätigt: „Geflügel orientiert sich am Sonnenauf- und -untergang.“ Und jedes Herrchen und Frauchen kann berichten, wie ihre Hunde und selbst Katzen an der Tür bereitstehen, weil jemand nach Hause kommt.

veröffentlicht am 20.04.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:36 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Aber woher wissen beispielsweise die Vögel, dass die Zeit gekommen ist, um in andere Gefilde oder gar ferne Länder zu ziehen, und was sind ihre Gründe hierfür? Im Wesentlichen beeinflussen laut Meier zwei Faktoren den Zugzeitpunkt. Der Experte unterscheidet zwischen inneren und äußeren Faktoren; bei den inneren Faktoren stellen die Vögel aus ihrem Inneren heraus eine physiologische Zugbereitschaft her, die teilweise in Abhängigkeit zur Jahreszeit steht. Hierzu gehört die „Zugstimmung“, die sich zum Beispiel durch eine gewisse Unruhe vor dem Wegzug äußert oder die auch in einer erhöhten Nahrungsaufnahme in Verbindung mit einer erhöhten Energiespeicherung zu suchen ist. Meier: „Bei den im Raum Hessisch Oldendorf überwinternden Singschwänen äußert sich diese Aufbruchstimmung beispielsweise darin, dass sie ein vermehrtes Flugverhalten zeigen. Sie fliegen in größeren Gruppen bereits in V-Formation wie beim Langstreckenflug bis zu den Kämmen der nördlichen Weserberge, wo sie sonst den ganzen Winter über nicht fliegen, und über die sie eines Tages um den 15. März Richtung Norden verschwinden werden, um im darauf folgenden Spätherbst etwa um den 15. Dezember ziemlich genau aus dieser Richtung erneut zurückzukehren.“

Die äußeren Faktoren stehen ebenfalls in Abhängigkeit mit der Jahreszeit und äußern sich zum Beispiel an der Tageslänge, den Temperaturen, der Helligkeit des Tageslichtes und insbesondere auch an dem Nahrungsangebot. Meier: „Beim Kranich wird die Zugbereitschaft vermutlich auch aufgrund einer elektro-magnetischen Impulsstrahlung hergestellt.“ Einzelheiten hierzu sind laut Meier noch wenig erforscht. Auffallend ist aber, dass sie aufgrund dieser Eigenschaft zum Beispiel beim Herbstzug oftmals auf warmen Luftströmungen in großer Höhe in den Süden ziehen, denen arktische Luftmassen in großer Höhe folgen, die anschließend in Bodennähe absinken. Ihrem Zug folgt ein Kälteeinbruch. Auffallend ist jedoch, dass die Kraniche oftmals gegenüber anderen Zugvögeln vor einem solchen Wetterereignis aufbrechen und nicht währenddessen. Auch im Frühjahr fliegen sie meist den warmen Winden voraus.

Das bestätigt auch eine Untersuchung des Naturschutzbundes (Nabu) in Hessisch Oldendorf aus dem Jahre 1996, wonach kurz nach einem Massenzug von rund 2200 Individuen binnen 1,5 Stunden in elf Ketten bei Hessisch Oldendorf diese eine wärmere Südwestströmung bei uns ankündigten, die sich an den Folgetagen einstellte.

2 Bilder
Tierhalter können bestätigen: Hunde haben eine innere Uhr.

Der Mensch ist abhängig vom Verhalten der Tiere – und umgekehrt beeinflusst er bewusst deren Zeitempfinden, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Die Bevölkerung in Afrika orientierte sich früher besonders an solchen natürlichen Zeitereignissen wie der Ankunft des Regenstorchs und profitierte davon. Sie nutzen solche Naturbeobachtungen für die Landbestellung oder auch für die Jagd auf Tierarten oder auf Zugvögel, die zu einer gewissen Zeit auch den Speiseplan reichhaltig verändern.

Auch das Zeitgefühl der Hühner kann man beeinflussen – und das geschieht in Legebatterien, wie Peter Jahn erklärt: „Der künstlich geschaffene Zeitrhythmus erhöht die Legeleistung.“ Hühner sind je nach Jahreszeit unterschiedlich aktiv. Länger werdende Tage machen sich also bemerkbar. Auch der natürliche Prozess, dass Küken im Frühjahr geboren und im Sommer groß werden, wird in der Massentierhaltung zerstört.

Bei den Wildtieren entscheidet das richtige „Timing“ über Leben und Tod. „Der Jahresverlauf wird hormonell gesteuert, Taktgeber sind Licht und Temperatur – danach regelt sich alles“, sagt Dr. Egbert Strauß, stellvertretender Leiter des Instituts für Wildtierforschung (IWFo). Die Experten sprechen vom „circadianen Rhythmus“: Damit wird der innere – rund 24 Stunden andauernde – Rhythmus von Pflanzen und Lebewesen bezeichnet.

„Die Hormone sprießen im Frühjahr; jetzt ist Balz- und Brunftzeit“, erklärt der gebürtige Hamelner. „Natürlich haben Wildtiere keine Uhr, aber andere Signalgeber“, erklärt der Wildbiologe. Wichtig seien vor allem die Jahreszeiten. Einige Wildtiere halten Winterruhe, beispielsweise zieht sich die Haselmaus ein halbes Jahr zurück und fährt dabei die Herzschlagfrequenz runter. Wenn der Mensch hier eingreife, könne das fatale Folgen haben, so Dr. Strauß. Wildtiere sind in der Brunft- und Balzzeit durch den Straßenverkehr erheblich gefährdet; auch die Beleuchtung unserer Wohnorte kann die Tiere in ihren Zeitabläufen irritieren.

Selbst Hunde und Katzen fühlen sich wohler, wenn sie einen geregelten Zeitablauf haben, erklärt Dr. Christiane Höll. Die Tierärztin erläutert: „Ein Tier kann nicht in die Zukunft planen. Es hat zwar Erinnerungen, denkt aber nicht wie der Mensch auch ohne Anlass daran.“ Hunde oder Katzen machen sich keine Sorgen um die Zukunft. „Andererseits kann man bei kranken Tieren nicht wie beim Menschen trösten: Nächste Woche geht es dir besser“, so Dr. Höll.

Die innere Uhr unserer Haustiere orientiert sich an Ritualen und Zeitabläufen und am Tageslicht. In ihrer Katzenpension könne sie deutlich beobachten: Tiere, die öfter dort sind, werden schneller „warm“ mit der Umgebung, weil sie die Abläufe dort gewohnt sind. Sie können aber nicht die Tage „zählen“, bis Herrchen oder Frauchen wieder da sind und sie abholen.

Es kommt also nicht darauf an, ob sie ein paar Stunden mehr oder weniger von ihrem Herrchen getrennt sind. „Für sie ist wichtig, dass dieser eine Tag für sie gut verläuft“, sagt die Veterinärin. Tiere leben im Hier und Jetzt.

Tiere haben weder Zeitmesser noch Kalender wie die Menschen. Und doch unterliegen sie einem bestimmten Lebensrhythmus. Ob Zugvögel, Milchkühe, Wildtiere oder Hund und Katz – sie alle haben eine innere Uhr.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige