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Junge Pianistin glänzt bei den Internationalen Konzerten: Julia Golkhovaya gibt ihr Debüt

Tief empfunden, aber nicht sentimental

Obernkirchen. Die von Nico Benardie geleiteten "Internationalen Konzerte im Stift" darf man getrost als vollen Erfolg werten. Da machte auch die Wochenend-Veranstaltung keine Ausnahme, bei der Julia Golkhovaya ihr Debüt gab.

veröffentlicht am 10.10.2007 um 00:00 Uhr

Autor:

Dietlind Beinßen

Zuerst brachte die junge Pianistin Franz Schuberts Charakterstück "Moments musicaux D 780" zu Gehör und folgte in ihrer einfühlsamen Interpretation den Eingebungen und kompositorischen Momentaufnahmen der Romantik. Schnell spürte man: Das Werk lag in technischer und musikalischer Hinsicht bei der Russin in besten Händen, zumal sie die Kontraste und plötzlichen Stimmungsumschwünge nachdrücklich betonte. Da war alles tief empfunden, ohne übermäßig sentimental zu sein - ein gelungener Drahtseilakt. Als bewusst formende Gestalterin mit bemerkenswerter Technik zeigte sich die Solistin anschließend bei der vertrackt schwierigen "Sonate Nr. 3 in fis-Moll", op. 23. Alexander Skrjabin ging es in dem hochromantischen, aber gleichzeitig sehr dramatischen, abrupt endenden Epos um den Kampf des schöpferischen, sensiblen Menschen gegen das Leiden der Welt und des Lebens. Skrjabin durchleuchtet in dieser Tondichtung weit weniger geläufige, eigentlich schon labyrinthische Ecken des Klavierterrains. Bei ihren erfreulichen pianistischen Erkundungen stützte sich Julia Golkhovaya nicht nur auf Energie und Anschlagkultur. Noch stärker faszinierten der Ausdruckswille und die Fähigkeit, poetische Züge auch in den verschlungensten Charakterstudien hellhörig und liebevoll auf den 88 schwarzen und weißen Tasten nachzuzeichnen. Die bislang demonstrierte Palette ihrer Möglichkeiten erweiterte die Künstlerin nach der Pause noch mit der zum Teil feurigen Darbietung von Robert Schumanns "Kreisleriana", op 16, die sie in der ganzen Bandbreite der unterschiedlichen Stimmungsgehalte auslotete. In Schumanns Klavierwelt der romantischen Brechungen und der psychologischen Zerrissenheit schien sich die Akteurin sogar ausgesprochen wohlzufühlen, denn die acht Sätze trugen durchaus authentischen Charakter. Mit dramatisch akzentuierten schnellen und lyrisch-bewegten langsamen Passagen verstand es die Spielerin, einfühlsam und gleichzeitig kraftvoll, das Bild des Hoffmann´schen Kapellmeisters Kreisler aufzumalen. So entstand eine Monographie voller fesselnder Momente, für die sich die Zuschauer mit herzlichem, lang anhaltenden Applaus bedankten, woraufhin Julia Golkhovaya einen sehr emotional ausgekosteten Extrabeitrag spendierte.

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