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Dr. Peter Neumann stellt gerettetes Schriftstück in biblischen Zusammenhang

Thorafragment stand auf dem Kopf: "Lasst sie aufstehen und euch helfen"

Rinteln (ur). Zu den besonders eindrucksvollen Schaustücken der Ausstellung zur Erinnerung an die Pogromnacht des Jahres 1938 in Rinteln gehört zweifelsohne der kleine Schnipsel aus der ansonsten verbrannten Thora-Rolle des Bethauses der Rintelner Juden, das wohl noch nicht als Synagoge gelten konnte.

veröffentlicht am 29.11.2008 um 00:00 Uhr

Dr. Neumann bei der Arbeit

Dieses bewegende Dokument der antisemitischen Barbarei der Nazis wurde seinerzeit von dem Schüler Siegfried von Hase gefunden und mit einem ausgeprägten Sinn für dessen Besonderheit aufgeklebt und aufbewahrt und befindet sich inzwischen im Museum Eulenburg. Bei der Präsentation des raren Schaustücks entdeckte der inzwischen pensionierte langjährige Superintendent Dr. Peter Neumann sofort, dass das Fragment in hebräischer Schrift verkehrt herum präsentiert wird - ein Umstand, der sicher damit zusammenhing, das der junge Mann seinerzeit nicht über Hebräisch-Kenntnisse verfügte. Ein Umstand aber zugleich, der zum Ausdruck bringt, wie sehr jüdische Tradition und Kultur von den Faschisten "auf den Kopf gestellt worden ist". Dr. Neumann machte sich daran, die Textstelle, aus der das Fragment stammt, in der hebräischen Bibel zu orten und zu entziffern - eine Herausforderung auch für ihn als erfahrenen Alttestamentler, der seine Promotion im Rahmen eines Forschungsprojektes am Alttestamentlichen Seminar der Universität Hamburg abschloss und dort auch ein Jahr Biblisches Hebräisch unterrichtete. Neben seiner Pfarrstelle in Stade und seiner späteren Funktion als Superintendent des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg war er außerdem 15 Jahre lang auch noch als Lehrbeauftragter für Alttestamentliche Bibelkunde an der Theologischen Fakultät in Hamburg tätig. Seine Rekonstruktion des Thora-Fragments ergab, dass es sich bei dem geretteten Schnipsel um den Teil eines Abschnitts aus dem "Buch Debarim" der Thora handelt, besser wohl bekannt als 5. Buch Mose, Kapitel 32. Dort heißt es in den Versen 36 - 39 im Deutsch der Luther-Bibel: "Denn der HERR wird seinem Volk Recht schaffen, und über seine Knechte wird er sich erbarmen. Denn er wird sehen, dass ihre Macht dahin ist und es aus ist mit ihnen ganz und gar. Und er wird sagen: Wo sind ihre Götter, ihr Fels, auf den sie trauten. Die das Fett ihrer Schlachtopfer essen sollten und trinken den Wein ihrer Trankopfer? Lasst sie aufstehen und euch helfen und euch schützen! Sehet nun, dass ICH ICH es bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und le bendig machen, ich kann schlagen und kann heilen. Und niemand ist da, der aus meiner Hand errettet . Denn ich will meine Hand zum Himmel erheben und will sagen: So wahr ich ewig lebe. Wenn ich mein blitzendes Schwert schärfe und meine Hand zur Strafe greift. So will ich mich rächen an meinen Feinden und denen, die mich hassen, vergelten." Die fett gedruckten Stellen sind jene, die im vorliegenden Fragment erhalten sind, dass dann mit philologischer Akribie in den passenden Gesamttext eingefügt wurde. Nach dieser Rekonstruktion darf man bewegt feststellen, dass es sich beileibe nicht um eine beliebige Textstelle handelt, die da anno 1938 von einem jungen Mann vorausschauend und umsichtig aufbewahrt wurde - als Zeugnis einer Zeit, die zu den dunkelsten Abschnitten auch der Rintelner Geschichte gerechnet werden muss. Lesen sich diese Zeilen heute im Rückblick nicht wie eine Prophetie? Eine deutliche Warnung an die Verfolger und zugleich eine Verheißung für die Judenheit in ihrer unsäglichen Not? Man muss kein zutiefst gläubiger Mensch sein, um die Besonderheit dieses Abschnitts vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse zu erkennen. Bemerkenswert auch, dass in diesem einzigenÜberrest der Rintelner Thorarolle ein Bekenntnis zur Einzigartigkeit Gottes und damit zum Monotheismus enthalten ist - und das, obwohl diese Texte in einem Kulturraum entstanden, in dem sich alle umliegenden Völker zu einer umfassenden Götterwelt bekannten. Insofern scheint es mehr als angemessen, den von Dr. Neumann rekonstruierten textlichen Zusammenhang in die museale Präsentation des Textfragments aus der Thorarolle der Rintelner Juden einzubeziehen. Wobei der zusätzliche religionswissenschaftliche Hinweis gestattet sei, dass die von der Familie von Hase gewählte Kennzeichnung "1 Stück vom Talmud" etwas irreführend ist, handelt es sich doch bei den "Talmudim" um auslegende und belehrende Schriften, die erst nach Vollendung des hebräischen Kanons entstanden sind.

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